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Bild: Charlotte Wagner

Ab in die Botanik : Das Sterben der Bäumchen

Nur weniger als die Hälfte der neu gepflanzten Stadtbäume werden groß. Schuld ist diesmal ausnahmsweise nicht der Klimawandel, sondern mangelnde Pflege.

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          Es sind deprimierende Bilder, die ich bei meiner täglichen Tour durch die Stadt erblicke. Ich sehe kahle oder teilweise entlaubte Gerippe, mit aufgeplatzten Rinden und abgebrochenen Ästen, etwa jeder dritte Jungbaum ist tot oder steht kurz vor seinem Ende. Am besten erkennt man den erbärmlichen Zustand der Straßenbäume an viel befahrenen Straßen, die regelmäßigen Abstände der Bepflanzungen sind immer häufiger unterbrochen, ganze Straßenzüge haben sich in eine einzige Aneinanderreihung von Stümpfen inmitten ausgedörrter Rasenflächen verwandelt. Und das Kreischen der Motorsägen hat gerade erst begonnen.

          Andreas Frey
          Freier Autor in der Wissenschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Was ist schuld an dem Sterben der Bäumchen? Krankheiten, Dürre, Klimawandel? Nein, hauptsächlich ein anderes Phänomen, für das aber auch der Mensch verantwortlich ist: mangelhafte Pflege. Ein junger Baum, der nicht im Wald aufwachsen darf, von großen Bäumen wunderbar geborgen, ist Schadstoffen und Hitze direkt ausgesetzt. Außerdem müssen seine Wurzeln erst tief in den Boden wachsen, um unter Extrembedingungen wie in diesem Sommer genug Wasser zu finden. Deshalb benötigt ein kleiner Baum in den ersten drei Jahren genügend Pflege: Wasser vor allem während der intensivsten Trockenphasen, einen Schnitt, sollte sich die Krone krumm entwickeln, und einen weißen Anstrich oder Bambusmatten, um Sonnenbrand zu verhindern.

          „Es ist wirklich zum schämen“

          Doch an der Pflege hapert es hierzulande gewaltig, vor allem bei der Bewässerung. Diesen Eindruck bestätigt Daniela Antoni, Baumsachverständige aus Stockstadt bei Aschaffenburg. „Was ich täglich sehe, ist wirklich zum Schämen“, schrieb sie mir am vergangenen Freitag. Kaum eine Neuanpflanzung der letzten Jahre komme lebend durch den Sommer, die Verlustrate sei wirklich hoch. Sie schätzt, dass von hundert Neupflanzungen höchstens dreißig überleben, allenfalls in den Großstädten müsse nur jeder zweite Jungbaum dran glauben. Offizielle Zahlen werden allenfalls lokal erhoben, eine Art Waldzustandsbericht für Straßenbäume gibt es nicht.

          Auch für Daniela Antoni ist ein Grund für das Sterben der Bäumchen die notorische Unterbesetzung der Grünflächenämter. Aber natürlich machen Dürre und sinkende Grundwasserspiegel das Überleben in urbanen Zonen nicht einfacher. Doch Antoni nennt auch rechtliche Gründe für die gravierenden Nachwuchsprobleme. Wer einen alten Baum fällt, muss zwar häufig einen neuen pflanzen, aber kümmern müsse man sich in Deutschland um den grünen Nachwuchs meist nicht. Die Folge: Neupflanzungen gehen ein, und die Altbäume, häufig unter fragwürdigen Umständen gefällt, sind weg. Am Ende hat ein Ort wieder einen Baum weniger, ganze Straßenzüge lichten sich. Hinzu kommen die Kosten für einen neuen Baum, erklärt sie, vierstellig in der Anschaffung. „Steuergelder ohne Ende gehen verloren.“

          Doch weniger Bäume sind genau das Gegenteil dessen, was wir in den Städten angesichts des Klimawandels brauchen. Grün muss es werden und schattig, damit die folgende Generation in den Beton- und Asphaltwüsten, die wir Städte nennen, noch gut leben kann. Die Grundlage hierfür muss jetzt gesetzt werden, damit sich die neuen Gewächse zu jenen Baumriesen auswachsen dürfen, die wir heute so unbedacht fällen. Ich bezweifle aber, dass sich etwas ändert. Stadtgrün wird immer noch als eine Nebensache wahrgenommen, die Arbeit macht und abgestellte Autos verdreckt – um jeden Parkplatz wird sich besser gekümmert. Und wirklich sorgen sich die Menschen in meiner Nachbarschaft nur, dass Parkplätze erhalten bleiben. Um Bäume bangt keiner.

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