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Sportmedizin : Köpfchen in die Höh’

  • -Aktualisiert am

Beim Brustschwimmen kann man viele Haltungsfehler machen. Bild: Wresch, Jonas

Schwimmen entspannt und schont die Gelenke? Von wegen. Fehlhaltungen sind häufig. Brustschwimmen kann sogar ungesund sein und ist für Anfänger ohnehin die falsche Technik. Höchste Zeit für neue Konzepte im Schwimmunterricht.

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          Brustschwimmen hat Tradition: Höhlenmalereien in der Sahara zeigen Figuren, die in Bauchlage durchs Wasser gleiten. Fünftausend Jahre später ist das Brustschwimmen in Verruf geraten. „Schwierig zu lernen“, sagen Schwimmlehrer heute, „ungesund“, warnen Sportmediziner. Denn es belastet die Halswirbel und das Kniegelenk - zumindest dann, wenn es unsauber ausgeführt wird.

          Und das tun die meisten. Experten schätzen, dass weit mehr als die Hälfte aller Kinder und Erwachsenen ihre Bahnen nicht effektiv und entspannt ziehen, indem sie etwa die Füße nicht korrekt winkeln oder den Po hängen lassen.

          “Brustschwimmen ist technisch und physiologisch sehr anspruchsvoll“, sagt Axel Dietrich, Jugendbildungsreferent des Deutschen Schwimmverbands (DSV). Die meisten Kinder lernen es deshalb mit kleinen Schönheitsfehlern, die sie im späteren Leben nicht mehr korrigieren. Als Erwachsene spüren sie dann gar nicht mehr, dass ihre Beine in unterschiedlicher Höhe arbeiten oder ihr Körper schräg im Wasser hängt. Das geht auf Kosten der Geschwindigkeit und verursacht mitunter Rückenschmerzen.

          Kinder sollten verschiedene Techniken beim Schwimmen erlernen.

          Viele Amateurbrustschwimmer fallen im Wasser ins Hohlkreuz. Gänzlich unbekannt ist den meisten auch, dass der Kopf beim Brustschwimmen ins Wasser tauchen soll und nur zum Einatmen gehoben wird. Nur so kann sich die Wirbelsäule strecken und entspannen. Stattdessen ziehen viele Schwimmer mit konstant über Wasser gehaltenem Kopf ihre Bahnen. Und klagen hinterher über den verspannten Nacken.

          Trotzdem ist das Brustschwimmen bei den Deutschen nach wie vor die beliebteste Technik, im Gegensatz etwa zu den englischsprachigen Ländern, wo Kraulen viel verbreiteter ist. Das hat historische Gründe. „Bei uns war der Schwimmsport früher sehr militärisch geprägt“, sagt Andreas Bieder, Schwimmexperte an der Sporthochschule Köln. „Da war es wichtig, dass die Soldaten mit dem Kopf über dem Wasser schwammen. Sonst hörten sie die Befehle nicht.“

          Brustschwimmen ist schwierig für Anfänger

          Auch für Schwimmlehrer war die bessere Verständigung lange Zeit ein Argument fürs Brustschwimmen bei den Anfängern. So konnten sie den Kindern leichter Hinweise geben. „Das stammt aber noch aus Zeiten, in denen der Lehrer am Beckenrand stand und rief“, so Bieder. „Heute steigen viele mit den Kindern gemeinsam ins Wasser, da fällt der direkte Austausch viel leichter.“

          Die meisten Anfänger starten dennoch mit dem Brustschwimmen, auch auf Wunsch der Eltern, die es aus der eigenen Kindheit nicht anders kennen. Dabei gilt es unter Sportwissenschaftlern als besonders schwer zu lernen. Die korrekte Drehung der Hände, der passende Anstellwinkel der Füße, der effektive Rhythmus zwischen Arm- und Beinzug sind diffizil und müssen lange geübt werden.

           Kinder lernen überall auf der Welt schwimmen. In Deutschland allerdings können immer weniger Kinder altersentsprechend schwimmen.

          Was Bademeister in deutschen Schwimmbädern dagegen meist beobachten, nennen sie nur spöttisch „Pseudobrust“. Bei Kindern registriert der Hamburger Schwimmlehrer Christian Haegemann angestrengtes Armrudern, der Kopf liegt im Nacken, die Füße zeigen zum Boden. „Tragen sie dann noch Schwimmhilfen an den Armen, liegen die Kinder nicht waagerecht im Wasser, sondern hängen wie Bojen darin.“

          Deutlich einfacher zu lernen sei vor allem das Kraulen. „Es ähnelt den Bewegungen an Land viel mehr“, erklärt DSV-Experte Dietrich. So gleicht das sogenannte Hundepaddeln im Wasser sehr deutlich dem Krabbeln an Land. Zu diesem einfachen Schwimmstil im Wasser finden viele Kinder von allein. „Anstatt ihnen diese Bewegungen im Schwimmunterricht auszutreiben und durch die ungewohnten Bewegungen des Brustschwimmens zu ersetzen, empfehlen wir, dieses erste, ganz einfache Kraulen erst einmal zu fördern und zu verfeinern“, sagt Dietrich. So hätten die Kinder auch schnell erste Erfolgserlebnisse.

