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Früher war es ganz bestimmt nicht besser

Von GEORG RÜSCHEMEYER
Foto: Picture Alliance

25.09.2018 · Leben wir heute in der besten aller Welten? Der Psychologe Steven Pinker und der Mediziner Hans Rosling glauben fest daran. Sie rechnen mit der Vergangenheit ab.

M it unserem Gedächtnis ist das so eine Sache. Wie war der Sommerurlaub? Natürlich super. Die Sonne schien, die Kinder waren glücklich, das Essen schmeckte – lauter schöne Erinnerungen. Dass es zwischendurch auch regnete, die Kinder quengelten und man eine Nacht mit Bauchkrämpfen auf der Campingplatztoilette verbrachte: längst vergessen. „Rosige Retrospektion“ nennen Psychologen diese Tendenz, die Vergangenheit durch die rosarote Brille zu sehen. Sie gehört in die lange Liste kognitiver Verzerrungen, die unsere Wahrnehmung, unser Denken und eben auch unsere Erinnerung systematisch verfälschen. Zahlreiche Studien zeigen: Gerade im Rückblick machen wir uns die Welt nach dem Pippi-Langstrumpf-Prinzip: wie sie uns gefällt.

In Sachen Urlaub hat Terence Mitchell von der University of Washington die rosige Retrospektion schon vor zwanzig Jahren untersucht. In einer vielzitierten Studie begleitete Mitchell 38 studentische Probanden vor, während und nach einer dreiwöchigen Fahrradtour durch Kalifornien und befragte sie regelmäßig nach ihren Einschätzungen und Emotionen. Wie sich herausstellte, hatten die Studenten während der anstrengenden und recht verregneten Tour durchaus gemischte Gefühle, die aber weder der positiven Erwartungshaltung vor dem Aufbruch noch den schönen Reminiszenzen in der Rückschau entsprachen. Im Nachhinein haben wir offenbar die Tendenz, ungute Erinnerungen zu verdrängen, um uns umso mehr und ungestört an den schönen zu erfreuen. Das dient letztlich auch der Stützung des Selbstwertgefühls, sagen Psychologen.

Oder war früher doch einfach alles besser? Ebendiese Frage stellte das Meinungsforschungsinstitut YouGov 2016 in einer Umfrage unter gut tausend repräsentativ ausgesuchten Deutschen. 41 Prozent stimmten der Aussage „Früher war alles besser“ zu, nur vier Prozent der Alternative „Früher war alles schlechter“. 47 Prozent der Befragten sahen unterm Strich keinen klaren Unterschied. Fragten die Meinungsforscher konkreter nach einer bestimmten Ära, sah das Bild etwas ausgeglichener aus: Ins 19. Jahrhundert oder in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts wünschen sich offenbar die wenigsten zurück. Am positivsten sahen die Befragten die achtziger Jahre, welche 47 Prozent für besser und 11 Prozent für schlechter als die Gegenwart hielten.

Dabei hatte diese Dekade nicht nur mit schlimmen Frisuren, dicken Schulterpolstern und „Modern Talking“ aufzuwarten. Die achtziger Jahre waren auch die Zeit des Waldsterbens, der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl, des Nato-Doppelbeschlusses und eines von vielen Menschen tagtäglich erwarteten Dritten Weltkrieges. Doch im Nachhinein scheinen die damaligen Ängste vor dem drohenden Weltuntergang übertrieben – was nicht unbedingt gleichbedeutend damit ist, dass sie damals unbegründet gewesen wären.

Auf unsere selektive Erinnerung ist auf jeden Fall wenig Verlass, wenn es um eine objektive Bewertung der Vergangenheit geht. Doch wie soll man dann beurteilen, ob früher alles besser war? Wie kann man den Zustand der Welt gestern und heute unvoreingenommen vergleichen? „Die Antwort lautet: durch Zählen“, schreibt Steven Pinker, Professor für Psychologie an der Harvard University in Cambridge nahe Boston. In seinem am 26. September auch auf Deutsch erscheinenden Buch „Aufklärung jetzt: Für Vernunft, Wissenschaft, Humanismus und Fortschritt. Eine Verteidigung“ führt Pinker auf mehr als 700 Seiten Zahlen und Fakten auf, die allesamt belegen sollen, dass sich die Welt heute entgegen aller Unkenrufe in einem besseren Zustand befindet als je zuvor. Der 1954 in Montreal in Kanada geborene Kognitionspsychologe ist einer der prominentesten Intellektuellen Amerikas und kann auf eine lange Liste populärwissenschaftlicher Bücher verweisen. Sein neuestes Werk knüpft unmittelbar an seinen Titel „Gewalt: Eine neue Geschichte der Menschheit“ von 2011 an. Pinkers These dort: „Der Rückgang der Gewalt dürfte die bedeutsamste und am wenigsten gewürdigte Entwicklung in der Geschichte unserer Spezies sein.“ Die täglichen Nachrichten über Opfer von Krieg und Gewalt würden nur darüber hinweg täuschen, dass sich das globale Ausmaß an Gewalt im Laufe der Menschheitsgeschichte trotz aller Rückschläge immer weiter verringert habe.

