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Verblüffende Studie : Zerstörerischer Elektrosmog

Rotkehlchen Bild: dapd

Gewöhnlicher Elektrosmog gilt für Menschen bislang als harmlos. Diese Sicherheit gerät nun ins Wanken. Experimente zeigen: Strahlung von Haushaltsgeräten vermag ganze Sinnesorgane lahmzulegen - und zwar von Zugvögeln.

           [Update v. 7.Mai, 23:45 Uhr: Zoologin R. Wiltschko, siehe Kasten unten]

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Sieben Jahre lang haben der Biologe Henrik Mouritsen und seine Kollegen die Experimente wiederholt, immer und immer wieder, sie haben sie verändert, verfeinert und nachkontrolliert. Sie wollten ganz sicher gehen, dass sie nichts übersehen haben. Schon der Begriff „Elektrosmog“, das war ihnen von Anfang an klar, würde bei vielen Menschen heftige Reaktionen auslösen. Ängste erzeugen und Ängste verstärken. Denn dass elektromagnetische Strahlung, wie sie in unseren elektrifizierten Häusern und Städten allgegenwärtig ist, von vielen als Beeinträchtigung des eigenen Wohlbefindens oder gar als Gefahr für die eigene Gesundheit angesehen wird, ist nichts Neues. Und dass diese psychische Belastung mit der digitalen Revolution in den vergangenen Jahrzehnten eher zu- als abgenommen hat, liegt auf der Hand.

          Henrik Mouritsen: Handys stören die Rotkehlchen jedenfalls nicht.

          Fest steht: Die Menschen sind immer mehr elektromagnetischer Strahlen ausgesetzt. Allerdings war unter Experten und bei den Behörden weitgehend einhellige Meinung, dass zwar die Psyche bei vielen strahlenempfindlichen Menschen leiden mag, dass aber selbst bei anhaltender Exposition unterhalb bestimmter Schwellenwerte weder Körper noch Gehirn leiden. Die Weltgesundheitsorganisation und die Internationalen Kommission für den Schutz vor nichtionisierender Strahlung  haben sich in der Hinsicht auf Grenzwerte geeinigt, die jegliches Risiko für Menschen ausschließen sollen. Und tatsächlich hatte man zumindest bei Wirbeltieren und auch speziell beim Menschen unterhalb dieser von Frequenz und Ausgangsleistung der Geräte abhängigen grenzwertigen Strahlungsintensität keine biologischen Effekte  entdecken können. Gewöhnlicher Elektrosmog gilt als harmlos.

          Diese Sicherheit ist nun zumindest vorläufig mit den Experimenten von Mouritsen und seinen Kollegen an der Universität Oldenburg ins Wanken geraten. Denn die Forscher haben in einer Reihe von Experimenten gezeigt, dass schwache elektromagnetische Strahlung, wie sie von üblichen Haushaltsgeräten und als Radiostrahlung in dem Frequenzbereich von zwei Kilohertz bis fünf Megahertz erzeugt wird, offenbar sogar ganze Sinnesorgane lahmzulegen vermag - und zwar den Magnetsinn der Zugvögel. 

          Zugvögel haben verschiedene Backup-System zur Orientierung während ihrer Wanderungen: Stern- und Sonnenkompass.

          Seit mehr als einem halben Jahrhundert weiß man durch Experimente des Frankfurter Ornithologen-Paars Wolfgang und Roswitha Wiltschko über die Existenz dieses Magnetsinns. Zugvögel wie die Rotkehlchen oder Tauben nutzen ihn auf ihren langen Wanderungen neben den genetisch angelegten Navigationssystemen für die Orientierung an Sternen und der Sonne. Vor allem in wolkenverhangenen Nächten hilft der Magnetsinn. Doch obwohl man inzwischen sogar von einer regelrechten Magnetkarte im Gedächtnis der Tiere spricht, wissen die Wissenschaftler bisher wenig darüber, wo im Nervensystem der Magnetsinn eigentlich sitzt und wie er funktioniert. Einige Hinweise gibt es, dass die entsprechenden magnetempfindlichen Zellen im Auge beziehungsweise im Oberschnabel sitzen, aber sicher ist man sich nicht. 

          Immerhin: Einige Indizien, die dafür sprechen, dass das noch unentdeckte „Magnetsinnesorgan“ empfindlich auf Störungen reagiert, wurden schon vergangenes Jahr gesammelt. Max-Planck-Forscher aus Radolfzell haben den Magnetsinn durch einen Transmitter, den man den Vögeln umgespannt hatte, nach Belieben an- und ausgeschaltet. 

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