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Soziale Systeme : Warum Klatsch und Tratsch unverzichtbar sind

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„The Gossips“ - Norman Rockwells berühmte Illustration aus dem Jahr 1948 Bild: AP

Klatsch und Tratsch zählen nicht zu den angesehensten Formen der Kommunikation – und doch erfüllen sie im Zusammenleben eine wichtige Rolle. Über die Soziologie einer schlecht beleumundeten Kommunikationsform.

          3 Min.

          Klatsch ist ebenso verbreitet wie verrufen. Kaum jemand möchte bezichtigt werden, geklatscht zu haben. Aber ohne den Klatsch würde manches Gespräch schnell versanden. Angesichts dieser Ambivalenz verwundert es nicht, dass die Soziologie den Klatsch nicht mit besonderer Aufmerksamkeit bedacht hat. Zu den soziologischen „Grundbegriffen“ wird er üblicherweise jedenfalls nicht gezählt. Umso erfreulicher ist, dass eine der wenigen Arbeiten, die sich dem Phänomen widmet, nun wieder erhältlich ist.

          Bereits 1987 hatte der Bielefelder Soziologe Jörg Bergmann sein Buch zum Thema vorgelegt, das nun in einer leicht aktualisierten Neuauflage vorliegt. Bergmann begreift den Klatsch als eine besondere Form der Konversation. Es geht also nicht um Klatschblätter, sondern um das Reden über dritte, den Beteiligten bekannte Personen.

          Im Alltag gilt der Klatsch als eine Art „schäbiger Verwandter des eigentlichen Gesprächs“, den man nicht gerne beim Namen nennt. Trotzdem fungiert er als eine „kommunikative Gattung“, an deren impliziten Regeln sich die Beteiligten orientieren können. Typisch für die Praxis des Tratschens ist eine soziale Konstellation, die Bergmann als „Klatschtriade“ bezeichnet: Sie besteht aus Klatschproduzent, Klatschrezipient und Klatschobjekt.

          Zum Gegenstand eines Klatschgesprächs kann nur werden, wer abwesend ist. Augenfällig wird diese strukturelle Voraussetzung, wenn das Klatschobjekt den Raum betritt: Ein zuvor lebhaft geführtes Gespräch über diese Person kommt zu einem abrupten Ende, und auf die Nachfrage, worüber man denn gerade geredet habe, gibt es nur ausweichende Antworten. Es wäre ansonsten naheliegend, dass der Betroffene das Ausplaudern persönlicher Details monieren und der in aller Regel nicht schmeichelhaften Darstellung widersprechen würde. Das Resultat wäre ein Konflikt, der nicht nur die Situation ruinierte, sondern auch die Beziehungen der Beteiligten in Mitleidenschaft zöge.

          Der Klatsch floriert trotz Unbehagen

          Um dieser Gefahr zu begegnen, könnte man auf prinzipiell Abwesende ausweichen, also über Personen klatschen, die man gar nicht persönlich kennt. Wer über Prominente herzieht, riskiert selten, diesen irgendwann zu begegnen. Der Klatsch über sie speist sich aber in der Regel nicht aus Einblicken in die Privatsphäre einer Person, sondern allenfalls aus angelesenen – zudem meist fingierten – Kenntnissen. Absurd wäre Klatsch über Prominente, die ausweislich ihrer medialen Dauerpräsenz ohnehin gar keinen Wert mehr auf eine Privatsphäre legen: Wo es keine Privatheit gibt, findet der Klatsch keinen Ansatzpunkt. Dies gilt im Übrigen auch für kleine Kinder, die mangels sorgsam gepflegter Privatsphäre keine legitimen Klatschobjekte sind.

          Um interessanten Klatsch anbieten zu können, benötigen Klatschproduzenten einen privilegierten Zugang zur Privatsphäre anderer und dadurch zu moralisch kontaminierten Informationen. Das Interesse an Klatsch konzentriert sich auf Themen, an denen die Differenz von öffentlicher Selbstdarstellung und privater Hinterbühne sichtbar wird: Wenn man aus Unterhaltungen nach gemeinsamem Sport weiß, dass der als verlässlich geltende Kollege spielsüchtig ist, kann man mit dieser Information hausieren gehen.

          So bringt sich der Klatschproduzent allerdings selbst in eine prekäre Situation: Wie verträgt sich die Vertrauensbeziehung, aus der er schöpft, mit der Verwertung der gesammelten Informationen in einem Klatschgespräch? Nicht umsonst unterliegen beruflich begründete Einblicke in das Privatleben anderer der Verschwiegenheitspflicht. Für privat erlangte Informationen gilt dies nicht. Wer am Klatsch teilnimmt, tut dies aber im Bewusstsein seines ambivalenten Status: Der Rezipient, so Bergmann, empfängt eine Gabe, von der er weiß, dass sie „gestohlen“ ist.

          Es gibt Gründe, warum der Klatsch trotz dieses Unbehagens floriert: Er folgt dem harmoniefördernden Prinzip, die Anwesenden zu schonen und ihnen allein für ihre Anwesenheit eine moralische Prämie zuzugestehen. Das geht am einfachsten auf Kosten der Abwesenden, über die man sich umso besser mokieren kann. Die mitgeteilten Indiskretionen bedienen zwar vor allem die Interessen der Anwesenden, doch sie bewahren auch eine gewisse Loyalität gegenüber dem abwesenden Klatschopfer.

          Das zeigt sich an der Wahl der Klatschpartner und -themen: Nicht allen wird alles erzählt. Der Klatsch parasitiert am Vertrauen in persönlichen Beziehungen, um Zugang zu privaten Informationen zu erhalten. Die Klatschproduzenten müssen aber ihrerseits darauf vertrauen, dass ihre Indiskretionen nicht als Missbrauch ihrer Position gewertet werden. Ansonsten werden sie im nächsten Schritt selbst zum Objekt und Opfer des Klatsches.

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