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Schildkröten in Nordzypern : Hinter dem Gartenzaun am Strand

Bei 29 Grad Celsius besteht ein Gleichgewicht, aber an den Küsten Zyperns schlüpfen schon heute zu 95 Prozent weibliche Meeresschildkröten. Was passiert aber, wenn die Temperaturen steigen und auch an anderen Nistplätzen vermehrt Weibchen hervorbringen? Im Moment, das zeigt eine 2012 in den Proceedings of the Royal Society B veröffentlichte Studie, fängt das Paarungsverhalten diese Diskrepanz der Geschlechter zumindest bei Chelonia mydas auf. Die Vaterschaftsanalyse mehrerer Gelege brachte zutage, dass pro Weibchen mehr als ein Partner zur Verfügung stand - vielleicht, weil sich die Männchen nicht nur alle zwei bis vier Jahre fortpflanzen wie die Weibchen oder weil sie mehrere Brutgebiete aufsuchen.

Die Nester liegen je nach Art zwischen 45 und 100 Zentimeter tief.

Auch für die Wanderrouten der Meeresschildkröten interessieren sich Robin Snape und seine Kollegen. Denn im Mittelmeer liegt offenbar ein wichtiges Futterrevier für juvenile Tiere, die sogar aus warmen Atlantikgewässern hierherfinden. Snape, ein Biologe aus Birmingham, kam einst als junger Freiwilliger ins Alagadi-Camp, das er später auch leitete. Nach einem Forschungsaufenthalt im Südatlantik kehrte der Brite nach Zypern zurück und sitzt jetzt an seiner Doktorarbeit, die das Ausmaß des Beifangs von kleinen Fischerbooten untersucht. „Wir haben 2010 mit Workshops angefangen, um die Fischer über den Lebenszyklus der Meeresschildkröten zu informieren“, sagt Snape. Sie erhalten außerdem ein Handbuch, in dem beschrieben wird, wie man die schwerfälligen Tiere aus den Netzen befreit und behandelt, ohne sie zu verletzen.

Da Snape ihnen mit einem Signalsystem namens Pinger hilft, Delphine von den Netzen fernzuhalten, die sich sonst die Beute schnappen und einigen Schaden anrichten, kooperieren die Fischer zunehmend. In einer Umfrage gaben zwei Drittel an, dass sich jährlich fünf bis sechs Schildkröten in ihren Netzen verfangen. „Wir haben die Zahlen hochgerechnet und schätzen, dass es allein in Nordzypern bis zu 1100 sind“, sagt Snape „Rund 500 sterben jedes Jahr.“ Meist seien es Jungtiere mit Körperpanzern unter siebzig Zentimetern Länge.

Ausgefallener Landeplatz: Zur Eiablage verlassen Schildkröten nachts ihre feuchte Umgebung.

Um zu erfahren, wo sich die Meerestiere überhaupt aufhalten und welchen - schützenswerten - Pfaden sie folgen, werden nistende Weibchen mit Sendern ausgerüstet. Während sie verschiedene Niststätten aufsuchen, verfolgen Forscher sie via Satellit. Derzeit zum Beispiel ist man „Dolly“ auf der Spur, die bereits bis nach Libyen schwamm. Die aktuellen Daten zeigen, wie groß das Brutgebiet von Caretta caretta sein kann. Manche Individuen scheinen „all over the place“ zu nisten.

Insgesamt wurden 2011 in Nordzypern 965 Nester registriert (der Süden spielt als Brutstätte kaum eine Rolle). Und die Zahlen des MTCP-Jahresberichts stimmen zuversichtlich: Es wurden 44 Chelonia-Gelege mehr gezählt als je zuvor, und die Caretta-Population bleibt immerhin stabil.

Ein Erfolg der Schutzprojekte? Hasibe Kusetogullari· macht auf alle Fälle weiter. Jedes Wochenende verbringt die 49-Jährige im Camp, das aus zwei Wohncontainern und Zelten besteht. Mit Hilfe der Berliner Studenten kann sie den Naturschutz auf Karpaz vorantreiben; gern würde sie hier wie in Alagadi auch ein Besucherzentrum und eine Forschungseinrichtung etablieren. Sie zeigt auf eine stillgelegte Baustelle nahebei, Teil eines EU-geförderten Projekts: „Bevor ich in den Ruhestand gehe, sind die Gebäude hoffentlich fertiggestellt.“

Schwimmende Reptilien

Von rund 300 Schildkrötenarten sind abgesehen von der beeindruckend großen Lederschildkröte (Dermochelys coriacea) nur etwa ein halbes Dutzend im Meer zu finden, die zur Familie der Cheloniidae gehören. Allesamt Reptilien, deren frühe Urahnen vor mehr als 110 Millionen Jahren im Salzwasser schwammen, das jedenfalls lässt ein Fossilfund aus Brasilien annehmen. Im Mittelmeerraum nisten heute zwei Arten: Caretta caretta, die Unechte Karettschildkröte, und Chelonia mydas, Grüne Meeresschildkröte oder auch Suppenschildkröte genannt. Beide leben weltweit in tropischen und subtropischen Gewässern und gelten als bedroht. Nach Schätzungen sind es 2000 bis 3000 Caretta-Weibchen, die alljährlich in dieser Region brüten - meist in Griechenland und der Türkei. Hinzu kommen 300 bis 400 Chelonia-Weibchen. Für Letztere hat die Küste im Norden Zyperns eine wichtige Bedeutung: Nach zwanzig Jahren Beobachtung gehen Zoologen davon aus, dass ein Drittel der Population sich dort Brutplätze sucht; bevorzugt werden insbesondere die Strände von Alagadi und die der Ronnas-Bucht. Und gerade von Chelonia ist bekannt, dass sie ihren angestammten Nistorten sehr treu bleibt, während C. caretta ihre zwei, drei Eigelege einer Saison durchaus den Küsten gleich mehrerer Länder anvertrauen kann: Syrien, Israel, Zypern. Üblicherweise vergehen dazwischen zwei Wochen, wie auch bei Chelonia. Zur Eiablage verlassen die Tiere des Nachts ihren feuchten Lebensraum, und das ist auf Zypern von Ende Mai bis Juli gut zu beobachten. In seltenen Fällen sind dabei auch kleinere männliche Exemplare zu sehen, die offenbar einen Begattungsversuch wagen und sich auf den Rücken der Weibchen tragen lassen. Normalerweise kommen sie nie wieder an Land zurück. Die Brutdauer hängt unter anderem von Temperatur, Feuchtigkeit und der jeweiligen Zahl der Eier (bis zu 200) ab, die Chelonia rund 75 bis 100 Zentimeter unter Sand begräbt und damit tiefer als die 45 Zentimeter der Caretta. Nach sieben bis acht Wochen schlüpfen die Jungen, wühlen sich nach oben und krabbeln in Richtung Wasser bzw. dorthin, wo es am hellsten zu sein scheint, und müssen dabei hungrigen Möwen sowie Krabben ausweichen. Nur eine von 1000 Meeresschildkröten, schätzen Forscher, erreicht 15 bis 30 Jahre später das Erwachsenenalter. (sks)

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