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Wimmelbilder der Steinzeit

Von SONJA KASTILAN
Bild: Parque Arqueológico do Vale do Côa

27.08.2018 · Im Nordosten von Portugal liegt das Côa-Tal, das bereits seit zwanzig Jahren zum Unesco-Weltkulturerbe zählt. Tausende Felszeichnungen überdauerten hier – in Stein gemeißelt, geritzt oder auch gemalt. Und es werden immer mehr entdeckt.

Innerhalb von Sekunden haben sich die ersten Schweißperlen gebildet. Mit jedem Schritt werden es mehr. Bald sind Rinnsale auf der Haut zu spüren, während uns ein schmaler Pfad durch Kraut und Gestrüpp führt, bevor es abseits von Mandel- und Olivenhainen ins karge Felsterrain geht. Besonders ausgedehnt oder steil wird unsere Route zwar nicht. Außerdem ist es noch früh am Morgen, nachmittags soll es über 40 Grad heiß werden. Aber Schatten ist rar, die Temperaturen wirken bereits lähmend, und per SMS wurden alle vor der akuten Brandgefahr gewarnt. Mit Hut, Sonnencreme, Wanderschuhen und reichlich Trinkwasser im Rucksack pilgern wir trotzdem zum Ufer des Côa. Nicht, um einen neuen Jakobsweg im Nordosten Portugals zu finden, auch nicht, um Adler, Geier, Wiedehopf oder anderes Getier zu beobachten, sondern auf der Suche nach außergewöhnlichen Kunstwerken. „Alles in Ordnung?“, fragt Archäologe Thierry Aubry, neben einer gravierten und bemalten Felswand stehend. Nach einem langen Blick auf verblichenes Rot und einem Schluck Wasser ziehen wir weiter.

Archäologe Thierry Aubry vor einem der vergleichsweise leicht zu deutenden Felsbilder aus der frühen Phase am Ribeira de Piscos. Foto: Sonja Kastilan

Hier, wo der Bachlauf des Ribeira de Piscos in den Côa mündet, haben Aubry und seine Kollegen auf Steintafeln bildgewaltige Zeugnisse der frühen Menschheitsgeschichte entdeckt. Nicht in Höhlen, sondern im Freien. Auf zumeist vertikalen Platten aus Schiefer oder Grauwacke, Wind und Wetter ausgesetzt, teils von Moosen und Flechten überwuchert, teils im Sediment versunken. Die ältesten werden der Steinzeitkultur des Gravettien zugesprochen, die jüngsten stammen aus dem 20. Jahrhundert.

Dass keine weiteren Ritzzeichnungen mehr hinzukommen oder womöglich alte zerstört werden, darauf achten Wachposten. Tag und Nacht, denn wir sind im „Parque Arqueológico do Vale do Côa“ unterwegs. Besucher erhalten nur im Rahmen von geführten Touren Zugang, um die paläolithischen Wimmelbilder zu bestaunen - oder wie jetzt in Begleitung des verantwortlichen Archäologen. Aubry kann an den einzelnen Felszeichnungen nicht nur Stilrichtung und Herstellungsweise erklären, sondern weiß auch einiges über die geologischen Besonderheiten und ihre abenteuerliche Rettungsgeschichte zu berichten. Die am Ribeiro de Piscos und an Dutzenden weiteren, nahegelegenen Fundstätten entdeckten prähistorischen Kunstschätze zählen seit 1998 zum Weltkulturerbe der Unesco und stehen unter besonderem Schutz, nachdem sie beinahe einem Staudamm zum Opfer gefallen wären.

Felszeichnungen im Côa Tal

Das Tal des Flusses Côa in Portugal birgt Kunstwerke aus der Jungstein-, Bronze- und Eisenzeit sowie aus späteren Epochen, besonders beeindruckend sind aber jene aus der Altsteinzeit, angefangen bei der Kultur des Gravettien (bis zu 33.000 Jahre alt) bis hin zum Azilien (vor rund 12.000 Jahren): mehr als 1200 Motive aus verschiedenen Phasen des Paläolithikums, die sich stilistisch unterscheiden lassen. Die Karte zeigt eine grobe Übersicht mit den wichtigsten Fundstätten. Quelle und Kartendatei (große Karte): Luís Luís, Thierry Aubry, André Tomás Santos, Directing the Eye. The Côa Valley Pleistocene Rock Art In Its Social Context (extended abstract), Arkeos 37/XIX International Rock Art Conference – IFRAO 2015, Abb. 1 Bearbeitung: F.A.Z.-Grafik heu./F.A.Z.-Repro

Niemand ahnte etwas von der Existenz dieser ungeheuren und zugleich unscheinbaren Kunstsammlung im Côa-Tal. Bis der im Auftrag der staatlichen Elektrizitätsgesellschaft „Energias de Portugal“ arbeitende Archäologe Nelson Rebanda im November 1991 auf Felsbilder stieß, von denen die Öffentlichkeit aber erst drei Jahre später erfahren sollte.

