https://www.faz.net/-gwz-81atb

Soziale Systeme : Jenseits des guten Willens

Klimawandel-Opfer auf Vanuatu? Bild: AFP

Klimaverhandlungen sind angewandte Spieltheorie und lassen sich mit Methoden der experimentelle Ökonomie untersuchen. Die Ergebnisse sind wenig erfreulich.

          Vanuatu wurde am vergangenen Wochenende Opfer eines außergewöhnlich starken Zyklons. Es ist bislang nicht empirisch belegt, aber theoretisch plausibel, dass die Stärke solcher Stürme infolge der globalen Erwärmung zunimmt. Diese Erwärmung vollzieht sich erdgeschichtlich gesehen sehr rasch und ist in aller Wahrscheinlichkeit kein Naturereignis sondern die Folge der CO2-Emissionen der Moderne.

          Ulf von Rauchhaupt

          Verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Warum tut man dann nichts dagegen und einigt sich auf eine weltweite Reduktion der Emissionen? Das fragten sich viele nach dem Scheitern des Klimagipfels 2009 in Kopenhagen. In diesem Jahr will man in Paris wieder einen Anlauf wagen. Wie stehen die Chancen?

          Studenten beim Klimapoker

          Gar nicht gut. Diesen Eindruck vermittelt jedenfalls die nüchterne Lektüre eines kurzen Artikels, in dem der Klimaforscher Jochem Marotzke und der Zoologe Manfred Milinski die Ergebnisse ihrer Ausflüge in die experimentelle Ökonomie zusammenfassen. Mit Gruppen studentischer Probanden hatten sie speziell auf das Klimaproblem zugeschnittene sogenannte Public-Goods-Spiele veranstaltet. Dabei bekommt jeder einen Geldbetrag, von dem er in jeder Runde in ein gemeinsames Konto einzahlen kann, das wirtschaftliche Opfer modelliert, die für Klimaschutzmaßnahmen in Kauf genommen werden. Die langfristigen Folgen der globalen Erwärmung werden durch Verlustregeln abgebildet: So verliert in einer Variante des Experimentes jeder Teilnehmer nach der zehnten Runde mit 90 Prozent Wahrscheinlichkeit sein verbliebenes Guthaben, sollte sich auf dem Klimakonto nicht mindestens ein Zielbetrag angesammelt haben.

          Die Versuchsparameter waren so gewählt, dass über viele Spielpartien hinweg das regelmäßige Erreichen des Klimaziels jedem Spieler mehr Geld bescherte, als er durch konsequente Verweigerung von Beiträgen bekommen könnte. Trotzdem erreichten nur fünf von zehn Teilnehmergruppen das Ziel. Diese Quote brach weiter ein, wenn der Guthabenverlust bei Nichterreichen des Ziels mit geringerer Wahrscheinlichkeit als 90 Prozent eintrat. Soll heißen: Wird die Gefährlichkeit des Klimawandels geringer eingeschätzt, sinkt sofort die Klimaschutzmoral.

          Wären Zwischenziele die Lösung?

          Wer sowieso nicht an die Rationalität ökonomischer Akteure glaubt, den werden diese Resultate kaum überraschen. Das gilt auch für die Ergebnisse der Versuche, in denen die Spieler mit unterschiedlichem Startguthaben ausgestattet waren: Obgleich die „Reichen“ bei Zielverfehlung mehr zu verlieren hatten, nahmen sie mitnichten auf ihre armen Mitspieler Rücksicht.

          Erstaunliches förderte dagegen eine Spielvariante zutage, bei der nach fünf der zehn Runden ein Zwischenziel zu erreichen war, dessen Verfehlung mit einer Wahrscheinlichkeit von 20 Prozent den globalen Verlust eines Teils des Spielkapitals nach sich zog. Damit wollten die Autoren klimawandelbedingte Extremwetterereignisse modellieren. Nun klappte die Kooperation. Um das Zwischenziel nur ja zu schaffen, kompensierten die Reichen die geringeren finanziellen Spielräume der Armen.

          Die Frage ist nun, ob einen das für die Pariser Verhandlungen weiterbringt. Die Autoren mutmaßen, es könnte sinnvoll sein, statt auf einer bis zur Jahrhundertmitte oder noch weiter reichenden Klimastrategie zu bestehen, kurzfristigere und dafür bescheidenere Zwischenziele anzupeilen.

          Das folgt allerdings nicht aus ihren Experimenten. Die zeigen lediglich die Auswirkung von als bekannt angenommenen Verlustwahrscheinlichkeiten, falls die Zwischenziele verfehlt werden. Doch veränderte Wahrscheinlichkeiten für Extremwetterereignisse wie jetzt auf Vanuatu sind nicht bekannt. Daran kann sich nur über Zeiträume weit jenseits solcher Zwischenetappen etwas ändern. Die Parole, man möge sicherheitshalber das Schlimmste erwarten, wäre ein Appell an die Rationalität des guten Willens – und die ist keine Größe, mit der man rechnen kann, wie die Versuche zeigen. Deren Aussagekraft leidet zudem daran, dass Schadenswahrscheinlichkeiten in der klimatologischen Realität keineswegs gleich oder gar gerecht verteilt sind: Während im Pazifik regelmäßig Inseln weggeblasen würden, sorgen sich die Mitteleuropäer um die Schneesicherheit ihrer Skigebiete.

          Da man also für die Bestrafung kurz- und mittelfristiger klimapolitischer Unterlassungssünden nicht auf die Natur zählen kann, müssten menschengemachte Sanktionen oder Anreize her. Das sehen auch Milinski und Marotzke am Ende ihres Beitrags so. Doch wer soll diese in Abwesenheit eines weisen Weltdiktators beschließen, wenn nicht die gleiche Staatengemeinschaft, die sich schon jetzt nicht einigen kann?

          Literatur

          Manfred Milinski und Jochem Marotzke: Das Klimaspiel. Warum Klimaverhandlungen scheitern. In: J. Marotzke und M. Stratmann (Hrsg.) Die Zukunft des Kimas. Ein Report der Max-Planck-Gesellschaft. C.H. Beck München 2015

          Weitere Themen

          Klimaexperte redet Tacheles Video-Seite öffnen

          Unser Ökosystem in Gefahr : Klimaexperte redet Tacheles

          Die Brüder Grimm machten die altdeutschen Wälder weltbekannt. Wir machen sie kaputt, laut Experten. Monokulturen, Beräumung, Besprühen und kein Gesamtkonzept für Ökosystemmanagement. Wie passt das mit der steigender Popularität von Holz zusammen?

          Topmeldungen

          Brexit-Streit : Boris Johnson und der „Hinterhalt“

          Während der Brexit-Streit jetzt auch den Supreme Court beschäftigt, empören sich viele Politiker und Medien über etwas anderes: die „Demütigung“ ihres Premiers auf der missratenen Pressekonferenz mit Luxemburgs Ministerpräsident Bettel.

          Wahlkampf in Amerika : Links unterm Triumphbogen

          Elizabeth Warren begeistert bei einem Auftritt Tausende New Yorker. Die Senatorin will für die Demokraten um das Präsidentenamt kandidieren – und die Macht in die Hände der Arbeiter legen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.