„Aufklärung jetzt“ weitet diese These nun deutlich aus. Auch in so ziemlich allen anderen, für das menschliche Wohlergehen relevanten Bereichen sei die Welt in den vorangegangenen hundert bis zweihundert Jahren auf einem guten Weg gewesen. Die 15 zentralen Kapitel widmet Pinker Themen wie Lebenserwartung, Gesundheit, Ernährung und Wohlstand, aber auch ideellen Werten wie Demokratie, Bildung und Gleichberechtigung. Fazit: Früher war so ziemlich alles wesentlich schlechter.

All diese Fortschritte verdanken wir demnach einem beispiellosen Siegeszug von Vernunft, Wissenschaft und Humanismus, der mit der Epoche der Aufklärung begann. Der „Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“ (Kant) ermöglichte es ihm, sein Schicksal von Gottes Gnaden in die eigene Hand zu nehmen. Und das offenbar überaus erfolgreich, wie Pinker anhand einer Flut von Zahlen, Grafiken und Fußnoten demonstriert.

In die gleiche Kerbe, wenn auch mit weniger historischem Unterbau, schlägt das kürzlich auf Deutsch erschienene Buch „Factfulness: Wie wir lernen, die Welt so zu sehen, wie sie wirklich ist“. Es ist das Vermächtnis von Hans Rosling, einem 2017 verstorbenen Professor für Internationale Gesundheit am schwedischen Karolinska-Institut, der das Buch zusammen mit seinem Sohn und seiner Schwiegertochter verfasst hat.

Hans Rosling legt darin etwas kurzweiliger als Steven Pinker dar, wie absolut und total die allermeisten Menschen mit ihrer pessimistischen Bewertung des Zustands der Welt danebenliegen. Ihnen fehle schlicht das Wissen über die fundamentalsten Kenndaten, behauptet Rosling. Er illustriert dies mit den Ergebnissen eines kurzen Wissensquiz, das er über die Jahre von Tausenden von Teilnehmern ausfüllen ließ (wer sich selbst testen will: auf der Website //forms.gapminder.org/s3/test-2018 findet sich auch eine deutsche Version der Befragung). Das Quiz besteht aus einfachen Multiple-Choice- Fragen wie diesen:

Wie lang ist die Lebenserwartung heute im globalen Durchschnitt?
A) 50
B) 60 oder
C) 70 Jahre

In den vergangenen zwanzig Jahren hat sich der Anteil der Weltbevölkerung in extremer Armut . . .
A) . . . beinahe verdoppelt
B) . . . ist in etwa gleich geblieben oder
C) . . . beinahe halbiert

Weltweit gesehen, hat ein 30-jähriger Mann im Durchschnitt 10 Jahre in der Schule verbracht. Wie lang ging eine gleichaltrige Frau zur Schule?
A) 9 Jahre
B) 6 Jahre
C) 3 Jahre

Tatsächlich stimmt die jeweils günstigste Antwort: Die Lebenserwartung liegt im globalen Mittel inzwischen bei knapp 70 Jahren, nur noch halb so viele Menschen leben in extremer Armut, und Mädchen gehen heute mit neun Jahren fast ebenso lange zur Schule wie Jungen.

