https://www.faz.net/-gwz-721ss

Stadtklima : Die reinste Sauna

  • -Aktualisiert am

Die „gefühlte Temperatur“

Matzarakis’ Ergebnisse fußen auf der Erkenntnis, dass sich dreißig Grad Lufttemperatur nicht immer gleich anfühlen. Wie dreißig Grad vom Menschen empfunden werden, hängt von der direkten oder indirekten Einstrahlung der Sonne ab, außerdem von Feuchte und Windgeschwindigkeit. Indizes wie die physiologisch äquivalente Temperatur berücksichtigen zudem Körpergewicht, Geschlecht, Bekleidung sowie die nicht unwesentliche Frage, ob ein Mensch gerade steht, läuft oder sitzt. Dreißig Grad in der reflektierten Sonne der Hochhausschluchten des New Yorker Broadways beispielsweise fühlen sich unerträglich an, während sie nebenan im Central Park fast schon behaglich sein können.

Das Konzept der „gefühlten Temperatur“ ist allerdings nicht unumstritten. Kritiker monieren, dass man die Gesamtheit aller Einflüsse auf den Menschen nicht in eine Formel packen könne, zumal sie häufig sehr subjektiv erlebt würden.

Dass Bäume vor Sonne schützen, ist allerdings auch Stadtplanern bekannt. Sie wissen, dass man Beton und Asphalt eigentlich aufbrechen und Schneisen in den Stadtdschungel schlagen müsste, um die Überhitzung zu stoppen. „Planer sind heute besser ausgebildet, sie können auch mit Begriffen wie Klima und Lufthygiene etwas anfangen“, sagt der Klimatologe Wilhelm Kuttler von der Universität Duisburg-Essen, der im Ruhrgebiet seit Jahrzehnten eng mit Stadtplanern zusammenarbeitet. Die Kooperation sei viel enger geworden, sagt er.

Überragt derzeit alles in London: Das Hochhaus The Shard, das in den oberen Etagen Wohnungen bietet.

Etwas kritischer sieht das die Stadtplanungsexpertin Sonja Deppisch von der Hafen-City-Universität Hamburg. Sie bezweifelt, ob das in der Praxis schon überall so ist. Städte wie Stuttgart, die bereits seit längerem gegen schlechte Luftqualität und Hitze kämpfen, seien natürlich daran interessiert. Aber viele andere Städte hätten das Problem noch gar nicht erkannt und setzten sich deshalb auch nicht mit den erwartbaren Folgen des Klimawandels auseinander.

Kommunalpolitiker scheuen vorbeugende Maßnahmen gegen den Hitzekollaps der Städte häufig aus ganz simplen Gründen. Eine Rasenfläche muss immer wieder gemäht, ein Baum gelegentlich beschnitten werden. Deshalb werden vorzugsweise Bäume mit möglichst kleiner Krone angepflanzt, schon aus Haftungs- und Versicherungsgründen, weil große Bäume eben sturmanfälliger sind. Gewerbesteuer werfen Grünflächen natürlich auch nicht ab. Und plätschernde Brunnen, die ebenfalls zur Abkühlung beitragen können, verursachen laufende Kosten im Haushalt.

Eigeninitiative der Bewohner ist gefordert

Wo die Stadtplanung versagt, ist die Eigeninitiative der Bewohner gefordert. Hitzestress ist nicht zuletzt eine Frage des Verhaltens. Wer der Mittagsglut entkommen will, greift am besten zu altmodischen Mitteln: wenn es geht, zu Hause bleiben und die Fenster verdunkeln. Klimaanlagen hingegen kühlen zwar das eigene Heim, das Büro oder das Auto, doch die städtische Umgebung wird dadurch insgesamt noch heißer. In den wärmeren Regionen der Vereinigten Staaten von Amerika und in Teilen Ostasiens kühlt es durch den massenhaften Einsatz von Klimaanlagen sogar nachts nicht mehr ab. Und so sitzen die Menschen dort in der selbstgemachten Hitzefalle.

Weitere Themen

Massenproteste fürs Klima

Fridays for Future : Massenproteste fürs Klima

Vor einem Jahr begannen die ersten Klimastreiks in Deutschland. Inzwischen ist Fridays for Future eine weltweite Massenbewegung. Vor der Klimakonferenz in Spanien wollen Aktivisten in 157 Ländern auf die Straße gehen, auch in 500 deutschen Städten.

Topmeldungen

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.