https://www.faz.net/-gwz-ac75s

Raucher-Entwöhnung : Die Crux mit den hippen E-Zigaretten

  • -Aktualisiert am

Für E-Zigaretten soll ab 2024 ein allgemeines Werbeverbot gelten. Bild: dpa

Wem nützt die E-Zigarette? Zum Weltnichtrauchertag reden Experten Klartext: Wer mit dem Rauchen aufhören und gesund bleiben will, sollte den süß verlockenden Aromen widerstehen.

          3 Min.

          Noch immer rauchen 27,8 Prozent der deutschen Bevölkerung regelmäßig Zigaretten. Unter den Jugendlichen zwischen 12 und 17 Jahren sind es noch 6,6 Prozent, so die aktuellen Zahlen des Bundesgesundheitsministeriums. Viele möchten damit aufhören. Drei von vier Rauchern möchte angeblich vom Glimmstängel loskommen. Zwischen den Jahren 2012 und 2020 ist die offizielle Zahl der Raucher in der EU, die versuchen aufzuhören, um 6 Prozent gestiegen. In diesem Zeitraum, so die Europäische Kommission, ist der Konsum von Nikotinersatzprodukten gesunken und der von E-Zigaretten gestiegen. Wie sind diese letzten Zahlen zu deuten?

          „E-Zigaretten sind keine gute Alternative aus zwei Gründen, sie sind gesundheitsschädigend und sie fördern die Abhängigkeit“, sagte Wulf Pankow, Chefarzt der Pneumologie im Vivantes Klinikum Neukölln in Berlin, aus Anlass des aktuellen Kongresses der deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin. Ein Beispiel: Es befinden sich zwei harmlose Stoffe in der E-Zigaretten-Flüssigkeit, dem Liquid: Glycerin und Propylenglykol. Erhitzt man diese auf Temperaturen, wie es in E-Zigaretten vorkommt, können sie sich in schädliche Stoffe verwandeln, die Entzündungen fördern, krebserregend sein können und auch den Herzkreislauf schädigen können.

          E-Zigaretten, heißt es auf der anderen Seite oft, sind weniger schädlich als Tabakprodukte. Allerdings fehlen dazu noch aussagekräftige Langzeitstudien. Das abhängig machende Nikotin findet man ebenfalls in den meisten E-Zigaretten. Schließlich die Aromen im Liquid: Auch sie erhöhen die Abhängigkeit der E-Zigaretten. Heute findet man bis zu 7500 verschiedene Aromen auf dem Markt. Sie verleiten vor allem die junge Bevölkerung dazu, mit dem „Dampfen“ anzufangen.

          Laut Europäischer Kommission fangen die meisten Erwachsenen mit E-Zigaretten an, weil sie einen Strich unter dem Kapitel Rauchen ziehen wollen. Für die jungen Menschen jedoch ist die E-Zigaretten oft nicht Entwöhnungsmittel, vielmehr haben sie ganz andere Gründe: Sie möchten sich dieses schlank designte Objekt kaufen. Für sie ist es diskretes Rauchen, kein unangenehmer Geruch, im Gegenteil – ein süßes Aroma –, somit stört man weniger seinen Nachbarn an der Bushaltestelle. Vor allem aber ist die Neugier Hauptgrund für Jugendliche und junge Erwachsenen, mit dem elektronischen Rauchen anzufangen. Oft beginnen sie, weil die Neuheit des Produkts sie anzieht und sie die verschiedenen Geschmacksrichtungen testen wollen, was sie dann von Neugier zur Abhängigkeit bringen.

          Gesundheitlich bleibt dies nicht ohne Folgen. Forscher der Keck School of Medicine an der University of Southern California in Los Angeles haben eine Internetumfrage veröffentlicht, an der rund dreitausend Jugendliche und junge Erwachsene von 14 bis 21 Jahren teilnahmen. Diese mussten persönliche Daten angeben und was sie konsumieren:  E-Zigaretten, Zigaretten, Cannabis oder nichts dergleichen. Die Frage war, welche Symptome bei diesen jungen Menschen in den letzten 30 Tagen aufgetreten sind. Die zwei häufigsten Antworten bei E-Zigaretten-Konsumenten, die sie von den Nichtrauchern unterschieden, waren Symptome wie Keuchen und Atemnot. Über ein hohes Stressniveau leiden bis zu 60 Prozent mehr unter den E-Zigarettenrauchern, so die Forscher des Hospital for Sick Children in Toronto. Viele junge Menschen rauchen zudem neben einer E-Zigarette ab und zu auch Zigaretten oder Cannabis, was einerseits die Resultate verzerren kann, andererseits aber auch in der Kombination als besonders schädlich bekannt ist.