Nicht weit von der Stelle entfernt, an welcher der Damm geplant war, sah Rebanda sich überlagernde Tierskizzen auf einem Felsen, der heute als „Rocha 1, Canada do Inferno“ gelistet wird. Die direkte Datierung solcher Gravuren ist heikel, Experten kamen anhand von Proben zu widersprüchlichen Ergebnissen, hielten sie gar für enttäuschend jung, die internationale Fachgemeinde interpretierte den Stil jedoch als paläolithisch. Aber das Staudammprojekt wurde trotz Protesten vorangetrieben, die Politik zeigte wenig Interesse am Erhalt von vermeintlichen Kinderkritzeleien, und der Slogan „As gravuras não sabem nadar“ verhallte zunächst wirkungslos - die Bilder können nicht schwimmen, sie drohten also unterzugehen. Erst nach den Parlamentswahlen im Herbst 1995 nahm sich die neue portugiesische Regierung des kulturellen Erbes ernsthaft an, stoppte den Bau und schickte Archäologen in das schwer zugängliche Gelände. Das hieß, sie mussten unter enormem Zeitdruck sondieren und graben. „Im entscheidenden Jahr habe ich bestimmt sieben Monate mit Ausgrabungen zugebracht, wir versuchten so viele Belege wie möglich für die besondere Bedeutung zu sammeln, um den Staudamm zu verhindern“, erinnert sich Aubry auf unserem Weg zu einer Felswand, auf der zwei ineinander verschlungene Pferde prangen. „Sehen Sie den eleganten Schwung, die ausgewogene Anordnung? Wer diese beiden Köpfe und Rücken in den Stein schlug, wusste genau, was er tat - und warum", erklärt Aubry. „Manchmal sind auf den Felsen feine Hilfslinien einer Skizze zu erkennen, der man beim späteren Meißeln nicht immer folgte.“ Je nachdem welche Werkzeuge oder Techniken verwendet wurden, das zeigten Experimente, hatten manche Bilder fast Signalwirkung und waren noch aus gut 150 Meter Entfernung zu erkennen. Vermutlich auch das Pferdedoppel, denn frisch ins Gestein gehauen, bildete die Silhouette einen hellen Kontrast zum dunklem Grau der Fläche.

Am Hügel Penascosa wurden 36 Felsen mit Gravuren entdeckt. Nummer 8 ist zerbrochen, aber die Umrisse werden teils einem Pferd und einem Auerochsen der frühen grafischen Phase zugeordnet. Und über abstrakten Linien prangt wohl ein Steinbock (rot), der seinen Kopf frontal nach vorne richtet.

Imposante Tiergestalten machten Fundstätten wie Ribeira de Piscos und Penascosa bekannt, sie ergänzten 1996 die Côa-Galerie und lieferten die nötigen Argumente für einen umfassenden Schutz. „Auf Fariseu, das ist von hier aus sogar zu sehen, stießen wir ja erst 1999“, sagt Aubry. Dort ragte eine Felstafel aus dem Sediment, über und über mit Gravuren versehen, wie sich bald zeigte. Das Alter ließ sich anhand der Siedlungsreste in den abgelagerten Schichten auf bis zu 18.400 Jahre schätzen, später gefundene Holzkohle wies noch weiter zurück, und Steinwerkzeuge deuten auf die Kultur des Gravettien hin. Während die Künstler dieser früheren Jäger-und-Sammler-Kultur offenbar die Nähe zum Wasser schätzten, wählten ihre Nachfolger des Magdalénien und des Azilien höher gelegene Plätze. Und deshalb kämpfen wir uns nun durch Brennnesseln und schlüpfen unter Zweigen hindurch, um den fast ausgetrockneten Bach zu durchqueren. Auf der anderen Seite erwartet uns „Rocha 24“ am Hang, mit kaum erkennbaren Gravuren, in denen sich nicht nur Vierbeiner verbergen.

Das Tal beherbergt keine farbenprächtigen Gemälde wie die Höhlen von Lascaux, Altamira oder die Grotte Chauvet, nur an wenigen wettergeschützten Stellen hielten sich rote Pigmente. Auch Schnitzereien wie in den noch viel früher genutzten Höhlen der Schwäbischen Alb fanden sich bisher keine, stattdessen überdauerten hier Petroglyphen verschiedener Epochen in weltweit einzigartiger Dichte: Tausende Felsbilder wurden entlang der letzten 17 Kilometer des Côa, im Mündungsgebiet des Douro und an nahen Nebenflüssen gefunden. Mit jeder Grabung werden es mehr, denn das war Aubry und seinen Kollegen wichtig: Sie wollten die Steinzeit-Galerie nicht nur bewahren, sondern weiter erforschen. Nun kann sich die Fachwelt den Kopf zerbrechen über die Designs aus dem Gravettien, Magdalénien oder Azilien.