Obwohl alle dreizehn Fragen in Roslings Quiz relativ einfache, gut mit offiziellen Zahlen unterfütterte Fakten abfragen, erweisen sich die allermeisten Menschen als weitgehend ignorant. Einzige Ausnahme: Die Mehrheit der Befragten weiß inzwischen die Antwort auf Frage 13 über die von den meisten Experten angenommene Erwärmung des Weltklimas – Rosling bezeichnet das als „Erfolgsstory für das öffentliche Problembewusstsein“. In allen übrigen Bereichen jedoch sei die Unkenntnis erschütternd: „2017 baten wir annähernd 12 000 Menschen aus 14 Ländern, unsere Fragen zu beantworten. Von den ersten zwölf Fragen beantworteten sie im Schnitt gerade mal zwei richtig. Kein Einziger bekam die volle Punktzahl, verblüffende 15 Prozent gaben keine einzige korrekte Antwort.“ Zwei von zwölf ist deutlich weniger als eine rein zufällige Trefferquote, die bei zwölf Fragen und drei Antwortmöglichkeiten doppelt so hoch liegt.

Die allermeisten Menschen, so Hans Rosling, lägen eben nicht nur irgendwie, sondern systematisch daneben, eine Folge einer viel zu pessimistischen Weltsicht. Dabei hat ein schlechtes Abschneiden im Test nichts mit einem Mangel an Bildung zu tun, im Gegenteil: die meisten falschen Antworten bekam Rosling, als er eine Gruppe von Nobelpreisträgern abfragte.

N un kann man an einigen Statistiken aus Roslings und Pinkers Büchern durchaus Zweifel anmelden. So wurde Pinkers älteres Buch über die Abnahme der globalen Gewalt von Historikern wegen seiner gewagten Extrapolationen von Opferzahlen von der Steinzeit bis ins Mittelalter arg in die Mangel genommen. Pinkers und Roslings aktuelle Werke stützen sich jedoch auf wesentlich belastbarere Zahlen der vergangenen zwei Jahrhunderte. Hier liegt das Problem eher in der Deutung der Statistiken und in deren selektiver Auswahl. Ist beispielsweise die stark angestiegene Zahl der bedrohten Arten, die auf der Roten Liste der Weltnaturschutzunion IUCN erfasst sind, nun ein Indiz für stärkere Schutzbemühungen? Oder steht sie eben doch für eine deprimierend gewachsene Anzahl kurz vor dem Aussterben stehender Spezies? Müsste man in diesem Zusammenhang nicht auch eine Statistik der bereits für immer durch menschlichen Einfluss ausgelöschten Tiere und Pflanzen zeigen? Wo ist die Statistik über die Ausbreitung multiresistenter Keime? Und was sagen die steigenden Zahlen neuer Kinofilme, Musiktitel oder Mobiltelefone, die Rosling präsentiert, wirklich über die Conditio humana aus?

Auf der anderen Seite ist Roslings Lieblingsgrafik, aus der sich die Lebenserwartung und das inflations- und kaufkraftbereinigte Pro-Kopf-Einkommen der meisten Länder der Welt ablesen lassen, ohne Zweifel beeindruckend. Insbesondere dann, wenn man sich die animierte Version mit der Entwicklung ab dem Jahr 1800 ansieht, mit der man auf www.gapminder.org/whc spielen kann.

Besonders dramatisch fallen die Veränderungen der letzten fünf Jahrzehnte aus. Vor allem China und Indien entwickelten sich in dieser Zeit von Entwicklungsländern mit einem hohen Anteil in extremer Armut lebender Menschen zu angehenden Industriestaaten. Die Lebenserwartung stieg in diesem Zeitraum in beiden Ländern um rund zwanzig Jahre.

Aufschlussreich auch der Vergleich von Kindersterblichkeit und der Anzahl der Kinder pro Frau. 1965 ließ sich die Welt noch deutlich in zwei Lager teilen: Auf der einen Seite entwickelte Länder mit zwei bis drei Kindern und einer Kindersterblichkeit von weniger als fünf Prozent. Und auf der anderen Seite typische Entwicklungsländer mit einer hohen Geburtenrate von fünf bis acht Kindern pro Frau, von denen aber zwischen 10 und 30 Prozent das fünfte Lebensjahr nicht erreichten. Heute haben die meisten dieser Länder dagegen eine Kindersterblichkeit von unter zehn Prozent und moderate Geburtenraten; die ehemals so deutliche Lücke zwischen entwickelten und unterentwickelten Ländern existiert so nicht mehr.