          Lungenspezialist Pankow beklagt insbesondere den häufigen Doppelkonsum von E-Zigaretten und Tabakprodukten. 85 Prozent der Dampfer rauchen nebenbei auch Zigaretten. Ex-Zigarettenraucher werden, auch das zeigten Studien, durch die E-Zigaretten zum Wiedereinstieg in den Tabakkonsum verleitet. Zu den Entwöhnungsversuchen sagte Pankow: „Heutzutage gibt es gute Programme zum Abgewöhnen vom Rauchen, denn professionelle Hilfe funktioniert.“ Sich ein Datum zu setzen, klappt dagegen eher schlecht.  Sucht- und Verhaltenstherapien, Medikamente wie Nikotinpflaster und -Kaugummis seien Alternativen, mit denen allemal bessere Erfolge erzielt würden als mit E-Zigaretten. Allerdings fehle es an Therapeuten, und die medizinischen Nikotinersatzprodukte würden immer noch nicht von den gesetzlichen Krankenkassen erstattet.  

          Die Tabakfirmen dagegen sehen sich auf der Gewinnerseite, sie haben sich inzwischen einen Großteil des E-Zigarettenmarktes angeeignet. Werbung für die E-Zigaretten-Produkte und der Blickfang, der durch die auffällige Verpackungskennzeichnung gemacht wird, fallen bisher nicht unter das Tabakwerbeverbot. Die Kritik daran wird immer lauter. Verschiedene Initiativen wie das Netzwerk EHN (European Heart Network) versuchen nun, ein Verbot der abhängig machenden Aromen voranzutreiben.

          Beim Rauchen gehört Deutschland zu den „Sorgenkindern“
          der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Das sagte der WHO-Direktor für Gesundheitsförderung, Rüdiger Krech, der Deutschen Presse-Agentur. In allen anderen EU-Ländern werde mehr getan, um die Menschen zum Aufhören zu bewegen. „Deutschland ist in der EU bei Maßnahmen zur Eindämmung des Rauchens das Schlusslicht.“ Die Bundesrepublik gehört deshalb zu den 29 Ländern, in denen die WHO am Weltnichtrauchertag am 31. Mai eine Kampagne unter anderem in sozialen Medien startet, um mehr Menschen zum Aufhören zu bewegen.

          Weitere Themen

          Die kranken Helden vom 11. September

          FAZ Plus Artikel: 9/11 : Die kranken Helden vom 11. September

          Monatelang kämpften sich Rettungskräfte nach dem 11. September durch den Schutt, der vom World Trade Center übrig geblieben war. Das hat viele krank gemacht – der Staub war giftig, Tausende leiden an Krebs oder Lungenerkrankungen. Doch die kranken Helden wurden lange ignoriert.

          Topmeldungen

          Hans-Georg Maaßen trifft Thilo Sarrazin (r), früheres SPD-Mitglied und Politiker, bei einer Wahlkampfveranstaltung im Saal Simson des Congress Centrum Suhl.

          Maaßen und Sarrazin : Wahlkampf der alten Männer

          In Suhl diskutiert CDU-Kandidat Hans-Georg Maaßen mit dem früheren SPD-Mitglied Thilo Sarrazin. Dabei geht es weniger um Inhalte und vielmehr um die persönliche Kränkung der beiden.
          SPD-Dynastie: Familie Siebel im „stadtbauraum“, einer Veranstaltungsstätte  am früheren Kohleschacht Oberschuir in Gelsenkirchen.

          Politische Prägung : Wählen wie die Eltern

          Welcher Partei wir bei einer Wahl unsere Stimme geben, hängt auch mit der Prägung durch das Elternhaus zusammen. Oder gerade nicht? Drei Ortsbesuche.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.