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Soziale Systeme : Bis ins dritte und vierte Glied

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Bildung und sozialer Status werden vererbt – aber nicht nur von den Eltern auf die Kinder. Bild: dpa

Ein Faktor für die Bildungschancen ist nicht nur das eigene Elternhaus – sondern auch das der Eltern: Der soziale Status einer Familie hängt über vier Generationen wie Pech an ihren Nachkommen.

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          Wissen Sie noch, was Ihre Urgroßeltern für einen Bildungsstand hatten? Nein? Aber Ihren eigenen kennen Sie ja. Dann ist es gar nicht unwahrscheinlich, dass schon Ihre Großeltern über den gleichen verfügten. Bildung und sozialer Status werden in Deutschland wie anderswo auch vererbt, aber nicht nur von den Eltern auf die Kinder, sondern sogar von den Urgroßeltern auf die Urenkel. Noch über vier Generationen hinweg hänge der soziale Status einer Familie wie Pech an ihren Nachkommen – für die soziale Mobilität in Deutschland ein schlechtes Zeugnis. Ausgestellt haben es Sebastian Braun vom IfW Kiel und Jan Stuhler von der Universität Madrid. Ihre Ausgangsthese: Bisherige Studien zur Vererbung des sozialen Status berücksichtigten viel zu kurze Zeiträume. Wer nur von den Eltern auf die Kinder schaut, schätzt die soziale Mobilität deutlich zu hoch ein. Braun und Stuhler haben ihrer Studie darum Daten zugrunde gelegt, die über vier Generationen reichen. Ihre Ergebnisse zeigen, dass selbst nach einer so langen Zeit ein nachweisbarer Zusammenhang zwischen dem eigenen sozialen Status und dem der Vorfahren besteht. Wer schon damals oben war, bleibt eher oben, und unten bleibt unten. Reicht der Schatten vom Uropa also bis in unser 21. Jahrhundert?

          Dass solche Fragen von der Soziologie überhaupt beantwortet werden können, ist unter anderen Karl Ulrich Mayer zu verdanken. Unter dessen Leitung entstanden in den 80er Jahren am Berliner MPI für Bildungsforschung umfangreiche Lebensverlaufsstudien, auf deren Daten Braun und Stuhler ihre These stützen. In diesen Studien wurden Tausende von Telefoninterviews mit Vertretern von Alterskohorten geführt, deren älteste Teilnehmer noch im 19. Jahrhundert geboren worden waren. In den teils stundenlangen Telefonaten wurden die Teilnehmer nicht nur über ihren eigenen Lebensverlauf detailliert ausgefragt – da es immer auch um die Familie ging, fragten die Berliner Forscher auch nach den Vorfahren der Teilnehmer, den Geschwistern und je nach Alter auch nach Kindern und Enkeln. Natürlich stand über diesen Erhebungen immer eine zentrale Frage: Was ändert sich eigentlich im Laufe der Generationen, wie sehr prägt uns die Herkunft, und wie viel Freiheit haben wir eigentlich in der Gestaltung unseres Lebens?

          Zu rund 60 Prozent durch das Elternhaus geprägt

          Nun sagen also Braun und Stuhler: weniger als bisher angenommen. Dieses Ergebnis gelte auch unabhängig davon, ob der soziale Status anhand des Bildungsgrades oder des Berufes gemessen wird. Insgesamt sei dieser soziale Status in Deutschland zu rund 60 Prozent durch das Elternhaus geprägt und nicht nur zu 30 bis 40 Prozent, wie in bisherigen Studien angenommen. Dieses Gewicht der Herkunft bremse die soziale Mobilität nachhaltig – sie schützt vor Abstieg und erschwert Aufstieg. Insgesamt also stabilisiere sie die Gesellschaft – man könnte auch sagen, Lebensverlaufsstudien beweisen, dass die Unterschiede zwischen den Lebensumständen der Generationen gar nicht so groß sind, wie es den Anschein haben mag.

          Das ließe sich durchaus positiv bewerten. Der gerade in letzter Zeit vielfach beschworene gesellschaftliche Zusammenhalt ist schließlich zuerst einmal ein Zusammenhalt von Familiengemeinschaften. Mehr soziale Mobilität bedeutet immer auch größere Abstände zwischen Eltern und Kindern, bedeutet unterschiedliche Bildungserfahrungen, divergierende Wertvorstellungen und abweichende Lebensziele. Die Ergebnisse dieser Studie hingegen belegen, dass Vererbung tatsächlich gelingen kann. Und zwar gar nicht so sehr im materiellen Sinne, sondern eher bei der Weitergabe von Erwartungen, Ansprüchen und Fähigkeiten.

          Der soziale Aufstieg ist in Deutschland seltener

          Natürlich enthält die Studie noch eine zweite Botschaft: Auch der soziale Aufstieg ist in Deutschland schwerer und seltener als anderswo. Die soziale Ungleichheit, so Braun und Stuhler, baue sich insgesamt nur sehr langsam ab. Hier wendet sich Stabilität in einen Nachteil – sie erschwert persönliche Ambitionen, sich von den Lebensumständen der Elterngeneration abzustoßen und mehr aus sich zu machen. Wer nun aber diese Schwierigkeiten des Aufstiegs beklagt, kann eigentlich nicht gleichzeitig begrüßen, dass andere durch die gleichen Kräfte vor dem sozialen Abstieg geschützt werden. Denn beides hat seinen Grund im Erbe des Elternhauses – in ebenjenen 60 Prozent.

          Die Studie von Braun und Stuhler enthält eine Lektion für gleich drei Wissenschaften: für die Geschichte, weil sie trotz zweier Weltkriege und mehrerer Wechsel der gesellschaftlichen Systeme eine große soziale Stabilität in Deutschland nachweist. Für die Soziologie, weil sie die Bedeutung der mächtigen gesellschaftlichen Institutionen Schule, Ausbildung und Berufstätigkeit erheblich einschränkt zugunsten der Familie. Und für die Bildungsforschung: Die kann sich in der Auffassung bestärkt sehen, dass die Schule, sollte sie die Nachteile eines bildungsfernen Familienhintergrundes ausgleichen, viel früher und insgesamt länger und intensiver in das Leben von Kindern aus solchen Familien eingreifen müsste. Sonst wird sich an diesen 60 Prozent bestimmt nichts ändern.

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