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Soziologie der Lebensplanung : Patchwork im Prekariat

  • -Aktualisiert am

Der klassische Lebensweg ist beliebter als man Glauben mag. Bild: dpa

Bewegen wir uns wirklich immer mehr in Richtung Individualismus, auch was die Lebensplanung betrifft. Bei Besserverdienenden hält sich die Neigung zu bunten Lebensläufen durchaus in Grenzen.

          3 Min.

          Die vielleicht wichtigste Frage der Soziologie ist die nach Ausmaß, Geschwindigkeit und Dauerhaftigkeit gesellschaftlichen Wandels. Sicherlich haben sich die Lebensverläufe in den westlich geprägten Gesellschaften in den vergangenen Jahrzehnten vielfach verändert. Das scheint schon die heutige Vielfalt der Lebens- und Familienformen zu belegen. Die gesellschaftliche Meta-Erzählung einer zunehmenden Individualisierung bis hin zu einer „Singularisierung“ der Gesellschaft scheint die einzige legitime Selbstbeschreibung der modernen Gesellschaft zu sein. Aber hat sie wirklich Bestand, wenn man sie mit verfeinerten Methoden, begrifflich schärferen Konzepten und einer breiteren empirischen Basis überprüft?

          Auf jeden Fall verliert sie dann an Eindeutigkeit. Stattdessen tritt eine Gleichzeitigkeit von Wandel und Stabilität hervor, von Auflösung und Verfestigung, von Unplanbarkeit und Sicherheit. Und es wird sichtbar, dass es keinen Grund gibt, im Wandel etwas grundsätzlich Positives zu sehen. Nicht jeder Freiheitsgewinn steigert die Lebensqualität, wie eine neue Studie von Okka Zimmermann und Dirk Konietzka zur Heterogenität familialer Lebensläufe zeigt. Sie haben sich mit Daten des Nationalen Bildungspanels (NEPS) auf kohortenspezifische und ressourcenbedingte Unterschiede in den Lebensverläufen während der ersten Lebenshälfte konzentriert, weil sich dort die entscheidenden Ereignisse konzentrieren: Ausbildung, Berufsstart, Partnerwahl und Elternschaft. Ressourcenbedingt soll heißen: Es geht hier vor allem um die Unterschiede an Einkommen und kulturellem Kapital.

          Allgemein sei natürlich davon auszugehen, so die Autoren, dass ressourcenstärkere Gruppen besser befähigt sind, ihrem Leben beruflich wie privat mehr Stabilität zu geben. Doch müsste es zugleich auch zu einer Gleichzeitigkeit von Heterogenisierung und Homogenisierung kommen. Die Vielfalt der Familienformen spricht für eine Heterogenisierung der Lebensverläufe einer Alterskohorte. Aber dann dauert die Ausbildung bei immer mehr Menschen immer länger, man heiratet immer später, kriegt später Kinder (aber nur zwei) und trennt sich auch leichter. Machen dann also doch fast alle wieder im Großen und Ganzen das Gleiche? Und wenn ja, wie wären diese „neuen Standardverläufe“ sozialstrukturell verteilt?

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          Die Befunde der Studie sind überraschend, jedenfalls dann, wenn man glaubt, alles würde immer bunter, freier und ungleicher. Zimmermann und Konietzka stellen fest, dass in allen von ihnen untersuchten Gruppen „eine deutliche Zunahme ereignisarmer Lebensverläufe“ zu beobachten sei. Eine allgemeine Heterogenisierung und Pluralisierung von privaten Lebensverläufen könnten sie dagegen nicht finden. Heterogenisierung gebe es, aber sie sei ein Unterschichtsphänomen: Die geringer gebildeten Frauen wiesen die heterogensten Lebensverläufe auf. Generell gelte, dass in den jüngeren Geburtskohorten weniger die ressourcenstärkeren als vielmehr die weniger gut ausgestatteten Gruppen die „Träger der Heterogenisierung“ waren. Wer besser (aus)gebildet ist und später mehr Einkommen erzielt, dem gelinge es eher, den „Strukturwandel der Privatheit“ in einige präferierte und typische familiale Lebensverläufe zu übersetzen.

          Sicherheit in der Lebensplanung hat Vorrang

          Gerade hier, bei den „Besserverdienenden“, glichen sich die Lebensverläufe einander wieder an. Wer es geschafft habe, hier oben anzukommen und da auch zu bleiben, könne das Leben planen und die erreichten Freiheitsgewinne absichern. Und zwar so, wie es alle anderen da oben eben auch machten. Oben also statt Pluralisierung eher Vereinheitlichung, unten dagegen Unsicherheit, Unplanbarkeit und mehr erlittene als erstrebte Freiheit. Dieser Befund bestätige auch frühere Studien, wonach in Deutschland die höher gebildeten Männer das „höchste Ausmaß an Standardisierung“ ihrer Lebensverläufe aufwiesen, während niedrig gebildete Frauen im sozialen Prekariat die typischen Trägerinnen der Unvorhersagbarkeit des Lebensverlaufs geworden seien.

          Ihre Befunde, so Zimmermann und Konietzka, entsprächen nicht den zeitdiagnostischen Erwartungen der Thesen einer allgemeinen gesellschaftlichen „Individualisierung“ und eines grundsätzlichen Wertewandels. Die Wertschätzung für Sicherheit, Stabilität und Planbarkeit des eigenen Lebens hat sich offensichtlich nicht gewandelt. Vielleicht ist es auch die Erfahrung einer plötzlichen biographischen Dringlichkeit, nach dem früheren „Postponement“ der entscheidenden Lebensereignisse (Berufseintritt, feste Bindung, Familiengründung) dann doch rasch nach den bewährten Mustern zu greifen und Verpflichtungen einzugehen. Hauptsache, es wird als Wahl empfunden?

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