Kritiker, die sich natürlich zu Wort gemeldet haben, sehen bei Pinker und Rosling einen ungehemmten Optimismus am Werk. Der täusche in einer Welt von Klimawandel, Rechtspopulismus und sich erratisch benehmender Supermächte über Gefahren hinweg und verleite dazu, sich auf den Lorbeeren des Erreichten auszuruhen, anstatt die Anstrengungen für eine bessere Welt zu verdoppeln. Dagegen verwahren sich die beiden ausdrücklich. Rosling bezeichnet sich nicht als Optimisten, sondern vielmehr als „Possibilisten“, also als jemanden, der sowohl Gefahren als auch Fortschritte möglichst unvoreingenommen auf Basis von Fakten einschätzt. „Als Possibilist sehe ich die gemachten Fortschritte, und sie geben mir die Zuversicht, dass weiterer Fortschritt möglich ist. Das ist nicht optimistisch. Es bedeutet nur, sich ein klares und vernünftiges Bild der Dinge zu machen. Es ist eine konstruktive und hilfreiche Sicht der Welt.“ Die Lage könne beides zugleich sein: schlecht und doch auf einem guten Weg.

Rosling vergleicht das mit dem Zustand eines zu früh geborenen Kindes in einem Brutkasten: Dem Baby geht es momentan miserabel, seine Atmung, Herzfrequenz und andere Vitalparameter müssen stetig überwacht werden. Eine Woche später geht es ihm schon deutlich besser. Und doch ist sein Gesundheitszustand noch immer kritisch. „Kann man sagen, dass sich sein Zustand verbessert? Absolut. Kann man sagen, dass sein Zustand schlecht ist? Ja, absolut. Wenn man sagt, dass Dinge besser werden – bedeutet dies dann, dass alles gut ist und dass wir uns zurücklehnen und entspannen können? Nicht im Geringsten.“ So müsse man auch den Zustand der Welt betrachten, meint Rosling, es geht ihr gleichzeitig schlecht und doch besser als zuvor. Eine übertrieben pessimistische Sicht der Weltlage dagegen bedeute nicht nur unnötigen Stress, sondern könne auch zu einer Hinwendung zu radikalen Antworten auf vermeintliche Probleme führen. Wie das funktioniert, konnte man sich 2016 beim Wahlkampf von Donald Trump ansehen, der so lange ein jeglicher Grundlage entbehrendes Endzeitbild vom Zustand der Vereinigten Staaten zeichnete, bis er eine knappe Mehrheit der amerikanischen Wähler davon überzeugt hatte.



Auch nicht besser sei es, so Rosling, wenn Endzeitgefühle bei den Betroffenen jegliche Motivation untergraben, sich für Verbesserungen einzusetzen. Dass es dafür noch immer mehr als genug Baustellen gibt, angefangen vom Klimawandel über die alles andere als verschwundenen Probleme wie Krieg, Armut und Ungleichheit bis hin zu einem neuen Nationalismus, streiten weder Rosling noch Pinker ab. Der Blick auf die Erfolge sei jedoch wichtig, um die Hintergründe besser zu verstehen.

Wenn die Welt unterm Strich tatsächlich so viel Anlass zu Hoffnungen gibt – warum sehen die meisten Menschen sie dann in so düsteren Farben? Sowohl Rosling als auch Pinker sehen die Hauptverantwortung dafür bei den Massenmedien, die mit ihrer Bevorzugung von Sensationen ein verzerrtes Bild der Wirklichkeit liefern. Während Veränderungen zum Schlechten oft katastrophisch verlaufen und damit gute Chancen auf mediale Aufmerksamkeit haben, eignen sich Nachrichten über meist graduelle Fortschritte weniger gut für Schlagzeilen, sagt Rosling. Er macht dafür eine eigentlich begrüßenswerte Entwicklung mitverantwortlich: Fortschritte in der Pressefreiheit lassen die Welt immer dichter zusammenrücken, erhöhen aber auch den Strom schlechter Nachrichten. Der mündet heutzutage direkt auf dem Smartphone, zur sofortigen und steten Verfügbarkeit.



