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Begründer der modernen Medizin : Woraus besteht der Mensch?

Pathologe und Verfechter der Demokratie: Rudolf Virchow Bild: Illustration Julia Ossko & Eugen Schulz

Rudolf Virchow formte die moderne Medizin, doch wie sein Schaffen bis heute unsere Vorstellung von Wissenschaft prägt, ist auch 200 Jahre nach seiner Geburt wenigen bewusst.

          5 Min.

          Aus Japan, Amerika, Russland und ganz Europa strömte die Elite aus Medizin und Forschung im Herbst 1901 nach Berlin, um „dem großen Pathologen ihre Kränze zu Füßen zu legen“. Mehrere Tage dauerten die Feierlichkeiten zu Rudolf Virchows 80. Geburtstag am 13. Oktober: Ein überwältigendes, nie zu vergessendes Schauspiel mit Hunderten Gästen, voller Glamour und Glitzer, Impressionen wie aus einem Kaleidoskop, so beschreibt es Sir Felix Semon später im „British Medical Journal“. Sogar in fernen Ländern richteten Mediziner Geburtstagsfeiern aus. „Wie viel muss dieser Mann geleistet haben“, schreibt Semon, „damit sich die ganze Welt vereinigt hat, um ihm Ehre zu erweisen!“

          Johanna Kuroczik
          Redakteurin im Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die in der Tat große Leistung Rudolf Virchows besteht darin, dass er wichtige Weichen für die moderne Medizin stellte. Bis heute, 200 Jahre nach seiner Geburt, ist Virchow an der Berliner Charité, seiner medizinischen Heimat, omnipräsent. Kliniken, Institute und Museen bezeichnen sein Erbe. Dass sein Schaffen nach wie vor auch auf subtilere Weise wirkt, darüber sind sich Ärzte und Wissenschaftler selten bewusst – wie Virchow ihren Alltag und ihr Selbstverständnis als Naturwissenschaftler prägt. Virchow war im Grunde der Prototyp des modernen Forschers.

          Noch im 19. Jahrhundert herrschten in Deutschland im gesundheitlichen Sinne düstere Zeiten, die Menschen starben an Infektionskrankheiten wie Tuberkulose, Typhus oder Cholera. Wer es sich leisten konnte, ließ sich daheim  behandeln. Nur arme Menschen suchten ein Krankenhaus auf, und, wenn überhaupt, besserte sich ihr Zustand nur durch Ruhe und Pflege. Die Ärzte waren keine große Hilfe. Sie folgten treu den Lehren der Humoralpathologie, der Viersäftelehre, erdacht von Hippokrates im antiken Griechenland. Dieser zufolge rühren alle Krankheiten von „Dyskrasien“, Ungleichgewichten der Körperflüssigkeiten, und es galt Blut, Schleim, gelbe und schwarze Galle entsprechend auszugleichen: Mediziner ließen Kranken deshalb literweise Blut ab und verteilten Brechmittel. Davon hielt Virchow wenig: „Man war mit seinen Heilerfolgen umso vollständiger zufrieden, als die von Laien und Gelehrten in schönster Eintracht geglaubte und gepredigte Humoraltheorie auch die Misserfolge leicht erklärlich machte.“

          Vom Ursprung der menschlichen Zelle

          Als Virchow 1849 den jüngst geschaffenen Lehrstuhl für Pathologie an der Universität Würzburg antrat, war er noch überzeugt, dass Zellen aus einer „amorphen“ Masse entstünden. In den sieben fruchtbaren Jahren bis zu seiner Rückkehr an die Charité 1856 widmete er sich der Erforschung von Zellen. Er gründete seine Studien auf Pathologie und Anatomie, experimentierte an Tieren und sezierte Leichen. Das wissenschaftliche Mikroskopieren beherrschte er meisterhaft, sodass sich Knochen, Knorpel und Blut genau in Augenschein nehmen ließen: „Unter dem Mikroskop des Biologen löst sich alles Lebende in kleine Elemente auf.“ Im Jahr 1855 erschien sein revolutionäres Werk „Die Cellular-Pathologie“. Zwar war Virchow nicht der Erste, der meinte, das Zellen von anderen Zellen abstammten, doch er bündelte und vervollständigte das Wissen: Jede Zelle stammt aus einer Zelle, und jeder Mensch besteht aus einem Zellenstaat, bei dem die Zellen unterschiedlich begabt, aber gleichwertig sind, so bringt er es auf den Punkt. „Die Zelle als letztes wirkendes Element des lebenden Körpers“ sei auch der Ursprung von Krankheiten. „Wissenschaft marschiert in Kohorten“, erklärt Historiker Constantin Goschler, der sich in seinem Buch „Rudolf Virchow: Mediziner, Anthropologe, Politiker“ damit auseinandersetzt. „In dieser Zeit hat man erst verstanden, was Krankheiten sind, und Virchow spielte dabei eine Schlüsselrolle.“

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