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Stadtklima : Die reinste Sauna

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Zum ohnehin schon vorhandenen Inseleffekt kommt auf die Stadtbewohner der Klimawandel und damit eine weitere Erhöhung der Temperaturen um zwei bis drei Grad bis zum Ende dieses Jahrhunderts zu; so jedenfalls lautet die optimistischste Prognose des Weltklimarates der Vereinten Nationen. Was können Städteplaner da noch tun? Wie soll man sich auf eine zweifellos wärmere Zukunft einstellen?

Nach Ansicht von Storchs bedarf es zunächst einer besseren statistischen Grundlage. Nur dann ließen sich die Auswirkungen des Wärmeinsel-Effekts und der Klimaerwärmung sauber voneinander trennen. Diese grundlegende Klimastatistik fehlt allerdings in vielen Städten. Die Meteorologen hätten ihre Schularbeiten noch nicht gemacht, sagt Hans von Storch. Allerdings auch keine ganz einfache Aufgabe: Stadtklima ist hochkomplex und sehr individuell, setzt sich aus Hunderten von Mikroklimaten zusammen.

Bebauungsart und Topographie sind entscheidend

Bebauungsart, Gebäudedichte, Baumaterialien, Topographie und Relief müssen berücksichtigt werden. Eine Kessellage beispielsweise, wie man sie in Stuttgart antrifft, verzögert den Luftaustausch. Als Folge davon wird die Luft dort im Sommer noch schneller stickig.

Weil das Mikroklima nicht in allen Straßenzügen gemessen werden kann, hilft man sich gern mit Simulationen im Windkanal und numerischen Modellen. Es geht allerdings auch einfacher, wie ein Beispiel aus Utrecht zeigt: Weil dort kaum Daten existierten, montierten zwei Meteorologen Sensoren auf Fahrräder, mit denen sie jeden Morgen und jeden Abend zur gleichen Zeit zur Arbeit und zurück fuhren. So entstand schon ein erstes brauchbares Profil.

Auch in Städten wie Hamburg hat man grundlegende Arbeiten viele Jahre lang vernachlässigt. Erst jetzt werde das ordentlich untersucht, sagt von Storch: „Die Frage ist doch zum Beispiel: Begrüne ich ein Dach, weil ich nur annehme, dass es das Klima in meinem Stadtteil positiv beeinflusst? Oder mache ich es, weil ich sicher weiß, dass es etwas bringt?“

Dreißig Grad fühlen sich in der Nähe des Central Parks in New York kälter an als am nur einige Kilometer entfernten Broadway.

Analysen des Stadtklimas sind das eine. Das andere ist die Frage, wie man die ermittelten Daten interpretiert und welche Schlüsse man daraus ableitet. Der Freiburger Meteorologe Andreas Matzarakis hat seit mehr als zwanzig Jahren untersucht, wie sich das Wetter auf den menschlichen Organismus auswirkt. Stadtplaner beachteten diesen Aspekt nicht genügend. Sie konzentrierten sich zum Beispiel nur auf Messgrößen wie Temperatur und Luftfeuchtigkeit, dabei seien diese Faktoren kaum zu beeinflussen und hätten obendrein viel weniger mit dem Wohlempfinden des Menschen zu tun, als man allgemein denken würde.

Sonneneinstrahlung und Wind dagegen könne man lenken. Eine Stadt, die Frischluftschneisen berücksichtige, könne atmen. Und ein Baum, der einen großen Schatten werfe, schütze vor praller Sonne, auch wenn das die Lufttemperatur kaum ändere. Als Beispiel führt Matzarakis ebenden Platz der Alten Synagoge in Freiburg an. In einer Studie, die jetzt im Tagungsband „Advances in Meteorology, Climatology and Atmospheric Physics“ (Springer Atmospheric Sciences) veröffentlicht wurde, hat er berechnet, dass die sogenannte „physiologisch äquivalente Temperatur“ - ein ähnliches Maß wie die gefühlte Temperatur - nach dem Umbau des Platzes um bis zu zehn Grad zunehmen wird. Zudem wird sich der Zeitraum, in dem Hitzestress auftreten kann, von drei auf fünf Monate ausdehnen, und auch die Frequenz der heißen Tage wird sich erhöhen. Als Ursachen benennt er den fehlenden Schatten der Bäume sowie die Oberflächengestaltung des Platzes aus Granit.

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