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Verblüffende Studie : Zerstörerischer Elektrosmog

Die Elektrosmog-Angst geht um.

Noch viel verblüffender allerdings sind die Versuchsergebnisse, die Mouritsen und sein Team in Oldenburg gefunden haben. Ausgangspunkt war eine Beobachtung, die den Biologen Kopfzerbrechen bereitet hatte. Denn offensichtlich konnten die von ihnen eingesetzten Rotkehlchen anfangs den  Magnetkompass in den Experimenten, mit denen die Vogelzugrichtung ermittelt werden sollte, nicht richtig nutzen. In den dunklen Holzhütten auf dem Campus reagierten die Tiere in der Zeit, in der sie von Zugunruhe erfasst und in ihren Käfigen eine bevorzugte Bewegungsrichtung (im Herbst gen Süden) zeigen sollten, völlig desorientiert. Das änderte sich erst, als der Elektrophysiologe Nils-Lasse Schneider eine Idee hatte: Er schlug vor, die Hütten rundherum mit geerdeten Aluminiumplatten elektromagnetisch abzuschirmen. Nur das statische Magnetfeld der Erde war für die Vögel damit noch wahrnehmbar. Die Erdung und damit die Abschirmung war an- und abschaltbar.

Die Vögel reagierten prompt: Sobald die Abschirmung aktiviert wurde, zeigten die Rotkehlchen ihre natürliche Kompassorientierung. Wurde die Erdung abgeschaltet und damit der auf dem Campus herrschende Elektrosmog ein entscheidender Faktor, kamen die Vögel ins Straucheln. Sie verloren ihre Orientierung. Auch wenn man in den abgeschirmten Hütten Geräte anstellte und Elektrosmog erzeugte, störte das die Magnetwahrnehmung.

Immer wieder setzten die Oldenburger Forscher neue Experimente an, tauschten die Mitarbeiter, die das Verhalten der Vögel aufzeichneten aus. Das Resultat der doppelblind-kontrollierten Untersuchungen war immer das Gleiche: Sobald das Breitbandrauschen aus der Umwelt in dem Frequenzbereich von zwei Kilohertz bis fünf Megahertz einwirkte, fiel der Magnetkompass aus. Auch als man die Vögel in ihren Orientierungskäfigen ein paar Kilometer ins Oldenburger Umland verfrachtete, wo kaum Elektrosmog herrscht, war der Effekt eindeutig: Die Tiere orientierten sich in den abgedunkelten Versuchskäfigen tadellos nach dem Magnetfeld.

Bei dem Elektrosmog im besagten Frequenzband handelt es sich keineswegs um starke Strahlung. Im Gegenteil: Die ermittelten Magnetfeldstärken lagen deutlich unterhalb der WHO-Grenzwerte von 6000 Nanotesla für 150 Kilohertz und 180 Nanotesla bei der Frequenz von fünf Megahertz. Tatsächlich werden diese Strahlungsintensitäten beim Betrieb von gewöhnlichen Elektrogeräten, Haushaltsgeräten oder den an der Universität verwendeten Apparaten, erzeugt. Auch amplitudenmodulierte Radiosignale, die einige Kilometer entfernt von Radiosendemasten gemessen werden, liegen i dem Bereich. Handystrahlung jedenfalls, die im Bereich von Gigahertz liegt, und die Strahlung von Stromleitungen im Bereich von 16 beziehungsweise 50 Hertz konnte man als Ursache der Desorientierung ausschließen. 

Das macht die Lösung des Rätsels dennoch kaum einfacher. Denn nach wie vor ist unklar, wie die Störungen in den Sinneszellen ausgelöst werden. In der Zeitschrift „Nature“, in der sie ihre Forschungsergebnisse präsentieren, spekulieren sie, dass  die biophysikalischen Effekte möglicherweise durch „hyperfeine Interaktionen von lichtempfindlichen Radikalpaaren oder in eisenhaltigen Partikeln„ erzeugt werden. Das bedeutet: Möglicherweise handelt es sich um dynamische, winzige Quanteneffekte in den Sinneszellen, über die allerdings bisher noch so gut wie nichts bekannt ist. Ob solche extrem schwachen Magnetfelder und die beteiligten elektrischen Energien am Ende ausreichen, vielleicht sogar auch im menschlichen Gehirn irgendwelche Effekte zu erzielen, ist ebenfalls noch völlig unklar. Das Bundesamt für Strahlenschutz in Salzgitter will die Oldenburger Studie jedenfalls erst genau prüfen, ehe man Aussagen über die Bedeutung des zur Rede stehenden Elektrosmogs für die menschliche Gesundheit macht. 

Update: „Möglicherweise eine Ausnahme?“

Die Frankfurter Zoologin Roswitha Wiltschko, die mit ihrem Mann selbst seit einem halben Jahrhundert an Zugvögeln forscht, hat sich die Oldenburger Studie angesehen und ist in ihrem Kommentar vorsichtig skeptisch: „Die Studie ist solide gemacht mit einem umfangreichen Datenmaterial. Die große Empfindlichkeit ist in der Tat seltsam, aber wir haben vor 10 Jahren ähnliche Befunde mit einem Breitbandfeld gemacht (0.1-10 MHz, 80 nT), das allerdings ein bißchen stärker war als die schwächsten Felder hier.

Was uns vor allem wundert, ist die Herkunft der Störfelder, und die nennen die Autoren leider nicht. Sie scheinen davon auszugehen, daß es in allen Städten so verrauscht ist, aber das trifft sicher nicht zu: Wir haben 50 Jahren lang ähnliche Versuche mit Rotkehlchen in Frankfurt gemacht - unsere Versuchsort war das Zoologishe Institut am Ende der Siesmayerstraße neben dem Palmengarten. Wir haben niemals Störfelder abgeschirmt, und unsere Kontrollen waren im Erdmagnetfeld immer gut orientiert - etwaige dort vorhandene Störfelder scheinen ihnen nichts ausgemacht zu haben.
Ich tendiere deshalb dazu, die Oldenburger Stituation eher für eine Ausnahme zu halten, aber solange man nicht weiß, was die Störfelder hervorruft, kann man natürlich überhaupt nicht abschätzen, was das im allgemeinen bedeutet.“

 

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