Fragt man etwa Nicholas Conard von der Universität Tübingen, der als Archäologe die Eiszeitkunst der Schwäbischen Alb betreut, besteht jedenfalls kein Zweifel an einem paläolithischen Alter: „Ich halte es für sehr überzeugend." Er habe die portugiesischen Felsbilder zwar noch nicht selbst gesehen, kenne sie nur aus Vorträgen und Fachpublikationen, aber die Arbeit der Kollegen sei überzeugend. „Verwitterung und Patina können als Anhaltspunkte dienen, damit sind die Gravuren noch nicht datiert, doch stilistische Merkmale geben zusätzliche Hinweise: wie Bauch und Beine dargestellt werden, die Kopfhaltung“, erklärt Conard. Es gebe genügend Fundplätze für einen Vergleich, und die Menschen der Steinzeit seien keineswegs primitiv oder weniger begabt gewesen als heutige Künstler. Und handwerkliche Fähigkeiten beherrschten sie wahrscheinlich besser als die Büromenschen von heute.

Ein gravierter Hirsch dominiert diesen Teil des „Felsens 10“ am Fundort Penascosa. Was sonst noch darauf zu finden ist, lässt sich am besten erkennen, wenn Gemsen, Pferd, Bock und Fische bunt und einzeln zu sehen sind (rechts). Sie sind wohl im Magdalénien und im folgenden Azilien entstanden.

Fernando Barbosa hat nachts bei Kunstlicht kopiert, was auf den Felsen zu erkennen ist. Foto: Sonja Kastilan

„Die Winkel sind wichtig, um die Darstellungen zu interpretieren und stilistisch einzuordnen. Ein Pferd lässt sich auch schnell an seiner Mähne erkennen“, so erklärte es uns Fernando Barbosa im Archiv des archäologischen Museums von Vila Nova de Foz Côa. Das moderne, 2010 eröffnete Gebäude thront auf einer Klippe hoch über dem Douro, mit Blick auf die Mündung des Côa. Die Aussicht vom Dach auf die Flusslandschaft ist umwerfend, und die Einheimischen schätzen das Restaurant. Wir jedoch wandern zur Einstimmung durch das Labyrinth dieser Betonburg. Jeder hatte davon abgeraten, in der größten Hitzewelle zu einem der Fundorte aufzubrechen, sich überhaupt ins Freie zu wagen. „Gehen Sie nicht, erst morgen früh", bekräftigt Barbosa und rollt vorsichtig „Rocha 24“ auf dem Tisch aus. Meter für Meter präsentiert er die mit Papier geschützte Kopie einer Felstafel, die wir noch im Original betrachten wollen. Die transparenten Folien sind mit unzähligen Strichen übersät: rote Farbe für die natürlichen Strukturen des Felsens, Schwarz für alles andere, was auf der Oberfläche zu sehen ist. Ob geritzt, geschabt, gemeißelt oder mit einem Pickel eingehauen, alles zusammen ergibt ein phänomenales Gewusel.

Dass mehrere Steinzeitbilder sich überlagern, weil immer wieder geritzt wurde, sei keine Seltenheit. „Das sehen wir auch auf Schieferplatten der deutschen Fundstelle in Gönnersdorf“, sagt Nicholas Conard. Eine allgemeingültige Erklärung für die Bedeutung paläolithischer Kunstwerke zu finden, hält er für schwierig. „Wahrscheinlich ist auch die Aktion an sich wichtig, das Gravieren oder Malen wird zum Ereignis.“

Ob nun Performance oder Ritual: Die Künstler im Côa-Tal haben die Beschaffenheit des Gesteins berücksichtigt, Farbe und Form lassen manche Felsbilder fast plastisch erscheinen. Und so entstanden vielleicht territoriale Symbole, Inventare, Wegweiser, Gedächtnisstützen, Beschwörungsformeln oder eben Kunst. Manche Felstafeln könnten als eine Art schwarzes Brett gedient haben, lesbar für alle, die den jeweiligen Code kannten. Dass der sich im Lauf der Zeit veränderte, ist mehr als wahrscheinlich, jedenfalls wandelte sich die Bedeutung bestimmter Spezies, wenn Hirsche etwa häufiger auftauchen. Die Archäologen fanden außerdem etliche Beispiele von „portable art“, Kleinkunst, für die man sich offenbar besonders im Azilien vor rund 12.000 Jahren begeisterte. Oder eben auch nicht, denn manche Ritzbilder wurden bewusst zerstört. Andere entstanden wiederum erst nach einem Brand.

