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Soziale Systeme : Immer im Rahmen bleiben

  • -Aktualisiert am

Zwei Agenten im Aufzug: Agent J und Agent K. Bild: Sony Pictures

Mit seltsamen Bitten konfrontiert zu werden, ist nicht alltäglich. Wie reagieren Sie, wenn jemand Sie aus dem Aufzug bittet und alleine fahren will? Solche „Krisenexperimente“ zeigen: Wir sind leicht auszurechnen.

          An zwei Aufzügen der Hamburger Universität wurde man unlängst mit einer ungewöhnlichen Bitte konfrontiert: „Dürfte ich alleine fahren?“, fragten eine junge Frau oder ein junger Mann höflich beim Einsteigen im Erdgeschoss. Die Bitte wurde in mehr als drei Vierteln der 63 Versuche gewährt, was angesichts der langen Wartezeiten in den fünfzehn und zwölf Stockwerke hohen Gebäuden durchaus erstaunen mag.

          Die Quote jedoch entspricht den Erfahrungen früherer Studien in den Sozialwissenschaften, „Krisenexperimente“ genannt. Dabei geht es um Erwartungen, die so unauffällig sind, dass - anders als bei Verstößen gegen Rechtsnormen oder moralische Überzeugungen, deren Bruch mit rechtlichen oder sozialen Sanktionen geahndet wird - gar kein Begriff für ein abweichendes Verhalten wie eben das Allein-Aufzugfahren existiert.

          Durch die in den 1960er Jahren entwickelte Ethnomethodologie Harold Garfinkels gewann das Studium des Selbstverständlichen an Bedeutung, und er etablierte das Krisenexperiment als Methode der empirischen Forschung. Die grundlegende Annahme: Viele Erwartungen, mittels derer wir den Alltag bewältigen und die das soziale Leben in seinen Bahnen halten, werden erst durch krisenhafte Irritation sicht- und damit erfahrbar.

          Eltern wie Hotelgäste behandeln

          In einem klassischen Beispiel forderte Garfinkel etwa Studierende auf, sich beim Wochenendbesuch im Elternhaus wie Hotelgäste zu verhalten. Wenn man nun die eigenen Eltern als Unbekannte behandelt und etwa um das sofortige Wechseln der Handtücher bittet, zeigt sich in der Irritation darüber die übliche familiäre Ordnung, die im Unterschied zum Hotelbetrieb auf einer engen persönlichen Bindung beruht. Ähnlich fiel im Fall des Hamburger Experimentes erst durch die eigenartige Bitte auf, dass üblicherweise nie jemand verlangt, alleine zu fahren.

          Ein vergleichbares Experiment verlegten die amerikanischen Sozialpsychologen Stanley Milgram und John Sabini in den 1970er Jahren in die New Yorker U-Bahn. Milgram, der mit seinen kontroversen Autoritätsexperimenten zu einem der berühmtesten Sozialwissenschaftler seiner Zeit geworden war, ließ sich durch Klagen seiner Schwiegermutter, in der Bahn böte ihr trotz ihres hohen Alters niemand seinen Platz an, inspirieren. Im Versuch wurde daraus eine ungewöhnliche Situation, in der Studierende einzelne Fahrgäste um das Räumen ihres Sitzes bitten sollten, obwohl noch freie Plätze vorhanden waren. Wie in Hamburg war diese Bitte in drei Vierteln aller 145 Fälle erfolgreich.

          Das Ergebnis widersprach der ursprünglichen Annahme, dass diese Wünsche barsch abgelehnt und die Fragenden dadurch entmutigt werden. Warum aber äußern Fahrgäste solche Bitten dann nicht häufiger? Aufschlussreich war sowohl in der New Yorker U-Bahn als auch im Hamburger Lift, wie die Studienteilnehmer auf ihr eigenes Verhalten reagierten: In beiden Fällen berichteten sie, sich beim Aussprechen ihrer harmlosen Bitten überaus gestresst und unwohl gefühlt zu haben. „Ich musste mir vorstellen, wie ein Schauspieler eine Rolle zu spielen, um überhaupt fragen zu können“, schrieb eine Studentin in ihrem Bericht. Es scheint ein Widerwille dagegen zu bestehen, selbst aus der Menge herauszuragen, der das Verhalten von U-Bahn- oder Fahrstuhlfahrern in den gewohnten Bahnen hält.

          Gleichzeitig bestimmt die Ungewöhnlichkeit der Bitte, welche die Studierenden selbst als „dumm“ und „störend“ empfanden, den häufigen Erfolg. Beim gemeinschaftlichen Fahrstuhlfahren handelt es sich um eine Erwartung, die so selbstverständlich ist, dass niemand auf das Gegenteil eingestellt ist: Gerade weil der Wunsch, allein fahren zu dürfen, völlig unvorhersehbar ist, gibt es dagegen keine Abwehr. Anders wäre es wahrscheinlich, würde ein Unbekannter die Herausgabe des Portemonnaies verlangen.

          Der Soziologe Erving Goffman drückt es so aus: Die soziale Welt kennt eben nicht nur Regeln für das Bitten selbst, sondern auch für den Umgang mit Bittstellern. Auf eine höflich vorgetragene Bitte, die den Angesprochenen überrascht, reagiert man gleichwohl höflich, indem man entweder zustimmt oder eine Ablehnung wenigstens begründet. Der fahrbereite Aufzug setzt die Angesprochenen unter Zeitdruck, deshalb beachten viele nicht, dass sie die Bitte ohne weiteres ablehnen könnten. Stattdessen sagen sie, wie bereits von Milgram und Sabini gefolgert, ja. Schlicht und einfach deshalb, weil sie nicht wissen, wie sie nein sagen können.

          Stanley Milgram, John Sabini: On Maintaining Urban Norms: A field experiment in the Subway. 1978 In: Baum, A., Singer J.E., Valings, St. (Eds.) Advances in environmental psychology. Vol. 1. The Urban Environment. Hillsdale, NJ: Erlbaum Associates Publishers, 31-40.

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