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Raumfahrt : Nasa läßt Teleskop „Hubble“ sterben

  • -Aktualisiert am

Hubble schwebt seit 1990 im Weltraum Bild: Nasa

Als Konsequenz der von Präsident Bush verkündeten Neuorientierung der amerikanischen Weltraumforschung rangiert die Weltraumbehörde Nasa ihr bisheriges astronomisches Paradestück, das „Hubble“-Teleskop, frühzeitig aus.

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          Die von Präsident Bush angekündigte neue Ausrichtung der amerikanischen Weltraumbehörde Nasa auf bemannte Raumflüge zu Mond und Mars hat ihr erstes prominentes Opfer gefordert. Bei einer Sitzung mit Managern des Goddard-Raumflugzentrums im Bundesstaat Maryland kündigte Nasa-Direktor O'Keefe am Freitag überraschend an, künftig werde es keine bemannten Flüge mehr zum Weltraumteleskop Hubble geben.

          Fachleute befürchten nun, daß das erfolgreiche Teleskop ohne Wartung und Reparaturen in etwa drei Jahren seinen Dienst versagen wird. Der nächste Wartungsflug war für das kommende Jahr geplant.

          Eine "Brille" für Hubble

          Das Weltraumteleskop wurde am 24. April 1990 gestartet. Als es knapp vier Wochen später die ersten Bilder zur Erde funkte, waren die Astronomen über alle Maßen enttäuscht. Sie hatten gestochen scharfe Aufnahmen mit einer Qualität erwartet, die von keinem Teleskop auf dem Erdboden auch nur annähernd zu erreichen war. Statt dessen lieferte Hubble aber unscharfe Bilder. Schon bald stellte sich heraus, daß beim Schleifen des 2,40 Meter großen Hauptspiegels ein Fehler unterlaufen war.

          Blick durch das Hubble-Teleskop auf den Mars

          Der Spiegel war nicht - wie gefordert - parabolisch, sondern an den Rändern wies seine Oberfläche Beulen auf. Aufgrund dieses "Sehfehlers" wäre das damals 1,5 Milliarden Dollar teure Hubble-Teleskop für die Forschung weitgehend wertlos gewesen, wenn nicht von vornherein Wartungsflüge mit den Raumfähren geplant gewesen wären. Astronomen gelang es, eine "Brille" für Hubble zu konstruieren, die das einfallende Licht derart verzerrte, daß es von dem verbeulten Spiegel auf den Brennpunkt fokussiert werden konnte.

          Millionen von Interessierten

          Im Dezember 1993 setzten Astronauten dem Teleskop diese Korrekturlinsen auf. Seitdem liefert das nach dem amerikanischen Astronomen Edwin Hubble benannte Fernrohr gestochen scharfe Bilder mit höchster Auflösung. Bis zu seinem zehnten Geburtstag in der Erdumlaufbahn hatten Astronomen mit diesem Teleskop mehr als 14.000 verschiedene Himmelsobjekte - vom nahen Planeten Mars bis zu fernsten Galaxien - beobachtet.

          Die Ergebnisse dieser Forschung schlugen sich in weit mehr als 2.500 wissenschaftlichen Veröffentlichungen nieder. Hubbles eindrucksvolle, vielfach surreal wirkende Bilder wurden regelmäßig vom Auswertezentrum in Baltimore öffentlichkeitswirksam in das Internet gestellt. Millionen von Interessierten luden diese Bilder auf ihre Computer herunter.

          Nach der Reparatur im Jahre 1993 wurde Hubble bislang drei weitere Male von Astronauten besucht, zuletzt vor fast zwei Jahren. Dabei tauschten die Raumfahrer defekte Komponenten aus und nahmen Reparaturen vor. Diese Wartungsarbeiten waren von Anfang an geplant. Hubble ist modular aufgebaut, so daß Einzelteile ohne große Schwierigkeiten ersetzt werden können.

          Entweder zu Hubble oder zur Raumstation

          Viele Astronomen waren nach der Ankündigung O'Keefes fassungslos. Zur Zeit gilt das Teleskop als Kronjuwel der Erforschung des Universums. Erst vor wenigen Tagen hatte Hubble eine langfristige Untersuchung der am weitesten entfernten Gebiete des Weltalls abgeschlossen. Steven Beckwith, der Direktor des "Space Telescope Science Institute" in Baltimore, sagte, er und seine Kollegen seien erschüttert. Auch der Chefwissenschaftler der Nasa, John Grunsfeld, sprach von einem traurigen Augenblick. Grunsfeld war als Astronaut zweimal an Wartungsarbeiten am Hubble-Teleskop beteiligt.

          O'Keefe begründete seine Entscheidung damit, daß es für Astronauten zu gefährlich sei, mit einer Raumfähre in eine Umlaufbahn zu fliegen, von der es nicht möglich ist, die Internationale Raumstation zu erreichen. Hubble umrundet die Erde in etwa 612 Kilometer Höhe. Die Bahn des Teleskops ist dabei um 28 Grad gegen den Äquator geneigt. Die Bahn der Raumstation verläuft dagegen unter einer Neigung von 51 Grad in einer Höhe von 360 Kilometern über dem blauen Planeten. Die Raumtransporter haben nicht genug Treibstoff, von Hubble aus den Orbit der Raumstation zu erreichen. Die Station ist im Falle eines Defektes an der Raumfähre eine Rettungsinsel.

          Allerdings vermuten viele Astronomen, daß dieses Argument nur vordergründig ist. Um die ehrgeizigen Pläne für die von Präsident Bush geforderten bemannten Flüge zu Mond und Mars überhaupt finanzieren zu können, muß die Nasa dafür in den kommenden fünf Jahren elf Milliarden Dollar aus ihrem eigenen Budget zur Verfügung stellen. Der Wartungsflug zum Hubble-Teleskop hätte 500 Millionen Dollar gekostet, die nun gespart und für das neue Programm verwendet werden können. Beobachter fürchten nun, daß die Ankündigung, Hubble nicht mehr zu warten, nur der erste Schritt zur Streichung vieler wissenschaftlicher Programme der Nasa ist.

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