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Bettler als Dienstleister : Service als Terror

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Bettler kommen gelegentlich auf die Idee, zum Ausgleich für die erbetenen Gaben eine kleine Dienstleistung sei es anzubieten, sei es aufzudrängen. Bild: dpa

Einige Bettler, die auf der Straße musizieren oder andere Dienstleistungen anbieten, sehen sich als professionelle Geschäftsleute, die von ihrer Arbeit leben können. Dass es sich um unerbetene Dienste handelt, fällt unter den Tisch.

          Bettler kommen gelegentlich auf die Idee, zum Ausgleich für die erbetenen Gaben eine kleine Dienstleistung sei es anzubieten, sei es aufzudrängen. Das bekannteste und zugleich harmloseste Beispiel dafür ist das öffentliche Musizieren in Fußgängerzonen, das keinen begrenzten Adressatenkreis hat, also niemanden ausschließt, und das auch nicht anstrengender wird, wenn das Publikum anwächst. Hier muss niemand sich in der Schuld des Musikers fühlen, der einfach vorübergeht. Und selbst wer stehenbleibt, um kurz zuzuhören, ist danach immer noch frei, sich mit ein paar Münzen zu bedanken oder es bleibenzulassen. In anderen Fällen, für die der Schuhputzer vergangener Zeiten die Anschauung bietet, werden die Passanten persönlich und gegen Entgelt bedient, aber natürlich nur dann, wenn sie es auch ausdrücklich wünschen. In beiden Fällen wird man zweifeln, ob es sich überhaupt um Bettelei handelt.

          Eindeutiger und zugleich schwieriger ist die Situation, wenn die Bettler sich an den vermuteten Wünschen einzelner Klienten orientieren und sie zu erfüllen beginnen, noch ehe sie mitgeteilt wurden. So muss der Autofahrer im Stau darauf gefasst sein, dass ihm die Scheiben geputzt werden, ob er nun will oder nicht. Seinen selbsternannten Wohltätern kann der arme Mann nicht entkommen. Etwas besser hat es da schon der unter voller Paketlast dem Ausgang zustrebende Kaufhauskunde, wenn er sieht, dass ein Bettler ihm, in der einen Hand den Klingelbeutel, mit der anderen die Tür aufhält. Er kann der bevorstehenden Zwangsbeglückung immer noch ausweichen, indem er einen anderen Ausgang nimmt.

          Über diesen Typus des „zuvorkommenden“ Bettlers hat die New Yorker Soziologin Mary Patrick nun eine kleine Untersuchung publiziert, die einer allzu einfachen Auffassung von Kommunikation widerspricht. Nach dieser Auffassung setzen soziale Situationen voraus, dass die Beteiligten sich über Sinn und Zweck der Zusammenkunft mehr oder minder einig sind. Das klingt plausibel und trifft für Fälle wie den Schuhputzer und seine Kundschaft auch zu. Es gibt aber auch Gegenbeispiele, in denen das Zusammenleben gerade durch unbemerkte Divergenzen in der Auslegung der Situation erleichtert wird.

          So hat man einmal zuerst die Vorgesetzten einer Firma und danach ihre Untergebenen befragt, welchen Anteil der Befehl an ihren täglichen Kommunikationen habe. Die Vorgesetzten gaben an, oft zu befehlen, aber die Untergebenen waren sich sicher, eigentlich fast immer nur freundlich gebeten zu werden. Der Verzicht auf die gemeinsame Situationsdefinition erlaubte es jeder Seite, die ihr schmeichelhafteste Auslegung zu wählen. Bei der Befragung der Bettler und ihres Publikums hat die Soziologin einige Belege für beides gefunden: für Meinungsverschiedenheiten, die stören, und für solche, die es nicht tun.

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          Für die zuvorkommenden Bettler selbst sieht die Sache so aus: Sie sehen in ihrer Dienstfertigkeit und Hilfsbereitschaft eine Art von Äquivalent für die erbetenen Spenden, das sie aus unabtragbaren Dankespflichten erlöst, einen wirksamen Schutz gegen den Vorwurf des Parasitentums verspricht und in jedem Falle die öffentliche Selbsterniedrigung den Spendern wie den Verweigerern gegenüber verringert. Einige von ihnen gehen sogar so weit, aus dem Angebot einer Gegenleistung den Schluss zu ziehen, eigentlich seien sie professionelle Geschäftsleute, die von den Erträgen ihrer Arbeit lebten, und fühlen sich deshalb den passiven Bettlern weit überlegen. Dass es sich um unerbetene Dienste handelt, fällt dabei unter den Tisch.

          Für viele Passanten ist gerade dieser Punkt wichtig. Für sie liegt das Entscheidende nicht in der Gegenleistung, sondern im Verlust der Situationskontrolle. In der aufgedrängten Dienstleistung sehen sie nur eine Technik zur Erzwingung von Dankesschuld und schlechtem Gewissen, die eigentlich auf einen Rollentausch von Bettler und Bürger hinauslaufe. Die von den Bettlern gesuchte Situation wird von ihren prospektiven Kunden also ganz anders interpretiert – und kommt ebendeshalb oft nicht zustande. Einer der aktiven Bettler war denn auch der Meinung, dass er ohne Gegengaben sicherlich mehr Spenden erhalten würde.

          Wenn die aktive Betteltechnik gleichwohl funktioniert, dann weil der feste Standort des Bettlers die Gelegenheit zu wiederholten Kontakten bietet und weil die einmal akzeptierte Dienstleistung dem Passanten die Fortsetzung der Beziehung nahelegt, und zwar sehr viel mehr, als wenn er einfach nur ein bisschen Geld verschenkt hätte. Auch den Stammkunden der Türöffner liegt es freilich fern, im Bettler den Geschäftsmann zu sehen und in der Begegnung mit ihm einen ökonomischen Tausch. Sie sehen sich selbst vielmehr als uneigennützige Nothelfer und nehmen die Gegengabe als Symbol für fortbestehende Dankesschuld. Aber diese Meinungsverschiedenheit, die ja außer dem Soziologen vielleicht auch niemand bemerkt, steht der guten Dauerbeziehung zum Bettler durchaus nicht im Weg.

          Mary Patrick, „Gift exchange or quid pro quo?“, in: Theory and Society 47(2018), S.487-509.

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