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Tierische Seuchenbekämpfung : Wenn Ameisen in Quarantäne gehen

Kontaktreduktion im Ameisenstaat: Die Schwarzgraue Wegameise weiß, wie man sich gegen Infektionskrankheiten wehrt. Bild: Picture-Alliance

Abstandhalten, Quarantäne und Hygieneregeln: Unsere Maßnahmen im Kampf gegen die Pandemie finden sich auch im Tierreich. Dabei gibt es sogar Finessen, die durchaus neidisch machen.

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          In der Kritik an den praktizierten Maßnahmen zur Pandemiebekämpfung ist immer wieder auch eine Note kultureller Enttäuschung zu vernehmen: Jetzt plagen wir Menschen uns schon so lang mit ansteckenden Krankheiten herum und nutzen trotzdem auch noch 2020/21 mit Abstandhalten, Isolation und Hygieneregeln dieselben Methoden wie schon vor hundert Jahren. Aus einer fortschrittsgläubigen Perspektive ist das natürlich etwas peinlich. Zumal man bei genauem Hinsehen ja sogar sagen muss: Die Kränkung reicht noch sehr viel tiefer.

          Das geht aus einem aktuellen Übersichtsartikel der Zeitschrift „Science“ hervor, der sich mit räumlicher Distanzierung als biologischer Strategie der Seuchenbekämpfung befasst. Demnach schlägt sich so manche Tierart in ihrer Reaktion auf ansteckende Krankheiten mindestens genauso gut wie wir. Virusinfizierte Bienen verlieren das Interesse an gemeinsamen Mahlzeiten mit gesunden Artgenossen, pilzinfizierte Ameisen betreiben aktive Selbstisolation, Mäuse erkennen kranke Gefährten am Geruch und meiden diese daraufhin, Termiten starten angesichts kontaminierter Staatsgenossen ein gründliches Desinfektionsprogramm, und schwarze Wegameisen reduzieren ihre Kontaktraten gar in der gesamten Kolonie, sobald pilzbefallene Individuen in ihrem Nest aufkreuzen.

          Insbesondere bei eusozialen Insekten mit ausgeprägtem Gemeinschaftsgeist funktioniert das alles ziemlich gut. Die Ameisenart L. neglectus schafft es beispielsweise, mit drastischen Eindämmungsmaßnahmen die Infektionsübertragung um 95 Prozent zu reduzieren. Wir Menschen stehen uns dagegen nicht selten selbst im Weg, das lassen die amerikanisch-britischen Forscher nicht unerwähnt. Etwa wenn wir die biologisch angelegte Tendenz, uns krank zu isolieren, durch sogenannten Präsentismus aushebeln: den sozial vermittelten Drang, uns trotzdem an den Arbeitsplatz zu schleppen. Von Sozialphänomenen wie „Corona-Partys“ ist im Artikel glücklicherweise gar nicht erst die Rede – so nahe wollte man der menschlichen Spezies im biologischen Vergleich wohl doch nicht treten.

          Und dennoch: Tauschen würden wir mit den totalitär organisierten Insekten auch nicht wollen, da verzichten wir im Dienst des Individualismus gerne auf etwas Seucheneffizienz. Allein bei Betrachtung der Termiten beschleicht uns aber doch ein leichter Neid: Denn die sind in der Lage, Gefährten bereits zwölf Minuten nach Kontakt mit einem Pathogen per Körpervibrationsalarm zu warnen. Ein Traum, wenn die Corona-Warn-App genauso funktionierte.

          Sibylle Anderl
          Redakteurin im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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