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Soziale Systeme : Nur ein toter Forscher ist ein guter Forscher

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Gott macht keinen Umweg um Leid und Tod: Auch Jesus fühlte sich am Kreuz allein gelassen. Bild: AFP

Post mortem lässt sich vieles über Kollegen sagen. Selbst wenn man ihnen zu Lebzeiten verfeindet war. Von André Kieserling

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          Gegen die berühmte Forderung Max Webers, die Wissenschaft habe sich des Werturteils zu enthalten, hat man geltend gemacht, dass sie ein wenig ungenau formuliert sei. Denn geteilte Urteile über die wissenschaftliche Qualität eines Aufsatzes oder über den fachlichen Rang eines Autors erfüllten doch eine wichtige Orientierungsfunktion, und also könne es nur darum gehen, solche Urteile an spezifisch wissenschaftliche Wertgesichtspunkte zu binden. Um dieses Ziel zu erreichen, ist unterdessen dafür gesorgt, dass überhaupt nur Wissenschaftler an diesem Bewertungsprozess teilnehmen dürfen. Aber welche Wissenschaftler?

          Für die Bewertung der Aufsätze scheint die Antwort klar zu sein. Die Zeitschriftenredaktionen wollen einerseits positive Voreingenommenheiten aus der Bewertung ausschließen. Deshalb legen sie den eingereichten Aufsatz nicht etwa dem Schüler des Autors zur Begutachtung vor, sondern einem relativ fernstehenden Fachkollegen, bei dem Motive der Dankbarkeit nicht in Betracht kommen. Und damit dieser, wenn es denn sein muss, auch negativ urteilen kann, ohne Racheakte fürchten zu müssen, urteilt er anonym. Andererseits sollte der Gutachter natürlich auch sachgerecht urteilen können, und das bedeutet bei starker Spezialisierung der Wissenschaft, dass man sehr leicht an einen der Konkurrenten des zu beurteilenden Verfassers geraten kann. Die negative Voreingenommenheit, mit der man dann zuverlässig rechnen darf, ist freilich nicht nur eine nachteilige Folge der innerwissenschaftlichen Arbeitsteilung, sondern auch eine List der wissenschaftlichen Vernunft. So jedenfalls sehen es, in selten bemerkter Übereinstimmung, Wissenschaftsphilosophen wie Karl Popper und Wissenschaftssoziologen wie Pierre Bourdieu: Ein Aufsatz, gegen den auch der noch so fehlerempfindliche Rivale keinen gravierenden Einwand vorbringen kann, hat die Vermutung für sich, nach den jeweils geltenden Regeln der Forschung gelungen zu sein.

          Das Berliner Journal für Soziologie hat unlängst einen Beitrag des Bonner Soziologen Julian Hamann gedruckt, der sich mit einer ganz anderen Form der Honorierung wissenschaftlicher Tugenden und Verdienste befasst, die nicht dem Aufsatz, sondern dem Autor gilt, nämlich mit dem Fachzeitschriftennachruf auf verstorbene Kollegen, der ihre Lebensleistung zusammenhängend würdigt. Aus einer ersten Zusammenstellung von gut achthundert Beispielen dieser Textgattung, die unterschiedlichen Disziplinen, Jahrzehnten und Ländern entstammen, wurde eine kleinere, aber entsprechend breit zusammengesetzte Auswahl von knapp zweihundert Texten einer genaueren Inhaltsanalyse unterzogen, um so eine Übersicht über allgemeine, aber eben auch über länder- oder disziplinspezifische Merkmale dieser Textgattung zu gewinnen.

          Ein allgemeines Merkmal liegt in der Rekrutierung der Autoren. Statt nämlich ausschließlich auf Fernstehende oder gar auf Gegner zurückzugreifen, werden die Nachrufe mitunter auch von Nahestehenden geschrieben: ehemaligen akademischen Schülern zum Beispiel, die bei dieser Gelegenheit dann zwanglos auch über ihre persönliche Erfahrungen mit dem Verstorbenen berichten können. Das überzeugt freilich nur dann, wenn Ruf und Rang eines Wissenschaftlers so stark objektiviert sind, dass niemand auf die Idee kommt, das freundliche Urteil, das den Nachruf überhaupt erst rechtfertigt, dem zuzurechnen, der ihn in diesem Falle verfasste. Auch Hamann sieht das deutlich, wenn er festhält, dass auch der nahestehende Autor eines Nachrufes als Stellvertreter seines Faches urteilt.

          Das stärkste Zeugnis jener Objektivierung aber kommt bei Hamann etwas zu kurz, vielleicht, weil er die Nachrufe großer Tageszeitungen beiseitelässt, in denen er es finden würde: Dass nämlich gerne auch Gegner und Konkurrenten um Würdigungen gebeten werden, wenn auch natürlich nicht stets mit Erfolg. Der eher gesellschaftstheoretisch forschende Soziologe Pierre Bourdieu, dem die soziologische Gesprächs- und Interaktionsforschung nicht sonderlich imponierte, hat ihrem Begründer Erving Goffman einen vollständig angemessenen Nachruf geschrieben, und den Hegelpreis empfing der junge Jürgen Habermas aus den Händen von Dieter Henrich, der heute noch mit ihm streitet.

          Nicht eine Präferenz für den wissenschaftlichen Bundesgenossen, sondern eher die Gleichgültigkeit gegenüber Unterscheidungen wie Nähe oder Ferne, Kooperation oder Konkurrenz dürfte das eigentliche Rekrutierungsprinzip der Nachrufe und sonstigen Ehrungen sein. Denn nur auf diese Weise kann klargemacht werden, dass der zu Ehrende eine facheinheitliche Wertschätzung genießt. Härter formuliert: Wer überhaupt nur von ergebenen Schülern und dankbaren Mitarbeitern gewürdigt wird, der ist eben nicht ganz so berühmt wie derjenige, den zu loben und zu preisen man jederzeit auch seine aktuellen oder ehemaligen Gegner bitten kann. Entsprechend sind Würdigungen durch Nahestehende nur völlig frei von Verdächten, wenn es daneben auch Fernstehende gibt oder doch geben könnte, die gleichsinnig urteilen.

          Julian Hamann, Peer Review post mortem: Bewertungen in akademischen Nachrufen, in: Berliner Journal für Soziologie 26 (2016), S. 433-457

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