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Zum Tod von Aaron Beck : Das, was sich an der Oberfläche versteckt

Begründer der Kognitiven Verhaltenstherapie: Aaron Beck Bild: privat/Creative Commons

Er hat die Therapie von Depressionen revolutioniert und mit der Kognitiven Verhaltenstherapie eine pragmatische Alternative zur klassischen Psychoanalyse entwickelt. Nun ist Aaron Beck hundertjährig verstorben.

          3 Min.

          Wenn jemand an einer Depression leidet und sich um eine Psychotherapie bemüht, wird er im Allgemeinen zwischen zwei Therapieformen wählen können: Auf der einen Seite stände die zeitintensivere Tiefenpsychologie, die vor allem nach Ursachen des Problems, etwa in der Kindheit, sucht. Und auf der anderen die pragmatischere Verhaltenstherapie, die darauf abzielt, dass das Leben des Patienten schon nach Wochen oder Monaten wieder in gesünderen Bahnen verlaufen kann.

          Johanna Kuroczik
          Redakteurin im Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Zwei Behandlungsformen für eine Krankheit: Das scheint uns so natürlich wie die Tatsache, dass ein gebrochener Fuß, individuell abgewogen, geschient oder operiert werden kann. Doch hinter dieser Selbstverständlichkeit steckt im Falle der Verhaltenstherapie unter anderem die große wissenschaftliche Pionierleistung des Psychotherapeuten und Forschers Aaron Temkin Beck.

          Beck wurde als Vater der Kognitiven Verhaltenstherapie berühmt, die über die Jahre mit der Verhaltenstherapie verschmolz, und deren Einfluss auf die Psychotherapie wohl kaum überschätzt werden kann. Becks Methode gilt als Revolution der Therapie von Depressionen, er selbst nannte sie „einfach und nüchtern“, sie habe schlicht viel mit dem gesunden Menschenverstand zu tun.

          Beck begann seine Karriere als Anhänger von Freuds Theorien

          Als junger Professor an der University of Pennsylvania widmete sich der 1921 im Bundesstaat Rhode Island geborene Psychiater Ende der fünfziger Jahre zunächst der Psychoanalyse, wie sie auf Sigmund Freud zurückgeht, der damals gängigen Therapieform. Freud ging unter anderem davon aus, dass Depressionen aus einem unbewussten Leidensbedürfnis des Patienten heraus entstehen können. In der klassischen Psychoanalyse taucht man zum Teil tief in die Kindheit und Jugend des Patienten ein, um nach verborgenen Konflikten oder Verdrängtem zu suchen. Das erfordert gewöhnlich mehrere Jahre täglicher Sitzungen. Auch Beck begann seine Karriere als Anhänger von Freuds Theorien, doch geriet – insbesondere angesichts der eher bescheidenen Ergebnisse seiner eigenen Analyse – ins Zweifeln.

          Er bemerkte während der Therapiegespräche, dass Depressive oft festgefahrene Gedankenmuster aufweisen, was er später als „Kognitive Triade“ beschrieb: Eine negative Sicht auf sich selbst, auf die Umwelt und auf die Zukunft. In ihrem Geiste kursierten starre Vorstellungen, wie „Ich bin nicht gut genug“ und „Niemand liebt mich“, die sie in unterschiedlichsten Situationen bestätigt wähnten und die ihr Weltbild prägten.

          Der Patient wird in seiner Selbstheilungskraft bestärkt

          An diesen Gedankenmustern setzt seine Kognitive Verhaltenstherapie, kurz KVT, an: Konkrete starre Denkstrukturen werden erkannt und bearbeitet, man wühlt sich nicht durch Kindheitserinnerungen, sondern blickt nach vorne. Die Frage lautet: Wie kann man mit dem Problem umgehen? Becks Ansatz ist damit pragmatisch, der Patient setzt sich konkrete Therapieziele, er kriegt Arbeitsblätter und Hausaufgaben. Um solche festgefahrenen Denkstrukturen aufzubrechen, nutzt die KVT den inneren Dialog. Der Patient wird dadurch in seiner Selbstheilungskraft bestärkt.

          Becks erster Patient sei er selbst gewesen, so berichtete er später. Als Junge erkrankte er schwer an einer Infektion, nachdem er sich den Arm gebrochen hatte. Er verpasste durch seine schwache Gesundheit fortan immer wieder den Schulunterricht, sodass er von vielen für dumm gehalten wurde. Spätestens durch Universitätsabschlüsse von den Universitäten Brown und Yale widerlegte er das eindrucksvoll.

          Beck, genannt Tim, war für seine gutmütige Art bekannt

          „An der Oberfläche versteckt sich mehr, als man auf den ersten Blick sieht“, pflegte Beck gerne zu sagen. Gerade diese Oberflächlichkeit kritisierten Wissenschaftler und Psychiater zunächst massiv. Doch Beck konnte ihnen etwas entgegnen, das gerade in der Psychoanalyse schwer zu erreichen ist: wissenschaftliche Evidenz. Sein Konzept der KVT entwickelte er in den sechziger Jahren und veröffentlichte bereits da auch erste Studien. Seither hat sich die Effektivität der Methode in mehr als 2000 Forschungsarbeiten bewährt. Der Inventar zur Diagnose von Depressionen, mit dem Symptome abgefragt werden, gehört zum Standardinstrument in psychiatrischen Kliniken. Die KVT wird neben Depressionen auch bei Angststörungen, Essstörungen, Zwangserkrankungen und zahlreichen anderen psychischen Problemen eingesetzt, und das von Psychotherapeuten auf der ganzen Welt.

          Beck veröffentlichte als Autor oder Nebenautor in seiner Laufbahn mehr als 600 Studien, schrieb an zahlreichen Büchern mit und erhielt eine Vielzahl von Auszeichnungen, etwa 2006 den Albert Lasker Preis für klinisch-medizinische Forschung. Zuletzt widmete er sich einer Kognitiven Therapie, die auch bei schwersten mentale Krankheiten wie Schizophrenie Anwendung finden soll.

          Unter Kollegen und Freunden war Aaron Temkin Beck, genannt Tim, für seine gutmütige Art bekannt. Er war mehr als 70 Jahre mit seiner Frau, einer Richterin, verheiratet, hatte vier Kinder und war ein eifriger Tennisspieler. Am 1. November ist er im Alter von hundert Jahren gestorben.

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