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Soziale Systeme : Fahndung nach dem CSI-Effekt

  • -Aktualisiert am

Jede Episode ein neuer spektakulärer Fall: Erfolgsserie CSI Bild: obs

Erfolgsserien wie CSI erfreuen sich großer Beliebtheit. Doch plaudern die Krimis zu viel über die Arbeit der Polizei aus? Die Frage offenbart ein Methodenproblem.

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          Über den schädlichen Einfluss des Fernsehens ist schon viel geschrieben worden. An der Zunahme des TV-Konsums hat das nichts geändert. Das könnte auch daran liegen, dass sie von sehr unspezifischen Gefahren sprechen, die obendrein auch nur äußerst schwer nachzuweisen sind. Dass Fernsehen der Phantasie schade, dass es komplexe Inhalte verkürze, dass es zur sozialen Isolation beitrage oder das Familienleben zerstöre – das mögen alles gute Gründe sein, mit dem Fernsehen sofort aufzuhören. Doch wie ließen sich solch allgemeine Effekte nachweisen? Und selbst wenn man den Warnungen Glauben schenkte – wer nicht fernsieht, wird deshalb noch lange nicht gleich ein phantasievolleres Kind, ein gebildeterer Erwachsener oder das Mitglied einer glücklichen Familie. Der Verzicht auf die Glotze ersetzt noch lange nicht Vorlesen, Nachdenken und gelebte Gemeinsamkeit. Wer dem Fernsehen schädliche Effekte nachweisen will, wird also spezifischer sein müssen. Er könnte etwa fragen, ob Krimiserien im TV die Verbrecher schlauer machen könnten. Sollte man den Fernsehkrimi verbieten, weil er zu viel verraten könnte über die Arbeit der Kriminalpolizei?

          „Crime Scene Investigation“

          Es gibt tatsächlich Forscher, die nicht nur ernsthaft dieser Frage nachgehen, sondern auch behaupten, sie könnten sie wissenschaftlich lösen. Der Psychologe Andreas Baranowski ist einer von ihnen. An der Universität Mainz hat er mit seinem Team den sogenannten CSI-Effekt untersucht. Dabei geht es ihm nicht um generelle Effekte, welche die Darstellung von Gewalt im Fernsehen auf die Zuschauer durchaus haben könnten, also etwa den Abbau von Hemmschwellen oder die Abstumpfung gegenüber dem Leid der Opfer. Vielmehr geht es um einen ganz spezifischen Bildungseffekt von Serien wie eben CSI.

          „Crime Scene Investigation“ ist der Titel einer bekannten amerikanischen Serie, die seit 2001 auch in Deutschland lief. Im Zentrum der Folgen steht jeweils die forensische Arbeit der Kriminalpolizei, also eher die technische Seite der Verbrechensaufklärung. Wer sich diese Serie regelmäßig anschaute, absolvierte gewissermaßen nebenher eine Ausbildung zum Kriminalkommissar. Man stelle sich nun vor, dieses Wissen fiele in die falschen Hände, also etwa in jene eines ohnehin zum Verbrechen entschlossenen Fans der Serie – könnte es ihm danach hilfreich sein, einer Strafverfolgung zu entgehen? Man müsste ja nur all die Fehler vermeiden, die in CSI am Ende den oder die Täter überführten, um irgendwann – also nach vielen Stunden vor dem Bildschirm – das perfekte Verbrechen zu begehen. Im Sinne einer Verbrechenspräventionsarbeit ist solche Forschung sicher begrüßenswert. Aber wie soll man den CSI-Effekt, so es ihn tatsächlich gibt, bloß nachweisen?

          Krimifans können aufatmen

          Die Psychologen um Baranowski gingen dazu von der Hypothese aus, dass dieser Effekt zum Rückgang der Verbrechensaufklärung geführt haben müsste. Es sollte hier also mit dem Serienstart einen „CSI-Knick“ gegeben haben. Die verfügbaren Daten von BKA und FBI stützten diese gewagte These aber nicht. Gut, das könnte an den Daten liegen. Also musste die Frage experimentell überprüft werden. Mit Hilfe von aufwendigen Versuchsanordnungen und dem Einsatz eines Puppenhauses wurden Verbrechen mit CSI-Fans nachgespielt – auch hier war das Ergebnis negativ: Leute, die CSI schauen, waren tatsächlich nicht besser darin, ihre Spuren am Tatort zu verwischen, als Nicht-Seher. Aber auch damit war die Unschuld der Serie noch nicht bewiesen. Vielleicht hatte man die falschen Leute befragt? Aber wo findet man richtige Verbrecher? Natürlich im Gefängnis. Baranowski und sein Team begaben sich also in eine Justizvollzugsanstalt und befragten dort 24 verurteilte Kriminelle nach ihrer Meinung zu Serien wie CSI und danach, ob sie solche Serien für hilfreich erachteten, um einer Strafverfolgung zu entgehen. Die Befragung der Gefangenen ergab das gleiche Bild – kein Effekt der Serie auf die handwerklichen Fähigkeiten der Täter.

          Die Produzenten wie die Konsumenten von Krimiserien dürfen also aufatmen – und weiterschauen. Wäre da nicht ein gewichtiger methodischer Einwand angebracht, der die Befunde der Mainzer Psychologen doch erheblich einschränkt. Um wirklich sicher zu gehen, hätten sie natürlich nicht nur einige erwischte und verurteilte Verbrecher nach ihrem TV-Konsum befragen müssen. Das wäre etwa so, wenn man auf der Suche nach dem Geheimnis einer glücklichen Ehe nur Scheidungspaare befragte. Nein, sie hätten jene CSI-Fans unter den Straftätern verhören müssen, die immer noch frei herumlaufen – vielleicht weil sie entscheidend mehr gelernt haben vor dem Bildschirm als die anderen, die sich erwischen ließen? Vielleicht sollten die Forscher der Uni Mainz bei den ausstrahlenden Sendern anfragen, ob sie in Zukunft bei CSI-Folgen einen Hinweis ihrer Hochschule einblenden könnten, sich als erfolgreicher Straftäter doch bitte dort am Psychologischen Institut zu melden? Eine ganz legale Aufwandsentschädigung sollte natürlich drin sein.

          A. M. Baranowski, A. Burkhardt, E. Czernik, H. Hecht: „The CSI-education effect. Do potential criminals benefit from forensic TV series?“, International Journal of Law, Crime and Justice. October 2017.

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