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Psychotherapie : Geprüfte Hilfen gegen Magersucht

  • -Aktualisiert am

Hände einer Anorexie-Patientin Bild: AFP

Welche Behandlung hilft magersüchtigen Mädchen und Frauen am besten? Die Daten der weltweit größten Studie werfen ein gutes Licht auf das deutsche Gesundheitssystem.

          3 Min.

          Studien mit magersüchtigen Patientinnen gelten als eine Herausforderung für Wissenschaftler. Viele Probandinnen brechen ihre Teilnahme vorzeitig ab, was mit ihrer ambivalenten Haltung der Heilung gegenüber zu tun hat: Sie identifizieren sich einfach zu stark mit ihrem Ziel, immer mehr Gewicht zu verlieren. Gerade dieses Symptom aber wollen Ärzte und Therapeuten behandeln. Zudem ist es eine vergleichsweise seltene Störung, das Vorkommen beläuft sich auf nur 0,3 Prozent bei Mädchen und jungen Frauen.

          Zusammengenommen haben diese Bedingungen dazu geführt, dass es bis heute kaum Therapiestudien mit hohen Probandenzahlen gibt, die Aussagen über das Potential unterschiedlicher Behandlungskonzepte geben könnten. Psychotherapien sind das Mittel der Wahl, die Evidenz fehlt – ein schweres Manko für Therapeuten und Kliniken, denn wenn jemand erkrankt, ist der Verlauf häufig chronisch, fünf Prozent der Betroffenen sterben sogar innerhalb von zehn Jahren, wenn sie nicht behandelt werden.

          Weltweit größte Studie

          Die bislang größte Studie über Psychotherapien bei Anorexia nervosa, so der Fachterminus für die Magersucht, kommt jetzt aus Deutschland und gibt valide Hinweise darauf, welche Verfahren helfen können. Eine Forschergruppe um Wolfgang Herzog von der Universität Heidelberg und Stephan Zipfel von der Universität Tübingen veröffentlichte im Fachmagazin „Lancet“ Daten über 242 an Anorexie leidenden Frauen, die mittels Losverfahren auf drei Gruppen verteilt wurden (doi: 10.1016/S0140-6736(13)61746-8).

          Eine Gruppe erhielt eine optimierte Regelversorgung: Die Patientinnen wurden vom Hausarzt überwacht und suchten sich einen niedergelassenen Psychotherapeuten in der Region, der die Therapie seiner Wahl durchführte. In den beiden anderen Gruppen kamen zwei speziell für die Magersucht entwickelte Verfahren zum Einsatz: eine Form der kognitiven Verhaltenstherapie und eine der psychodynamischen Psychotherapie. Diese Gruppen wurden an Unikliniken in Deutschland betreut. Alle Patientinnen wurden ambulant behandelt. Sie waren sämtlich erwachsen, im Mittel 28 Jahre alt. Nach zehn Monaten Studiendauer lag die Abbruchquote bei 22 Prozent; zwölf Monate nach dem Ende der Therapie wurden langfristige Effekte untersucht.

          Gewichtszunahme ist das Kriterium

          Hauptgegenstand der Studie war die Frage nach den Folgen der Therapien für das Gewicht der Frauen. Die Autoren hatten im Vorfeld angenommen, dass es hinsichtlich der Gewichtszunahme deutliche Unterschiede zwischen den Gruppen geben würde. Doch das war nicht der Fall: Die drei Verfahren unterschieden sich, was diesen Effekt anging, nicht signifikant voneinander. „Der strenge Biometriker würde sagen, dass es keine Unterschiede gibt“, stellt Wolfgang Herzog fest, der Direktor der Klinik für Allgemeine Innere Medizin und Psychosomatik in Heidelberg. In allen Gruppen stieg der Body-Mass-Index (BMI) von im Mittel 16,7 (beziehungsweise einem Ausgangsgewicht von 46,5 Kilogramm) zu Anfang auf einen BMI von etwas mehr als 18. Dass die gängige Regelversorgung dieselben Folgen für das Gewicht hatte wie die Spezialverfahren, bedeutet für Herzog vor allem eines: „Wir haben in Deutschland ein sehr gutes Gesundheitssystem.“ In den Vereinigten Staaten gebe es oft Therapieprogramme, die nur über vier Wochen gehen – bei Anorexie, die eine lange Therapiezeit erfordert, habe das keine Wirkung.

          Dennoch fanden die deutschen Wissenschaftler auch Unterschiede zwischen den Verfahren: „Bei der kognitiven Verhaltenstherapie kam es am schnellsten zur Gewichtszunahme“, sagt Herzog. Die psychodynamisch orientierte Therapie habe dagegen das beste „sekundäre Outcome“ gezeigt, bei dem es nicht um die reine Gewichtszunahme gehe, so Herzog: Die Patientinnen hatten die wenigsten stationären Aufnahmen während der Therapiezeit, sie profitierten von einer langfristigen Wirkung der Behandlung, und auch die typischen Kriterien für Anorexie schwanden am deutlichsten. Nicht nur der gesunkene Body-Mass-Index ist nämlich ein Maß, mit dem man Magersucht feststellen kann; die Krankheit geht auch mit einem verzerrten Körperbild, dem Ausbleiben der Regelblutung und zwanghaften Gedanken über das Essen und mit begleitenden Störungen wie Angst oder Depressivität einher, die in der Studie ebenfalls erfasst wurden. Die psychodynamische Therapie zeigte auch die günstigste Gesamtheilungsrate von 35 Prozent bei der Follow-up-Untersuchung zwölf Monate nach Therapieende.

          Ein Hungerstreik birgt Macht

          Die unterschiedlichen Effekte erklärten sich aus den ganz verschiedenen Herangehensweisen, sagt Herzog. „Bei der kognitiven Verhaltenstherapie fokussiert man gezielt auf Symptomenkompexe, bei denen es um das Essen geht. Die psychodynamische Therapie bringt die Essstörung dagegen immer in Verbindung mit den Beziehungen der Patientin.“ Verändere man den Blick auf Beziehungen, wirke das möglicherweise langfristiger. „Die These bei Magersucht ist, dass es Konflikte in der Autonomieentwicklung gibt“, so Herzog. „Die Betroffenen sind nachgiebig, lassen viel geschehen. Irgendwann behelfen sie sich mit einem Hungerstreik, mit dem sie einen starken Effekt erzielen, denn in der Essensverweigerung steckt viel Macht. Sie haben nicht gelernt, Konflikte anders auszutragen.“

          Die deutsche Studie sei ein Fingerzeig, dass weltweit die Kombination zwischen Hausärzten und Psychotherapie sinnvoll sein könnte, schreibt Cynthia Bulik von der University of North Carolina at Chapel Hill in einem begleitenden Kommentar in „Lancet“. Aufgrund der hohen Zahl von Patientinnen, bei denen die Krankheit bestehen blieb, mahnt sie Forschung im Bereich der Genetik und Neurobiologie an. Auch die Autoren der deutschen Studie sehen die Grenzen bisheriger Konzepte: „Trotz der erfolgreichen Verläufe litt auch ein Jahr nach Ende der Therapie ein Viertel der Patientinnen noch immer an einer voll ausgeprägten Magersucht“, bilanzieren sie.

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