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Soziale Systeme : Ich poste, also bin ich

  • -Aktualisiert am

Wer war ich gleich nochmal? Bild: dapd

Ist es ein Zeichen von Narzissmus, sich im Internet aller Welt zu präsentieren?

          Lädt jemand regelmäßig Bilder von sich, seinen Reisen oder Mahlzeiten in soziale Netzwerke hoch, ist die Diagnose schnell zur Hand: ein Narzisst. Wer sein Online-Profil pflegt, der ist stets doch nur darauf aus, Likes oder andere positive Reaktionen zu bekommen.

          Doch das Posten von Bildern als einziger Indikator für eine Persönlichkeitsstörung scheint fragwürdig. Stephanie Geise, Kommunikationswissenschaftlerin der Universität Erfurt, hat mit ihrer Fachkollegin Katharina Lobinger einen Sammelband herausgegeben, in dem die Wechselbeziehung zwischen Bildern, Kulturen und Identitäten beleuchtet wird. Dabei gehen sie davon aus, dass Bilder einen wesentlichen Anteil an der Identitätsbildung haben. Die Selbstinszenierung der „digital natives“ muss daher kein pathologischer Narzissmus sein. Soziale Netzwerke wie Instagram, Tumblr oder Pinterest, bei denen hauptsächlich Fotos und Videos gepostet werden, erzeugten dabei einen Raum, in dem sich eine Identität bilden könne.

          Arbeit an der eigenen Identität

          „Jugendliche nutzen die Teilhabe an einer gesellschaftlichen Konstruktion in den sozialen Netzwerken durchaus auch strategisch und zur eigenen Identitätsarbeit“, schreiben die Autorinnen. Das Ausfüllen einer Profilseite verlangt nach einer Selbstbesinnung. Die hinterlassenen Spuren der digitalen Identität erinnern uns daran, wie man zu dem heutigen Ich gekommen ist, machen die Entwicklungsschritte sichtbar und verdeutlichen den Selbstwerdungsprozess. Schließlich muss das Profil ständig aktualisiert werden.

          Schon für den amerikanischen Sozialpsychologen George Herbert Mead (1863 bis 1931) war der Ursprung der Identität sozialer Natur. Die gesellschaftliche Interaktion ist dabei die zentrale Instanz. So schreibt Mead, dass man durch die eigene Haltung ständig auf die Gesellschaft einwirkt, weil man eine Haltung der Gruppe gegenüber sich selbst provoziert, darauf reagiert und durch diese Reaktion die Haltung der Gruppe verändert. Dies tun wir, indem „wir uns bemerkbar machen, unsere Meinung ausdrücken, die Haltungen anderer kritisieren, ihnen zustimmen oder sie ablehnen“.

          Das notwendige Gefühl der Überlegenheit

          Auf Online-Profile kann man nun neue Versionen des Ich im Austausch mit der Öffentlichkeit ausprobieren. Mead sah die Möglichkeiten des Ich als den faszinierendsten Teil unserer Erfahrungen. Wir versuchen ständig, diese Identität zu verwirklichen, was nur in Beziehung zu anderen möglich ist. Sie muss von anderen anerkannt werden, um jene Werte zugeschrieben zu bekommen, die wir ihr gerne zugeschrieben sehen möchten.

          Das, was wir heute als Narzissmus beschreiben, ist laut Mead ein Überlegenheitsgefühl, das notwendig mit der Identitätsbildung einhergeht. Das Unterscheiden gegenüber anderen, das Erkennen von eigenen Stärken oder Schwächen gegenüber einer Gruppe „sollte nicht mit den Ausdrucksformen des sogenannten egozentrischen Menschen gleichgesetzt werden“, schreibt Mead. Nicht die Überlegenheit ist das Ziel, sondern die Selbstbehauptung in der Gesellschaft.

          Im realen Leben gibt es eine soziale Notwendigkeit der Darstellung verschiedener Persönlichkeiten gegenüber unterschiedlichen Gruppen. So verhält man sich auf der Arbeit anders als in der Familie. Diese Abgrenzung ist wichtig, um vor den jeweiligen Gruppen authentisch zu bleiben. Ein Online-Profil schafft Authentizität, indem es alle Teile der Persönlichkeit harmonisch nebeneinander präsentieren kann. Geise und Lobinger konnten dies vor allem bei der Nutzung von Bildern beobachten. Denn mit Bildern können „Widersprüche und Grenzerfahrungen als ertragbar und darstellbar präsentiert werden“. Durch öffentliche Ankündigung von Vorhaben ist man an seine Identität gebunden und verstärkt das Gefühl, authentisch zu sein. So verkünden Nutzer bei Instagram etwa die Umstellung auf vegane Ernährung, damit andere Nutzer möglicherweise mit Likes reagieren und sie durch positive Kommentare ermutigen, bei ihren Versprechungen zu bleiben.

          Das digitale Ich ist aber nicht nur eine bloße, völlig von der Realität abgelöste Vorstellung, sondern mittlerweile eng mit dem Offline-Leben verwoben. Die Alltagswelt wird auf den Plattformen nicht nur gespiegelt, sondern durch sie selbst mitgeprägt.

          So hat auch Benjamin Engel, gespielt von Tom Schilling in dem Film „Who Am I“, erfahren müssen, wie schnell das Online-Leben zur Realität werden kann. Auch daher sollte stets genau überlegt sein, was man postet – damit man am Ende nicht zu etwas wird, was man nicht wollte.

          Literatur:

          Stephanie Geise, Katharina Lobinger (Hrsg.): „Bilder – Kulturen – Identitäten“, Herbert von Halem Verlag, Köln 2012.

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