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Schildkröten in Nordzypern : Hinter dem Gartenzaun am Strand

Als Superschildkröte ist Chelonia mydas bekannt. Einst wurde sie wegen ihres schmackhaften Fleisches gejagt. Heute steht sie unter Schutz. Bild: AFP

Meeresschildkröten brüten seit Jahrmillionen im Sand. Auf Zypern helfen Biologen ein bisschen nach, damit der geschlüpfte Nachwuchs auch seinen Weg ins Mittelmeer findet.

          Offene Fenster ersetzen im Geländewagen die Klimaanlage: Heiße Luft bläst uns ins Gesicht. Die Temperaturen sind erträglich, kurz vor sieben Uhr abends, wenn auch nicht erfrischend, denn es kühlt erst spät nachts irgendwann ab, auf vielleicht 27 Grad. Es ist Mitte August. Der Sommermonat wird auf Zypern seinem Ruf gerecht; tagsüber röstet die Sonne die Insel im südöstlichen Mittelmeer, jetzt steht sie rot über dem Horizont. Ideal für einen Ausflug zum Strand, zu den Nestern der Meeresschildkröten.

          Sonja Kastilan

          Redakteurin im Ressort „Wissenschaft“der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Wir haben die Landstraße nahe der Ortschaft Dipkarpaz verlassen, und Salahi, unser Fahrer, setzt die Tour holprig durch die Dünenlandschaft fort. Routine für das Team von Hasibe Kusetogullari, die auf dem Beifahrersitz Probleme ihrer Abteilung für Naturschutz via Mobiltelefon zu lösen versucht. Die letzten Meter gehen wir zu Fuß. Wunderbar feiner Sand, wäre er nicht gespickt mit Holzstückchen und allerlei Plastikabfall - Flaschen, Schuhe, Splitter. „Che bello“, hieß es von weitem, aber dann: „Warum ist dieser Strand so schmutzig?“, entrüstet sich eine italienische Touristin, die mitsamt ihrer Familie das Team begleitet. Weit und breit ist keine Siedlung, kein Haus zu sehen.

          Starke Strömungen sind dafür verantwortlich. „Das Meer reinigt sich auf gewisse Weise selbst“, erklärt Kusetogullari. Die See spuckt aus, was der Mensch anderswo loswerden wollte, und das landet eben an den entlegenen Küstenabschnitten hier im Nordosten. Man bräuchte Heerscharen, um den Unrat regelmäßig zu beseitigen. Darunter findet sich auch Krankenhausmüll: Probengefäße, Spritzen sowie Kanülen entdeckten Berliner Studenten im Sand, seither achten sie penibel darauf, zumindest Flipflops zu tragen. Sie nehmen an einem Freiwilligen-Programm teil, das Biologen der Humboldt-Universität ehrenamtlich organisieren, und unterstützen Kusetogullari und ihre Mitarbeiter jeweils für ein paar Wochen, wachen vom Morgengrauen bis zur Abenddämmerung über die Schildkrötengelege.

          Sonne bedeutet Todesgefahr, daher schlüpfen die Jungen meist nachts.

          Wenn die Nestflüchter tagsüber aus dem Sand krabbeln, was eigentlich in der Nacht geschehen sollte, werden sie vor der sengenden Sonne und den Seemöwen in Sicherheit gebracht. Derzeit harren vier angehende Medizinerinnen, eine Biologin und ein Ingenieur abwechselnd in der Hitze aus, um bei Bedarf Geburtshilfe im Kreißsaal am Meer zu leisten. Sie geben nebenbei Spaziergängern Auskunft und verhindern, dass die Brutplätze der Ahnungslosigkeit, Zerstörungswut oder einer Rallye übermütiger Quad-Fahrer zum Opfer fallen.

          Die schier endlose Nachmittagsschicht nähert sich ihrem Finale, und wir Besucher sind eine willkommene Abwechslung für das Studentenpaar im Wachdienst. Uns bietet sich das bizarre Bild eines einsamen Gärtchens am Strand. Hüfthoch der Zaun, daneben ein Sonnenschirm, und anstelle von Kräuterbeeten umkränzt Maschendraht sandiges Nichts. Auf Schildern ist notiert, wie viele Eier jeweils in der Tiefe lagern, wann sie abgelegt wurden und von welcher der beiden im Mittelmeer heimischen Arten (siehe „Schwimmende Reptilien“): Chelonia mydas oder Caretta caretta.

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