Dieser nachrichtliche Overkill trifft auf Konsumenten, deren Wahrnehmung ohnehin alles andere als objektiv ist. Pinker führt mehrere kognitive Verzerrungen an, die zu unserer pessimistischen Weltsicht beitragen. So zum Beispiel die sogenannte Verfügbarkeitsheuristik, die die Psychologen Amos Tversky und Daniel Kahnemann erstmals 1973 beschrieben. Demnach hängt unsere Abschätzung der Wahrscheinlichkeit oder Häufigkeit eines Ereignisses stark davon ab, wie leicht wir ähnliche Ereignisse aus dem Gedächtnis abrufen können. Wer also ständig in der Zeitung über Verbrechen liest und genügend Beispiele im Hinterkopf gespeichert hat, neigt dazu, deren Häufigkeit zu überschätzen. Hinzu kommt der Bestätigungsfehler, der uns Informationen bevorzugen lässt, die unseren bereits gefertigten Erwartungshaltungen entsprechen. Das alles befördert den verbreiteten Pessimismus über den Zustand der Welt. Eine weitere Folge zu vieler schlechter Nachrichten ist ein Phänomen, das der amerikanische Journalist David Whitman als „Optimismus-Lücke“ bezeichnet hat: Während viele Menschen in Nordamerika und Europa ihre Nation als Ganzes den Bach heruntergehen sehen, schätzen sie ihre eigene Situation und ihre Zukunftsaussichten deutlich günstiger ein. Ob Kriminalität, Drogen oder Umweltprobleme: in Umfragen halten auffällig viele der darin Befragten ihren eigenen Wohnort für eine kleine Insel der Seligen inmitten eines Landes des Niedergangs.



Solche psychologischen, aber auch kulturell und politisch bedingten Befangenheiten gilt es nach Pinker und Rosling zu überwinden. Aber sind Menschen nicht von Natur aus komplexe und höchst subjektive Wesen? Dass Geld allein nicht glücklich macht und ebenso wenig eine hohe Lebenserwartung oder eine gute Schulbildung, zeigt sich schon in der erstaunlich großen Diskrepanz zwischen dem, was Glücksforscher als objektive Lebensqualität und subjektives Wohlbefinden bezeichnen. Sie nennen dieses Phänomen auch die „hedonistische Tretmühle“. Ein neues Haus oder Auto, eine Beförderung im Job machen uns zwar kurzfristig zufriedener. Doch bald nehmen wir diesen Zustand als gegeben und sind ebenso unzufrieden wie zuvor. Diese Unzufriedenheit im Privaten erschwert es weiter, positiven Wandel in der Gesellschaft zu würdigen. Erschwerend kommt die soziale Ungleichheit hinzu, die in so vielen Ländern der Welt stark zunimmt: Wer in Beverly Hills keinen Porsche fährt, zählt sich bereits zu den Unterprivilegierten.

Das sieht auch Pinker so. Aber er lässt es als Luxusproblem reicher Länder nur bedingt gelten. Ungleichheit, so Pinker, sei keine „fundamentale Komponente menschlichen Wohlergehens“, anders als Gesundheit, Wohlstand, Bildung oder Sicherheit. „Stellen Sie sich Seema vor: eine des Lesens und Schreibens unkundige Frau in einem armen Land, die nicht aus ihrem Dorf herauskommt, die die Hälfte ihrer Kinder wegen Krankheiten verloren hat. Wie die meisten Menschen, die sie kennt, wird sie mit fünfzig sterben. Nun stellen Sie sich auf der anderen Seite Sally vor: eine gebildete Person in einem reichen Land, die herumgekommen ist, ihre Kinder gesund aufwachsen sah und achtzig werden wird, aber sozial und ökonomisch in der unteren Mittelklasse feststeckt. Es ist vorstellbar, dass Sally von dem Reichtum um sie herum, den sie nie erlangen wird, demoralisiert ist. Sie mag sogar unglücklicher sein als Seema, die schon für kleine Dinge dankbar ist. Aber es wäre verrückt, zu behaupten, dass es Sally nicht bessergeht. Und völlig verwerflich wäre der Schluss, dass man gar nicht erst versuchen sollte, Seemas Leben zu verbessern, weil man dadurch eventuell das Leben ihrer Nachbarn noch stärker verbessern würde und sie dadurch wieder unglücklicher wäre.“



Geld hilft manchmal doch zum Glück. Vor allem dann, wenn es den Aufstieg aus extremer Armut zu einem Leben bedeutet, in dem zumindest die grundlegendsten Bedürfnisse erfüllt sind (das jeweils aktuellste iPhone gehört nicht dazu). Diesen Aufstieg haben in den vergangenen Jahrzehnten tatsächlich Hunderte von Millionen Menschen vollbracht, vor allem in China und Indien. Im Vergleich dazu hält Pinker die sich in vielen wohlhabenden Ländern immer weiter öffnende Schere zwischen Arm und Reich für ein zweitrangiges Problem. Denn global gesehen, würden nicht nur die Reichen reicher, sondern auch die Armen reicher, und das sogar besonders schnell. Das sei aus seiner Sicht das Entscheidende.

