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Luftverschmutzung : Starker Tobak für die Lungenärzte

„Ein Beispiel zur jüngsten Arbeit internationaler Fachgremien: Die Umweltbehörde der USA kam in ihrer letzten Gesamtschau der experimentellen und epidemiologischen Forschung zur Schlussfolgerung, dass Stickoxide eine direkte (kausale) Ursache von Atemwegsproblemen bei Asthmatikern sind. Dies heißt konkret, dass manche Asthmatiker, die nahe an verkehrsreichen Straßen wohnen, wegen den Abgasen verstärkte Betreuung benötigen. Davon sind nie alle Asthmatiker betroffen und es gibt keine Diagnostik, um herauszufinden, wer auf die Luftschadstoffe reagiert. Der behandelnde Arzt sieht einem Asthma-Anfall selbstverständlich nie an, ob er durch Luftverschmutzung oder andere Faktoren verursacht wurde. Als Kliniker müssten Köhler, Hetzel und Co. eigentlich wissen, dass sie in der Praxis nur Krankheiten, nicht aber ihre Ursachen schlüssig beurteilen können. Nur die Forschung kann Ursachen etablieren. Der Beitrag der epidemiologischen Forschung ist zu den Fragen der Luftverschmutzung von zentraler Bedeutung. Zum Beispiel kann die Frage, ob Kinder, die an schadstoffbelasteten Adressen wohnen, eine verlangsamte oder unvollständige Lungenentwicklung erleben, nur epidemiologisch erforscht werden. Kein Experiment kann diese Langzeitwirkungen verlässlich untersuchen. Große Langzeitstudien mit Tausenden von Kindern haben diesen Zusammenhang schon vor vielen Jahren schlüssig belegt.“ 

„Der Stil der Auftritte von Köhler und Hetzel lässt erkennen, dass es hier nicht um Fakten, sondern um Bauchgefühle und kochende Emotionen geht. Diese Ärzte sind normale Bürger, die sich mit Recht über den gänzlich entgleisten, irrationalen und aus wissenschaftlicher Sicht beschämenden Luftreinhaltepolitik-Aktivismus Deutschlands ärgern. Ja, diese Politik ist absurd. Sie gibt aber keinen Anlass, langjährig etablierte wissenschaftliche Erkenntnisse zu leugnen und die von der WHO vorgeschlagenen Grenzwerte in Frage zu stellen. Der Stickoxid-Grenzwert der EU erfüllt die Empfehlungen der WHO. Wer ihre Aussetzung per richterlichem Dekret fordert, handelt unethisch, da dadurch eine zentrale Errungenschaft der Prävention und der Erhaltung von Gesundheit aufs Spiel gesetzt wird. Die Feinstaub-Grenzwerte der EU sind hingegen viel zu hoch angesetzt. Seit Jahren weigert sich die EU – stark beeinflusst von Deutschland – die WHO-Richtwerte in die Direktive zu übernehmen. Dies ist besonders störend, da der Gesundheitsschaden durch Feinstaub viel größer ist als jener, der sich den Stickoxiden und dem Ozon kausal zuordnen lässt.“

„Die Luftverschmutzung verursacht akute und chronische Krankheiten wie Krebs, Atemwegs- und Herzkreislauferkrankungen und führt zu vorzeitigem Tod. Daran ändern die Stammtischdiskussionen einiger älterer Ärzte nichts. Es bleibt die offene Frage, weshalb Medien diesen Stammtisch zum ‚Expertengremium‘ hochstilisieren und diesem ihre medialen Plattformen offerieren.“

Prof. Dr. Jonathan Grigg

  • Professor für pädiatrische Atmungs- und Umweltmedizin, Queen Mary University of London, Vereinigtes Königreich:

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