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Soziologie des Seitensprungs : Liebe machen

Umfragen zu sexuellen Einstellungen sind beliebt, aber die zugrunde liegenden Daten alles andere als verlässlich. Und was sagt uns das alles eigentlich über die Liebe?

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          Der Zoologe Alfred Kinsey hat in den vierziger Jahren damit begonnen. Seine Berichte über die Sexualität der Amerikaner erregten damals heftiges Aufsehen. Seitdem sind Umfragen zu sexuellen Einstellungen in den Massenmedien beliebt. Ob die Frauen von reichen Männern mehr Lust empfinden, wie viele Menschen schon einmal fremdgegangen sind, ob Mitarbeit im Haushalt auf die erotische Empfänglichkeit drückt und wie oft es die Briten treiben - fast jede Woche werden entsprechende Studien bekannt. Dass nicht nur beim Sex, sondern auch darüber ziemlich viel gelogen wird, ficht die, die darüber prompt schreiben, nicht an. Hauptsache, es wird national unterschiedlich gelogen und es gibt unterhaltsame Zahlen.

          Dabei gilt: je ungleicher, desto unterhaltsamer. Eine internationale Partnerschaftsagentur beispielsweise, die auf Verheiratete, also auf Seitensprünge, spezialisiert ist, versorgte ihre prospektive Kundschaft zuletzt mit solchen Befunden: Drei Viertel aller Frauen würden eine sexuelle Affäre verzeihen, aber nur ein gutes Drittel aller Männer. Dafür fanden 69 Prozent der befragten Frauen eine „emotionale Affäre“ schlimmer als bloßen Sex, während sich wiederum nur eine Minderheit der Männer an Affären stört. Oder es wird mitgeteilt, Umfragen hätten ergeben, dass an den Arbeitsplätzen im Durchschnitt mehr als eine Stunde am Tag für die Pflege heimlicher Beziehungen per Telefon und E-Mail draufgeht. 18 Prozent der Befragten haben gar angegeben, mehr als zwei Stunden täglich im Büro mit Internetflirts zu verbringen.

          „Fremdgeh-Portale“ als Geschäftsmodell

          Nun liegt in solchen Fällen die Mitteilungsabsicht auf der Hand. „Fremdgehen ist normal“, will uns das sagen. Und je cooler der Seitenspringer an das Normale herangeht, desto eher wird es ihm zu Hause verziehen. Und zwar in erste Linie ihm - denn eine ungleiche Nutzung des „Fremdgeh-Portals“, wie sich das Unternehmen selbst bezeichnet, durch die Geschlechter darf dabei wohl unterstellt werden.

          Doch obwohl solche Statistiken in Geschäftsmodelle integriert sind, erschöpft sich ihr Sinn nicht darin. Sie dokumentieren auch einen veränderten Umgang mit der Sexualität überhaupt. Es existieren nicht nur solche Agenturen, was vor dreißig Jahren schwer vorstellbar war. In Talkshows treten auch regelmäßig Pornodarstellerinnen auf. In Zeitungen und in Parlamenten wird diskutiert, ob Prostitution ein normaler Beruf ist. Die Nutzung von Escort-Serviceleistungen durch wirtschaftliche Spitzenkräfte ist ein gängiges Element von Spielfilmen geworden.

          Es geht darum, „Liebe zu machen“

          Kurz: Im Bereich von Liebe und Lust hat sich jedenfalls in den Massenmedien etabliert, was der norwegische Soziologe Johan Galtung einst als „kognitive Erwartungshaltung“ bezeichnet hat. Kognitiv erwartet, wer auf Überraschungen mit Lernen reagiert anstatt mit Empörung, moralischer oder juristischer Sanktion. Man sagt beispielsweise, wenn es um vor- oder außerehelichen Sex geht, „Ach, so ist das“ anstatt „Das ist ja unerhört“.

          Betrifft diese Erwartungshaltung nun auch die Liebe selbst? Ja und nein, lautet die Antwort, die amerikanische Soziologen soeben gegeben haben. Denn ihren Umfragen unter Studenten entnehmen sie, dass Sexualität und Liebe immer stärker unterschieden werden. Jemanden zu lieben spiele kaum eine Rolle, wenn es darum gehe, „Liebe zu machen“. Dabei sei es nicht etwa so, dass die Studenten keinerlei moralische Erwartungen hätten. Nur beeinflussen diese überhaupt nicht ihre sexuellen Praktiken. Sowohl Romantik wie Moral sind gegenüber Sex eigene Sphären.

          Und die Auswirkungen auf die Paarbildung?

          Das gilt übrigens für beide Geschlechter. Es ist also nicht so, dass Frauen Sexualität und Liebe stärker verbinden als Männer. Frauen und Männer, so der Befund, lieben auf dieselbe Weise und reden ganz ähnlich über Sex. Diese Ähnlichkeit gilt sogar für die Frage, wovon die Erfüllung der Lust abhängt, auch wenn Frauen hier etwas stärker zärtliche Umstände betonen und insgesamt mehr auf den Kontext der Sexualität achten als die befragten jungen Männer, deren Vergnügen fast nur von zwei Bedingungen abhing: Übung im Geschlechtsverkehr und oralem Sex. Letzterer spielte auch für ihre Partnerinnen eine große Rolle, aber darüber hinaus schätzen sie eben eine ganze Reihe von Voraussetzungen, zu denen intimes Zusammensein gehört.

          Die bis heute unerforschte Frage lautet nun, wie sich diese veränderten Einstellungen zu einer Sexualität, die nicht romantisch wahrgenommen wird, auf die Paarbildung auswirken. Denn Jugend ist das eine, Ehe das andere, und man kann sich schlecht vorstellen, dass sich erfüllter Sex und erfüllte Liebe demnächst auf die Altersgruppen verteilen.

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