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Rechtsprechreform : Freitag der Zehndritte hat zwanzigvier Stunden

  • -Aktualisiert am

Rechtsprechreform: In Bochum warf dieser Tage ein Kolloquium die Frage auf: Sprechen wir auf deutsch die Zahlen sinnvoll aus? Oder sollten wir Alternativen einführen?

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          Wenn die berüchtigten Gesetze der Ökonomie irgendwo uneingeschränkte Geltung besitzen, dann doch wohl im Reich der Zahlen. Sollte man denken. Denn wo abgezählt wird, ob von Rechnungsprüfern oder Grundschülern, steht Wirtschaftlichkeit scheinbar außer Zweifel. Doch nun sorgt ein deutscher Mathematiker mit der steilen These für Aufsehen, daß ausgerechnet beim Zählen die Zahlen nicht stimmen - genauer, die Namen der Zahlen. Auf einem Bochumer Kolloquium beschwor Lothar Gerritzen, der an der dortigen Universität einen Lehrstuhl für Algebra hat, den "wirtschaftlichen Schaden", welchen das deutsche "Zahlenaussprechsystem" verursache.

          Schuld an den folgenreichen Zahlendrehern, die Tag für Tag bei der telefonischen Übermittlung von Stückzahlen oder bei der Durchgabe wichtiger Sicherheitscodes unterliefen, sei die Unsitte der "verdrehten Sprechweise". Hört zum Beispiel eine Sekretärin beim Diktat den Ausdruck "zweihundertdreiundsiebzig", schreibt sie zunächst die an erster Stelle ausgesprochene "2" nieder, muß die als zweite Zahl gehörte "3" jedoch zunächst im Kurzzeitgedächtnis zwischenspeichern, um sie dann nach Nennung der "7" an letzter Stelle zu Papier zu bringen. In der Zeitlupe wirkt dieser Alltagsvorgang wie Gehirnakrobatik. Man kann sich kaum vorstellen, warum angesichts solcher Schwierigkeiten bislang nichts Schlimmeres mit der deutschen Wirtschaft geschehen ist.

          Privileg der Einer gegenüber den Zehnern

          Das sprachliche Privileg der Einer gegenüber den Zehnern, dessen Sturz Gerritzen durch einen "Verein Zwanzigeins" ein "einen Popsong", der noch zu komponieren sei, betreiben möchte, stammt aus der Zeit vor Adam Riese. Seine 1518 gedruckten "Rechnungen auff der linihen" führten das arabische Zahlensystem ein, das jeder Position eine Zehnerpotenz zuordnet: Auf der Einerstelle läuft die 100, auf der Zehnerstelle die 101, auf der Hunderterstelle die 1010 und so weiter. Im lateinischen System hingegen, das nach dem aus Ostfriesenwitzen - "Da kommen zwei, die bringen einen mit" - bekannten Muster der Addition verfuhr, spielte die Reihenfolge der Rechenposten keine Rolle. Statt XXI durften die Römer für die 21 auch IXX anschreiben, statt "viginti et unus" auch "unus et viginti" sagen. Unsere Sprechweise erinnert also weniger an Adam Rieses Rechenschieber, auf dem eine klare Hierarchie der Ebenen herrschte, als an die alte Strichliste, wo alle Summanden gleichwertig zu Buche schlugen.

          Nun enthält freilich jede ausgesprochene Zahl, ganz unabhängig vom verwendeten System, eine Kopfrechenaufgabe - und nicht immer ist sie so mustergültig gestellt wie im Zählsystem von Nimbia, das auf der Grundzahl 12 beruht und in dem sich der Ausdruck "gume biyar ni kwada" für 71 als "zwölf mal fünf und elf" ausbuchstabiert. Der Sprachwissenschaftler Heinz Menge dämpfte die Hoffnung auf eine mathematische Universalsprache, indem er auf den Wildwuchs fremder Zungen verwies. Selbst die Verdrehung der Reihenfolge von Einern und Zehnern gehört so zum schützenswerten Bestand sprachlicher Vielfalt. In Norwegen hält sich diese Sprechweise im Alltag, obwohl der dortige Staat schon 1951 eine Zahlwortreform verordnete. Damals hatte die norwegische Telefongesellschaft sechsstellige Rufnummern eingeführt und sorgte sich um Zahlendreher bei der Vermittlung.

          Neben der linguistischen Feldforschung zeigte in Bochum auch die Psychologie Verständnis für jene scheinbar so unvernünftige Redeweise, die Mathematikern nicht einleuchtet. Nach Hans-Georg Bosshardt bildet unser Zählen die Reihenfolge ab, in welcher die Zahlen unsere Köpfe eroberten. Da wir als Kinder zunächst das übersichtliche Land der Einer entdecken, um erst später in die nebelverhangene Zone jenseits der Zehn vorzudringen, fühlen wir uns den Grundzahlen auf Lebenszeit näher. Wir hängen einfach an den kleinen Zahlen - selbst wenn wir eine unübersichtliche Summe wie "zweiunddreißigmillionenfünfhundertachtundzwanzigtausenddreihunderteinundzwanzig" durchqueren.

          Die Leiden der jungen Rechner, welche die Abweichung zwischen dem Bild und dem Klang einer Zahl nicht verarbeiten können, beschrieb hingegen der Neurologe Michael von Aster. Das "analoge Modul" im Schläfenlappen, ein mit oftmals bunten Zahlen möblierter Vorstellungsraum, gerät in Konflikt mit dem im präfrontalen Kortex verorteten "alphabetischen Modul", wo die Wörter für die Zahlen bereitliegen, und dem "arabischen Modul", das die benötigten Ziffernfolgen enthält. Eine gehörte Aufgabe wie "siebenundfünfzig plus dreißig" führt, wie ein Lehrer berichtete, über den mißverstandenen Umweg "75 + 30 = 105" zur wiederum verdreht ausgesprochenen Lösung "fünfhunderteins".

          Radikale Kulturrevolution

          Zu einer radikalen Kulturrevolution nach dem Vorbild der chinesischen Sprache, welche die Zahl 31 als "dreizehneins" ausspricht, mochte sich dann auf der Tagung aber doch niemand bekennen - statt dessen plädierte man dafür, die in der Grundschule ohnehin verwendete "Stellenwertsprechweise" (also "drei Zehner, ein Einer") einfach länger beizubehalten. Aus Kinderbüchern ist uns Alfons der Viertelvorzwölfte bekannt. Wer aber möchte schon aus Louis XIV einen "Ludwig den Zehnvierten" machen? Allenfalls unser junges Säkulum, das ohnehin noch nicht viel Erfahrung auf dem Konto hat, mag als "zweizehnerstes Jahrhundert" in die Geschichte eingehen.

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