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Stoffwechsel auf Sparflamme : Mauersegler als Energieprofis

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Seltener Bodenkontakt und hohe Energieeffizienz: Seit einigen Wochen sind die Mauersegler (Apus apus) auch wieder bei uns zu beobachten. Bild: Action Press

Was das Sparen von Heizkosten angeht, können wir uns von manchen Tieren etwas abschauen: Die Mauersegler drosseln in schwierigen Zeiten ihren Stoffwechsel und senken so die Temperatur im Nest.

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          Seit Anfang Mai sind sie wieder da: Nicht selten machen Mauersegler mit schrillen Schreien auf sich aufmerksam, wenn sie in den Städten über Dächer schwirren oder Häuserblocks umrunden. Ursprünglich auf hohe Felsen angewiesen, suchen sich diese Flugkünstler hierzulande meist Nistplätze an Gebäuden. Mit Vorliebe in Spalten, die sich bei Altbauten zwischen Dach und Mauerwerk auftun, oder in speziellen Nistkästen. In ihren Brutgebieten nutzen sie die Zeiten, in denen das Nahrungsangebot in Form von fliegenden Insekten besonders üppig ist. Schon nach drei Monaten fliegen sie dann wieder Richtung Süden davon.

          Was aber, wenn das Wetter so nass oder kalt daherkommt, dass die Mauersegler kaum nahrhafte Beute finden? Oft können sie misslichen Tiefdruckgebieten in schnellem Flug einfach ausweichen. Mit Nachwuchs im Nest ist das jedoch keine Option. Stattdessen sollte Energiesparen angesagt sein. Tatsächlich haben Studien im Labor gezeigt, dass Mauersegler, die zeitweilig fasten müssen, in Ruhephasen ihren Energieumsatz und damit auch ihre Körpertemperatur deutlich absenken. Nun haben Wissenschaftler um Arndt Wellbrock, Luca Eckhardt und Natalie Kelsey von der Universität Siegen nachgewiesen, dass auch frei lebende Vögel wenn nötig auf diese Weise Heizkosten einsparen.

          Als Forschungsobjekte dienten Mauersegler, die sich an der Unterseite einer Autobahnbrücke bei Olpe eingenistet hatten. Zahlreiche Nester wurden dort mit kleinen Geräten bestückt, die in regelmäßigen Abständen die Temperatur aufzeichneten. Bei einigen Mauerseglern, die sich in speziell präparierten Nistkästen einquartiert hatten, ließ sich auch der Verbrauch von Sauerstoff messen sowie die Produktion von Kohlendioxid. Wie Wellbrock und seine Kollegen in den „Biology Letters“ (doi: 10.1098/rsbl.2021.0675) berichten, konnten sie mehrfach beobachten, dass der Sauerstoffverbrauch – also die Produktion von Stoffwechselenergie – in den Nachtstunden deutlich zurückging. Wenn die ruhenden Vögel ihren Stoffwechsel derart auf Sparflamme geschaltet hatten, nahm die Temperatur im Nest durchschnittlich um acht Grad Celsius ab. Sie sank dann bis auf 21 Grad, während sie normalerweise auch nachts ungefähr 30 Grad beträgt. Schließlich halten Mauersegler, bei Weitem nicht die heißblütigsten Vögel, ihre Körpertemperatur gewöhnlich bei etwa 39 Grad.

          Nestlinge setzen auch auf Vorratshaltung

          In einem Beobachtungszeitraum von acht Jahren stellten die Biologen fest, dass die meisten Mauerseglerfamilien während der Brutsaison die eine oder andere Nacht im Energiesparmodus verbrachten. Wie häufig das notwendig war, hing vom Wetter ab. War es von Mai bis Juli überwiegend sonnig und warm, so war nur eine Minderheit der Mauerseglerfamilien gelegentlich zum Energiesparen gezwungen. Wenn mehr als ein Vogel im Nest übernachtete – maximal waren es vier Nestlinge plus Elternpaar –, blieb der Anteil jedes einzelnen freilich eine offene Frage.

          Nach Einschätzung der Forscher um Wellbrock ist Nahrungsmangel der wichtigste Grund dafür, dass Mauersegler nachts mitunter ihren Energieumsatz drastisch drosseln. Nestlinge setzen jedoch nicht nur auf Sparsamkeit, sondern auch auf Vorratshaltung. Angefutterte Fettreserven helfen ihnen, magere Zeiten unbeschadet zu überstehen. Wohlgenährt kann ein junger Mauersegler schließlich bis zu sechzig Gramm wiegen, also 50 Prozent mehr als ein erwachsener Vogel. Ehe die Jungen ausfliegen, müssen sie deshalb meist ein paar Tage fasten, um ausreichend abzuspecken. Ihre Flugmuskulatur trainieren sie dann schon längere Zeit. Zunächst nur flügelschlagend, soweit ihre Unterkunft das zulässt. Später stemmen sie mit abwärts gestreckten Flügeln ihren Körper derart in die Höhe, dass ihre Füße vom Boden abheben.

          Probleme in In Mittel- und Südeuropa

          Mit dieser Art von Liegestützen können die jungen Mauersegler vermutlich auch abschätzen, ob sie ihr Idealgewicht erreicht haben. Ihre Kinderstube, meist drei, vier oder mehr Stockwerke hoch gelegen, können sie jedenfalls nur fliegend verlassen. Einmal ausgeflogen, bleiben sie Tag und Nacht in der Luft. So ziehen sie dann, immer auf der Suche nach ergiebigen Jagdgründen, nach Süden in ihr Winterquartier. Bevor sie im darauffolgenden Jahr nach Europa zurückkommen, haben sie nie oder zumindest nur sehr sporadisch einmal festen Boden unter den Füßen. Aus dem südlichen Afrika heimgekehrt, in­spizieren die einjährigen Mauersegler mitunter schon mögliche Nistplätze. Um eine Familie gründen zu können, müssen sie allerdings noch ein weiteres Jahr warten.

          Das europäische Brutgebiet der Mauersegler erstreckt sich bis nach Norwegen, Schweden und Finnland. Somit können diese extrem ausdauernden Flieger auch die Mückenschwärme im sommerlichen Skandinavien als Nahrung für ihren Nachwuchs nutzen. Eine Voraussetzung, um dort erfolgreich zu brüten, war wohl die Fähigkeit, die Körpertemperatur in kühlen Nächten beträchtlich absinken zu lassen, um Heizkosten einzusparen. In Mittel- und Südeuropa haben Mauersegler allerdings zunehmend ein anderes Pro­blem: Sommerliche Hitzewellen heizen die Nistplätze dort mitunter übermäßig auf. Wenn die Nestlinge dann Kühlung suchen, indem sie sich weit aus der Nisthöhle recken, droht ein fataler Absturz.

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