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Schimären als Organspender : Schweinische Pläne?

„Pig with human face?“ Die Fotomontage der BBC nach den allerersten Schimären-Experimenten ist inzwischen ein Highlight in der Präsentation des japanischen Stammzellforschers Hiromitsu Nakauchi. Bild: Joachim Müller-Jung

Die geklonte Sau als Biofabrik für mein Organ - verrückt? Ein japanischer Wissenschaftler hat in Bonn seine Mensch-Tier-Schimären als künftige Organspender präsentiert. Das ist fast schon ein biopolitischer Anschlag.

          Eine Diashow wie diese ist dem großen Bundesadler im ehemaligen Bonner Bundestag auch noch nicht untergekommen: Zwei ausgewachsene Säue unter der Überschrift „Schwein mit menschlichem Antlitz“ und davor ein Japaner, der in schnörkellosem Englisch die Lösung des Organmangels in der Herstellung von Mensch-Tier-Schimären sieht. Bioethischer Surrealismus im hohen Haus. Man stellt sich den Aufruhr der Abgeordneten vor, die an ebendiesem Ort, dem Zentrum der Macht, bis Ende der neunziger Jahre - und weit darüber hinaus an anderer Stelle - für ein moralisches Reinheitsgebot gestritten haben, bisweilen buchstäblich bis zur Erschöpfung.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Schweinekram, würden sie von ihren Bänken rufen. Nun aber ist dieses reich bestuhlte und verglaste, hochmoderne, aber eben längst schon ehemalige Parlamentsgebäude ein offenes „World Conference Center“. Und dessen Hausordnung sieht biopolitische Pietätlosigkeit als kritischen Tatbestand offenkundig nicht vor.

          Nakauchi im alten Bundestag in Bonn.

          Vielmehr gelten an diesem ersten Konferenztag der achten internationalen Konferenz des nordrhein-westfälischen Stammzellnetzwerkes die Gepflogenheiten der wissenschaftlichen Kommunikation. Dazu gehört zum Beispiel: Nichts beschönigen. Hiromitsu Nakauchi hat in dieser Hinsicht im Ex-Bundestag alle Erwartungen erfüllt. Er hat die Pläne, die er und seine Forscherkollegen zur Lösung des Organmangels seit wenigen Jahren an den Universitäten in Tokio und Harvard verfolgen, mit entwaffnender Klarheit offen gelegt und auch - wie die BBC-Schweine-Photoshop-Persiflage zeigte - mit einem Schuss anrüchiger Selbstironie. Dabei ließ Nakauchi die Ethik als Begriff nicht einmal ganz unerwähnt. Aber worin, würden die armen schweineohrgepinselten Abgeordneten im Bundestag stöhnen, sollte der tiefere Sinn dieses Begriffs liegen, wenn er als kleines Fragezeichen hinter einer gewaltigen konkreten Utopie wie der des Japaners steht? Nakauchi will Ersatzorgane in Serie produzieren, den weltweiten Organmangel beseitigen. Todgeweihten das Leben retten. Und eben dies: Er will es vom Schweinestall aus tun. Massentierhaltung für die Organspende.

          Wissenschaftlich klingt das Projekt noch etwas weniger monumental, dafür aber unglaublich komplex. Nach Hochleistungsforschung eben. „Die Komplementierung von Organ-Nischen und Organentwicklung zur Erzeugung funktionaler Organe im lebenden Organismus“.  Was dahinter steht, ist dennoch schnell erklärt: Nehmen wir an, meine Bauchspeicheldrüse wäre bald komplett zerstört, die Verdauungssäfte drohen irgendwann meinen Körper von innen zu vergiften, die Insulinproduktion fällt aus. Ich brauche also dringend ein Ersatzorgan. Hiromitsu Nakauchi würde mir mein Organ dann, sollten seine Pläne aufgehen, in einem Tier, also einem Schwein (wegen der passenden Größe der Organe) nachwachsen lassen. Das geht heute dank der revolutionären Stammzelltechnik und industrieller Tierzucht ganz einfach. Ein Schweine-Embryo wird im Reagenzglas erzeugt. Aus dem Tier wird bald mein Organbrutkasten. Am besten kein beliebiges, sondern ein geklontes, genetisch definiertes Schwein. Das Besondere an diesem Schwein: Ihm fehlt nach einem gentechnischen Eingriff ein intaktes pdx1-Gen, das für die Ausbildung eines Pankreas, sprich: Bauchspeicheldrüse, unbedingt gebraucht wird. Den lebensnotwendigen Pankreas bekommt das Schwein von mir - später jedenfalls.

          Die zentrale Schautafel Nakauchis mit dem „ultimativen Ziel“.

          Zuerst aber spendiere ich Herrn Nakauchi einen kleinen Schnipsel meiner Haut. Aus diesen Hautzellen kann man praktisch in jedem halbwegs fortschrittlichen Zelllabor der Welt Stammzellen erzeugen. Man verjüngt sie also in der Petrischale, das Erbgut wird genetisch reprogrammiert.  Diese „induzierten pluripotenten Stammzellen“ (iPS) sind gewissermaßen das Startkapital für den Organersatz. Nicht viel zugegeben. Hautzellen kann jeder spenden und die Verjüngung dauert ein paar Tage, mehr nicht. Die Vermehrung dann etwas länger.  

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