          Es steht zwar im Lehrplan, dass Kinder nach dem Ende der Grundschulzeit schwimmen können müssen, das klappt aber nicht immer - auch, weil Kommunen den Schulen nicht ausreichend Schwimmbäder bereitstellen.

          Wichtig sei, dass die anderen Techniken möglichst rasch dazukommen. Daraus können die Kinder dann individuelle Mischformen entwickeln. Viele kombinieren zum Beispiel den Beinschlag der Krauler mit den Armbewegungen aus dem Brustschwimmen. Ängstliche Kinder bevorzugen das Brustschwimmen - so haben sie alles im Blick. Übergewichtige wiederum lieben Rückenschwimmen, weil es die Wirbelsäule entlastet und die Atmung dabei besonders einfach ist.

          Experten sehen aber noch einen weiteren Vorteil darin, Kindern früh verschiedene Stile anzubieten: Sie erwerben damit eine größere Sicherheit im Wasser. Wer nur eine Technik beherrscht, hat im Notfall zu wenig Rüstzeug. Kinder haben zum Beispiel Probleme damit, sich im Wasser von der Rückenlage auf den Bauch oder umgekehrt zu drehen, wenn sie es nicht üben. Das kann zum lebensgefährlichen Problem werden, wenn sie ins Wasser stürzen.

          Immer weniger können schwimmen

          Wer nur kraulen kann, hat mitunter noch nicht gelernt, auf der Stelle zu treten, um in brenzligen Situationen Hilfskräften zu winken. Und manche Kinder, die nur das Brustschwimmen beherrschen, haben bislang jedes Untertauchen mit dem Kopf vermeiden können. Sie geraten dann schon bei kleineren Wellen in Panik.

          Tatsächlich nimmt die Zahl der sicheren Schwimmer ab, das belegen Studien immer wieder. So stellte die Deutsche Lebensrettungsgesellschaft (DLRG) 2011 fest, dass nur noch 55 Prozent aller Fünftklässler einen Freischwimmer haben - vor 25 Jahren waren es noch 90 Prozent aller Viertklässler. Grund dafür sei vor allem der Geldmangel, der zur Schließung zahlreicher Schwimmbäder geführt hätte.

          Die aktuelle Entwicklung bei den Schulkindern ist erschreckend genug. Tatsächlich sicher und altersentsprechend schwimmen können aber noch einmal deutlich weniger: Laut einer Studie der Sportwissenschaftler der Universität Bielefeld beherrschen dies nur 30 Prozent der Fünftklässler. Schwimmabzeichen allein sind eben noch kein Beleg fürs Schwimmen können. Dies bemerkt auch Schwimmlehrer Haegemann in seinen Pflichtkursen für Schulen. „Manches Kind kommt dann zwar mit einem Freischwimmer-Abzeichen an der Hose zu uns, kann aber nicht sicher gleiten, treiben oder tauchen.“ Die Schüler landen dann im Anfängerkurs, um die Grundlagen nachträglich zu lernen.

          Schön, aber nicht ausreichend: Das Seepferdchen-Abzeichen.

          In Hamburg haben die städtischen Bäder ihr Lehrkonzept grundlegend umgestellt. Die Kurse zielen dort nicht mehr auf ein bestimmtes Abzeichen oder einen vorgeschriebenen Schwimmstil. Schwimmhilfen sind abgeschafft. Die ersten drei Lehrmodule konzentrieren sich auf den sicheren Umgang mit dem Wasser: drehen, tauchen, springen. Erst dann wird mit ersten Technik-Übungen begonnen. „Früher wurden die Kinder auf Brustschwimmen getrimmt und waren schnell frustriert“, so Haegemann, „heute gewöhnen sie sich viel länger an das neue Element Wasser und probieren erst dann verschiedene Stile aus.“

          Nach seiner Erfahrung haben die Kinder seit der Umstellung des Lehrkonzeptes im Jahr 2006 weniger Angst im Wasser. Sie lernen zwar etwas langsamer, aber viel leichter und sicherer schwimmen. Welche Technik sie dabei wählen, bleibt ihnen überlassen: Krauler, Rücken- und Brustschwimmer sind bei Haegemann etwa gleich stark vertreten. Auch die Regeln für die Schwimmabzeichen schreiben keine spezielle Schwimmtechnik vor.

          Schwimmen können nicht nur Kinder lernen, auch Erwachsene können Schwimmkurse besuchen. Hier bekommen sie Tips für einen besseren Stil.

          Erste Erfolge sind bereits messbar: So haben deutlich mehr Schüler ihr Schwimmabzeichen erreicht. Innerhalb von zwei Jahren stieg der Anteil der Kinder, die beim Schulschwimmen beim Hamburger Bäderland die Seepferdchen-Prüfung erfolgreich absolvierten, von 80 auf 95 Prozent.

          Nun wünschen sich die Schwimmlehrer mehr Mut bei den Erwachsenen. Die Kurse für ältere Schwimmer sind wenig gefragt. Dabei könnten die meisten Tips und Korrekturen brauchen.

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