Mit dieser Sichtweise kommt Pinker nicht überall gut an. „Die zunehmende Ungleichheit innerhalb von Ländern unterminiert den sozialen Zusammenhalt und befördert politischen Extremismus“, schreibt etwa der Oxford-Ökonom Ian Goldin in einer Kritik von Pinkers Buch in Nature. Hinzu kommt, dass Pinker nicht nur an Fortschritt, sondern auch an Wachstum als dessen Motor und damit felsenfest an zwei Begriffe glaubt, die für viele seiner Kollegen ausgesprochene Reizworte sind. Können wir uns wirklich zum bisher Erreichten beglückwünschen und einfach so weitermachen? Oder stehen wir kurz vor dem Wendepunkt, an dem die Ressourcen ausgehen und uns die Rechnung für ein nicht nachhaltiges Wirtschaften präsentiert wird, etwa in Form einer drohenden Klimakatastrophe?


„Die zunehmende Ungleichheit innerhalb von Ländern unterminiert den sozialen Zusammenhalt und befördert politischen Extremismus“
IAN GOLDIN, OXFORD-ÖKONOM

In seinem Kapitel über die Umwelt streitet Pinker die Probleme, allen voran den Klimawandel, keineswegs ab. Doch auch sie seien lösbar, und zwar wiederum mit Hilfe von wissenschaftlichem und technologischem Fortschritt. Wie diese Lösungen genau aussehen sollen, kann Pinker nicht sagen. Er bricht aber eine Lanze für Geoengineering und Atomenergie aus einer neuen und, wie er hofft, weitgehend sicheren Generation von Reaktoren, um dem anthropogenen Klimawandel zu begegnen.

Ist Pinkers Zuversicht berechtigt? Lässt sich aus den positiven Entwicklungen vergangener Jahrzehnte ableiten, dass es der Welt in fünfzig Jahren abermals bessergehen wird? Pinker führt an, dass es unwahrscheinlich sei, dass Entwicklungsländer ihre Schulen und Hospitäler wieder schließen, wenn die Segnungen von Bildung und Medizin erst einmal bei den Menschen angekommen sind. Manche Errungenschaften dürften kaum umkehrbar sein. Kritiker wie der amerikanische Risikoforscher Nassim Taleb werfen Pinker allerdings statistische Naivität vor, wenn er den günstigen Verlauf mancher Kurven einfach in die Zukunft fortschreibt. Das funktioniere vielleicht mit Risiken, die stetig und gut kalkulierbar seien, etwa dem von Pinker angeführten Rückgang von Toten durch Arbeitsunfälle oder Feuer. Doch Unwägbarkeiten wie Seuchen, Terrorismus oder Klimawandel würden anderen Gesetzmäßigkeiten unterliegen: Sie mögen extrem selten sein, dafür in ihren potentiellen Auswirkungen umso katastrophaler.

Steven Pinker fechten solche Einwände wenig an. Was die Zukunft auch immer an Herausforderungen bringe – die besten Aussichten, ihnen erfolgreich zu begegnen, seien nach wie vor die Tugenden der Aufklärung: Vernunft, Wissenschaft, Humanismus. Doch diese Tugenden seien heute bedroht von Populismus und Skepsis gegenüber Expertenwissen, von religiösem Fundamentalismus und von Radikalismus von rechts wie links. Die großen Erfolge der zurückliegenden Dekaden und Jahrhunderte würden heute zwar für selbstverständlich gehalten, doch viel zu wenige seien noch bereit, die dahintersteckenden Ideen zu verteidigen. Steven Pinker und Hans Rosling versuchen eben dies, indem sie dem Leser die rosarote Brille auf die glorifizierte Vergangenheit abnehmen und ihm vor Augen führen: Früher war nicht alles besser.

Quelle: F.A.S.

Veröffentlicht: 26.09.2018 15:32 Uhr