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Brutstätte für Resistenzen : Antibiotika verschmutzen die Flüsse

Kläranlage in Brandenburg: Antibiotikareste werden von Kläranlagen nicht zurückgehalten. Bild: dpa

Eine Stichprobe in 72 Ländern zeigt, dass Antibiotika-Reste mit dem Abwasser in die Flüsse gelangen. Richtwerte werden teilweise vielfach überschritten. Auch deutsche Gewässer sind immer öfter Brutstätten für resistente Bakterien.

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          In vielen Flüssen weltweit finden sich offenbar Antibiotika in beunruhigenden Mengen. Das ist das Ergebnis einer Stichprobenerhebung, die Forscher der University of York in Kent initiiert und ausgewertet haben. Noch gibt es keine detaillierten Daten, die in einem geprüften Fachjournal publiziert wurden, dennoch schlagen die Umweltforscher Alarm: Auf der Jahrestagung der Society of Environmental Toxicology and Chemistry (SETAC), die diese Woche in Helsinki stattfindet,   präsentieren die Wissenschaftler ihre Messergebnisse, die nach eigener Auskunft „zum ersten Mal die Situation weltweit“ zeigen soll.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Tatsächlich gibt es seit einiger Zeit punktuelle,  regionale oder landesweite Analysen in Flüssen und Böden, doch eine internationale Studie, die die Antibiotika-Verschmutzung der Umwelt systematisch auf unterschiedlichen Kontinenten erfasst, gibt es auch nach Auskunft der Weltgesundheitsorganisation nicht. Die Genfer Behörde warnt freilich seit längerem, ebenso wie die Wissenschaftsakademien, dass Flüsse und Böden durch die Dauerverunreigung mit Medikamenten zu Brutstätten für Bakterien werden könnte, die Resistenzen gegen viele der in der Human- und Tiermedizin eingesetzten Antibiotika werden können.  

          Mit dem Abwasser, dem Klärschlamm, der Gülle oder den Gärresten werden sowohl antibiotikaresistente Bakterien wie  Antibiotikawirkstoffe aus Tierställen oder Haushalten in die Umwelt entlassen. Diese fördern schon in geringen Konzentrationen die Ausbreitung resistenter Bakterienstämme. In Deutschland fehlt bisher ein bundesweites Monitoring, wie das Umweltbundesamt in einem im Oktober vergangenen Jahres veröffentlichten Bericht beklagt, doch die Einzeluntersuchungen zeigen: „In den letzten Jahren wurden in verschiedenen Umweltmedien Antibiotikawirkstoffe vor allem aus der Humanmedizin nachgewiesen. Auch antibiotikaresistente Bakterien findet man zunehmend in der Umwelt.“

          Kulturbildung: Mikroorganismen in einer Petrischale.

          Die britischen Forscher sind für ihre „globale“ Analyse nicht etwa um die Welt gereist und haben die Proben selbst an den unterschiedlichen Stellen in 72 Ländern auf sechs Kontinenten genommen. Vielmehr haben sie zahlreichen „Partnerorganisationen“ das Analyse-Tool zugeschickt und gebeten, die Umweltproben vorzunehmen. Ausgewertet wurden diese dann an der Universität von Kent. Gezielt gesucht wurde nach 14 häufig verwendeten Antibtiotika.  In zwei Dritteln der Proben wurden tatsächlich Antibiotika in messbaren Konzentrationen gefunden. Besonders in Afrika und Asien treten problematische Verunreinigungen auf.  

          In vielen Fällen gelangten die Wirkstoffe offenbar auch direkt über Kläranlagen in die Flüsse. Am häufigsten gemessen wurde Trimethoprim, ein Mittel, das bei Infekten der Harwege und der Bronchien eingesetzt wird. 307 der insgesamt 711 Proben enthielten mindestens Spuren der Antibiotika. Mitunter waren es aber auch Mengen, die deutlich über den von der Antibtiotika-Allianz AMR vorgesehenen Richtwerte lagen. Insbesondere Metronidazol fiel dabei auf, das etwa in Bangladesch  in Konzentrationen vorkommt, die dreihundertfach über den als gesundheitlich unbedenklich geltenden  Werten liegen. Ciprofloxacin, eines der am häufigsten verwendeten Breitband-Antibiotika, das gegen zahlreiche Bakterieninfektionen eingesetzt wird,  überschreitet an 51 Probenentnahmestellen das Sicherheitslimit.

                 

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