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Soziologie : So divers sind Trans-Personen

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Trotz der Gefahr angegriffen zu werden, stehen viele Trans-Menschen öffentlich für ihre Rechte ein, wie hier in Köln mit den Farben von trans- und Regenbogenflagge. Bild: Imago

In den letzten Jahrzehnten unterlag die Transgender-Bewegung einem großen Wandel, so eine US-Studie. Und die Zahl der Menschen, die sich als trans ansehen, steigt.

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          Welche Rolle persönliche Überzeugungen für die Geschlechtszugehörigkeit haben sollen, wird seit Jahren intensiv diskutiert. In vielen Ländern wird anerkannt, dass manche Personen sich mit ihrem Geburtsgeschlecht nicht identifizieren können. Es setzte sich die Ansicht durch, dass Geschlechtsidentität nicht ausschließlich von körperlichen Merkmalen abhängt, also vom biologischen Geschlecht („sex“), sondern auch von Selbst- und Fremdzuschreibungen – dem sozialen Geschlecht („gender“). Personen, die sich als „transgender“ verstehen, müssen immer noch mit Anfeindungen rechnen, aber sie sind im öffentlichen Leben präsenter denn je. Im Jahr 2014 titelte das amerikanische „Time“-Magazin mit der These, dass die zunehmende Sichtbarkeit einen „transgender tipping point“ bedeute: Der Erfolg der Transgender-Bewegung zeige sich in der Selbstverständlichkeit, mit der ihr Anliegen in der jüngeren Generation unterstützt würde.

          Welche Rolle spielt die Gesellschaft?

          Offen bleibt, ob die zunehmende gesellschaftliche Akzeptanz tatsächlich einem Generationswandel zuzuschreiben ist: So zeigen Umfragen, dass sich unter den aktuell etwa 0,4 bis 0,6 Prozent der amerikanischen Bevölkerung, die sich als transgender einstufen, zwar mehr jüngere, aber durchaus auch ältere Personen befinden. Der Frage, ob und warum sich dies verändert hat, geht die an der University of California in Berkeley lehrende Soziologin Danya Lagos in einer kürzlich veröffentlichten Studie nach. Sie geht davon aus, dass der Wandel mit der „biographischen Verfügbarkeit“ einer Transgender-Geschlechtsidentität zu tun hat, also mit geringen (und im Zeitverlauf gesunkenen) sozialen Risiken und Kosten. Anzeichen hierfür finden sich jedoch deutlich vor dem mutmaßlichen „tipping point“, zum Beispiel in den Fünfzigerjahren, als die Berichterstattung über die Geschlechtsumwandlung eines Veteranen des Zweiten Weltkriegs für große Aufmerksamkeit sorgte. Und natürlich stellte auch die sexuelle Revolution der Sechzigerjahre die klassische Geschlechterordnung infrage. Inwiefern solche Ereignisse und langfristige Trends die Selbstzuordnung als transgender beeinflusst haben, analysiert die Autorin anhand einer Bevölkerungsumfrage zu Gesundheitsthemen mit mehr als einer Million Teilnehmern der Geburtsjahrgänge von 1935 bis 2001. Die Untersuchung zeigt die erwartete Zunahme der Transgender-Population, doch diese war keineswegs linear: Bis zum Geburtsjahrgang 1984 blieb die Zahl derer, die sich als transgender oder keiner Geschlechtskategorie zugehörig einstuften, annähernd gleich, um dann deutlich anzusteigen.

          Nicht nur das Gewicht, sondern auch die Zusammensetzung der Transgender-Kategorie hat sich in diesem Zeitraum verändert. Zwar bezeichnen sich Personen, die als Männer geboren wurden, häufiger als transgender. Doch gegen Ende des 20. Jahrhunderts wurde der Zuwachs unter den als Frauen geborenen so groß, dass das ursprüngliche Geschlecht keine entscheidende Determinante mehr ist. Als transgender verstehen sich gleichermaßen als Männer wie als Frauen Geborene. Der in den USA oft ausgeprägte Unterschied zwischen Weißen und Nichtweißen spielt für die Geschlechtszuordnung hingegen eher in jüngerer Zeit eine Rolle. Während lange Zeit nichtweiße Personen knapp in der Mehrzahl waren, hat sich das Verhältnis ab dem Jahrgang 1995 umgekehrt. Bei Fragen der Selbsteinschätzung und -verortung spielen selbstverständlich auch Bildungsunterschiede eine Rolle, so auch bei der Geschlechtsidentität. Wer jedoch meint, dass Transgender eine Mode ist, der vor allem die Mitglieder der urbanen, akademischen Mittelschicht folgen, wird eines Besseren belehrt: Über den gesamten Beobachtungszeitraum ist die Wahrscheinlichkeit, sich als transgender einzustufen, nicht unter den College-Absolventen, sondern unter Personen mit niedrigerem Bildungsniveau am höchsten. Der Abstand hat sich unter den nach 1995 Geborenen sogar vergrößert.

          Diese Ergebnisse belegen einerseits die zunehmende Akzeptanz der Transgender-Kategorie: Die ethnische Zugehörigkeit und das Geschlecht bei Geburt verlieren an Bedeutung. Andererseits zeigen sie, dass das Bildungsniveau – eine wichtige Determinante der sozioökonomischen Position – überraschenderweise einen negativen Zusammenhang mit einer Transgender-Identität aufweist. Die Gründe hierfür kann die Studie nicht klären, aber zumindest kann sie damit der gelegentlich vorgetragenen Befürchtung, in den Hörsälen der Universitäten würden die Studierenden zu Transgender bekehrt, den Wind aus den Segeln nehmen.

          Lagos, Danya (2022): Has there been a transgender tipping point? Gender identification differences in U.S. cohorts born between 1935 and 2001. American Journal of Sociology 128 (1), S. 94–143. DOI: 10.1086/719714

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