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Soziale Systeme : Wer erzählt hier Märchen?

Frauenbücher? Grimms Märchen in verschiedenen Ausgaben. Bild: dpa

Die Germanistin Ruth Klüger liest Grimms Märchen als Frauenliteratur. Wird ihnen das gerecht?

          3 Min.

          Am 31. Oktober wurde die Germanistin Ruth Klüger in Marburg mit dem Brüder-Grimm-Preis ausgezeichnet. In ihrer Dankesrede, nachzulesen im Blog „Ich. Heute. 10 vor 8.“ auf faz.net, sprach sie über die Brüder Jacob und Wilhelm Grimm und den weltweiten Erfolg ihrer „Kinder- und Hausmärchen“. Die „Vorbedingung“ dafür sei die Fähigkeit der Brüder gewesen, anderen zuzuhören, „und nun schon gar, Frauen ernst genug zu nehmen, um das, was diese erzählten, fleißig aufzuschreiben“. Weil die Brüder Grimm dabei „ziemlich genau“ verfuhren, mit „Achtung und Respekt vor den Quellen“, sieht Klüger sie in der Rolle beinahe von Protokollanten dieser „von Frauen erzählten und von Männern gesammelten Märchen“. Kein Wunder also, dass es in diesen Texten, so Klüger, von selbständig handelnden Frauen und Mädchen nur so wimmelt - sie erleben Abenteuer und treiben sich „im Wald und in der Welt“ herum, und damit seien die Brüder geradezu Pioniere gewesen. „Grimms Märchen als Frauenliteratur“, so ist dann auch Klügers Dankesrede überschrieben.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          So einleuchtend das ist, so verlockend die Vorstellung, die Brüder Grimm hätten durch bloßes Zuhören und Mitschreiben auch eine weibliche Perspektive verbreitet, die sonst in der Schriftkultur kaum wahrgenommen wurde - so anfechtbar sind die Prämissen, die zu dieser Vorstellung führen.

          Was die Damen erzählten, gab es oft bereits im Druck

          Dabei stellt sich zunächst die Frage, ob in der Märchensammlung der Brüder Grimm tatsächlich so signifikant mehr weibliche Helden in Wald und Welt anzutreffen sind als in anderen zeitgenössischen Sammlungen, was man in der Summe durchaus verneinen kann. Und auch die Vorstellung, die Märchenerzähler seien allesamt einfache Leute aus dem Volk gewesen, denen die hochgebildeten Sammler gütig gelauscht hätten, trifft so nicht zu - obwohl die Brüder Grimm einiges dazu taten, genau dieses Bild zu vermitteln, etwa indem sie ein Porträt der „ächt hessischen Bäuerin“ Dorothea Viehmann programmatisch auf das Titelblatt ihrer Sammlung setzten. Doch der Großteil ihrer Beiträger sind höhere Töchter aus dem Kasseler Bürgertum, viele von ihnen - auch Dorothea Viehmann, keine Bäuerin, sondern Witwe eines Schneiders - hatten hugenottische Vorfahren. Die Brüder Grimm krochen also gerade nicht in den letzten Kuhstall, auf der Suche nach authentischen Geschichten aus einer langen oralen Tradition (andere taten das sehr wohl, etwa der finnische Liedersammler Elias Lönnrot in Karelien). Stattdessen besuchten sie Bibliotheken oder eben die Wohnzimmer des gehobenen Bürgertums.

          Die Brüder hatten auch eine Reihe männlicher Mitarbeiter: So erzählte ein Wachtmeister Krause das Märchen „Der alte Sultan“, von dem Maler Philipp Otto Runge rühren die Märchen „Von den Fischer un siine Fru“ und der „Machandelboom“, August von Haxthausen übermittelte „Das Lumpengesindel“ und „Die Bremer Stadtmusikanten“. Noch sichtbarer aber wird der Anteil, den Männer an der Märchensammlung hatten, wenn man die Quellen zu den erzählten Texten berücksichtigt. So ist das „Mädchenmärchen“ (Klüger) „Dornröschen“ in allen wesentlichen Einzelheiten Charles Perraults „Die schlafende Schöne“ von 1696 nachgebildet - die hugenottischstämmige Erzählerin Marie Hassenpflug hatte das Märchen wahrscheinlich als Kind gehört oder gelesen. Dass sich für fast alle Beiträge in den „Kinder- und Hausmärchen“ auch (meist von Männern stammende) gedruckte Quellen ausmachen lassen, Texte, die zur Zeit der Grimms teilweise schon Jahrhunderte alt waren, belegen etwa die einschlägigen Veröffentlichungen des Märchenforschers Heinz Rölleke.

          Die ideale Familie braucht keinen Vater?

          Überspitzt könnte man sagen: Die Brüder Grimm lauschten oft genug Nacherzählungen aus Büchern und überführten diese wiederum in ein Buch. Und zwar kräftig bearbeitet, manche sogar wiederholt, wenn neue Ausgaben der Sammlung anstanden. Als wesentliche Urheber der Grimmschen Märchen, wie wir sie kennen, möchte man deshalb die Brüder Grimm bezeichnen, die den Texten unermüdlich feilend ihre sprachliche Gestalt verliehen - auch wenn sie genau diesen Aspekt ihrer Sammlertätigkeit gern herunterspielten. So ist die biedermeierliche Ausgestaltung des Märchens „Schneeweißchen und Rosenrot“, in dem Klüger „eine ideale Familie, ganz ohne Vater“ erkennt, das Werk Wilhelm Grimms.

          All dies ist mittlerweile Gemeingut der Märchenforschung. Die spannende Frage wäre nun die nach dem Wechselspiel zwischen dem Respekt, den die Grimms ihren Quellen zweifellos erwiesen, und ihrem Gefühl für die Notwendigkeit, ihre Mitschriften grundlegend zu überarbeiten und in teils ganz neue Texte zu überführen.

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