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Glosse zu Schwarmproblemen : Kein Entkommen aus der digitalen Überwachung

Wie gelangen Fische in abgelegene Gewässer? Bild: dpa

Selbst wenn wir uns aus den sozialen Medien abmelden, bleiben wir als „Schattenprofil“ vorhersagbar – das zeigt eine aktuelle Studie. Und auch für Zebrafische ist Schluss mit der Anonymität im Schwarm.

          Mit der Privatsphäre ist das heute bekanntlich so eine Sache. Einigen ist sie wichtig, viele andere sind gerne bereit, sie für Likes und Herzchen zumindest teilweise aufzugeben. Sich dem Sog der sozialen Medien zu widersetzen, ist heute kein einfaches Unterfangen. Aussteiger klagen in der Anfangsphase nicht selten über starke Entzugssymptome, die aber freilich nicht zu vermeiden sind, wenn man seinen digitalen Fußabdruck klein halten will.

          Dass aber selbst solche Entsagung wenig bringt, haben nun amerikanische Wissenschaftler von der Universität Vermont in „Nature Human Behaviour“ gezeigt. Sie untersuchten, zu welchem Grad die Aktivitäten und Interessen einzelner Individuen allein auf der Grundlage ihrer Interaktionen mit anderen in den sozialen Medien vorausgesagt werden könne – also auf der Grundlage derjenigen Daten, die selbst dann nicht verschwinden, wenn man sein eigenes Profil mit allen dort gespeicherten Informationen löscht.

          Ihr Ergebnis: Die Vorhersage funktioniert ebenso zuverlässig, wie auf der Grundlage des vollen Nutzerprofils. Das bedeutet: Jeder Mensch, selbst der digital inaktive, besitzt ein digitales „Schattenprofil“, das aus den Daten seiner Freunde abgeleitet werden kann. Mark Zuckerberg hat die Existenz solcher Profile von Nichtmitgliedern in seiner Senatsanhörung bereits zugegeben. „Das Teilen von Informationen mit einer Online-Plattform ist eine kollektive Entscheidung, die eher gesellschaftlich als individuell zu treffen ist“, fasst der Informatiker David Garcia in einem Kommentar die Konsequenzen dieser Erkenntnis zusammen.

          Schlechte Aussichten also für alle, die in der Masse ihrer Mitbürger anonym zu bleiben gedenken. Vielleicht tröstlich: Anderen Lebewesen geht es auch nicht besser. Die Illusion von Schwarmanonymität haben Wissenschaftler einer Gruppe von 100 Zebrafischen im Champalimaud Center for the Unknown in Lissabon genommen. In „Nature Methods“ beschreiben sie eine mit Künstlicher Intelligenz arbeitende Software, die in der Lage ist, alle Mitglieder des Schwarms zu jedem Zeitpunkt eindeutig zu identifizieren.

          Zum Einsatz kamen dabei zwei tiefe künstliche neuronale Netze: Das erste lernte zu unterscheiden, ob auf einem Bild jeweils einzelne oder mehrere Tiere zu sehen waren. Das zweite wurde darauf abgerichtet, individuelle Fische auf ihren Bahnen zu identifizieren, auch wenn sie sich zwischendurch gegenseitig verdeckten. Damit gelang die vollständige Überwachung des Schwarms. Auch mit Fruchtfliegen, Ameisen und Mäusen funktionierte das. Es dürfte niemanden wundern, wenn das alles eigentlich ein alter Hut ist und die Tierchen schon lange Schattenprofile auf Facebook besitzen, sofern sie nur einmal Kontakt mit Menschen hatten.

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