Um keine Linie auf dem Gestein zu übersehen, muss Fernando Barbosa eine Felswand mit künstlichem Licht ausleuchten, also arbeitet er nachts im Feld. Über Wochen und Monate, immer wieder, bis er einen solchen archäologischen Fund dokumentiert hat. Er zeichne erst, ohne sich darauf konzentrieren, ob irgendwelche Figuren zu erkennen sind, beschreibt Barbosa sein Vorgehen. Sonst lege man sich zu früh fest und konstruiere etwas, das womöglich gar nicht existiert. Auf den Folien sind im Wirrwarr der Linien einige Tiere zu sehen, irgendwann zeigt Barbosa auf eine menschliche Gestalt. Zweifellos ein Gesicht, sogar einzelne Finger sind vorhanden, während eine andere Figur an ein Fabelwesen erinnert. „Aus dem späten Paläolithikum sind uns anthropomorphe Darstellungen bekannt, es handelt sich dabei eher um Karikaturen als um naturgetreue Abbilder“, erklärt Thierry Aubry. Dagegen fehlen Venusfiguren oder weibliche Symbole, wie man sie von Fundstellen in Frankreich oder Deutschland kennt, eine Szene ließe sich jedoch als tanzendes Paar deuten.

Dieses komplexe Bild versammelt ein Pferd, Steinböcke der Gattung Capra - frontal und im Profil - sowie Auerochsen, deren Hörner mehrere Stile widerspiegeln. Die ältesten Darstellungen stammen aus dem Gravettien.

In Portugal hinterließen die Steinzeitkünstler vor allem Tierzeichnungen. Man sieht sie im Profil, teils verzehrt, und Bewegungen sind wie im Trickfilm animiert. So ist ein ganzes Bestiarium überliefert: Auerochsen, Hirsche, Pferde, Gemsen, Steinböcke. Selten sind Fische zu sehen, obwohl sie oft auf dem Speiseplan standen, ebenso Kaninchen, die nirgends verewigt wurden. Aus der Eisenzeit hingegen sind mythologische Szenen, Jagd- und Kriegsmotive überliefert, hier dominiert der Mensch das Geschehen. „Anfangs glaubte man, solche Felsbilder würden sich überall in der Douro-Region finden lassen“, sagt Thierry Aubry. Aber nein, die Galerie im Côa-Tal blieb einzigartig. Aubry führt das unter anderem auf die besondere geographische Lage zurück, bedingt durch Geologie und Tektonik. Brüche und Verwerfungen ließen hier senkrechte Gesteinsplatten entstehen, die sich als Tafeln eignen. Das Tal liegt außerdem am Rande der Iberischen Meseta, einer Hochebene, die ein gutes Jagdgebiet gewesen sein dürfte. Quarz und Quarzit sind vorhanden, und aus diesen Materialien ließen sich brauchbare Steinwerkzeuge fertigen, sogar Klingen aus klarem Kristall fanden sich. An Feuerstein mangelte es allerdings: Der begehrte Werkstoff musste aus der Ferne herangeschleppt werden. „Bis zu 150 und 220 Kilometer weit", sagt Aubry. „Wir konnten anhand der verschiedenen Fundstücke und Herkunftsorte ein soziales Netzwerk rekonstruieren. Das Côa-Tal liegt im Zentrum und verbindet entfernte Gebiete im Westen, Osten oder Süden. Wer zum Atlantik wollte, musste damals hier durch.“ Für die iberischen Steinzeitkulturen war es demnach eine wichtige Region. Insbesondere in der frühen Phase, in der auch die Kunstwerke plakativer wirken, größer und wie öffentlich zur Schau gestellt. Tauschhandel war wohl üblich, dementsprechend wurden vermutlich auch Ehen zwischen den noch nomadisch lebenden Gruppen arrangiert.

Fels 3, so wird die Stelle am Ribeira de Piscos bezeichnet, an der diese beiden Pferde - mit zwei weiteren - zu sehen sind. Ihre Körper wurden im späten Magdalénien in den Stein geritzt beziehungsweise geschnitten, während in nächster Nähe ein Pferdepaar (siehe unten) schon einige Jahrtausende länger auf einer Wand prangt.

Die Fundstätte Ribeira de Piscos hält zahlreiche Tierbilder bereit, sogar menschliche Figuren sind auf den Felsen zu finden. An den hier gezeigten Pferden lässt sich nachvollziehen, wie sich sowohl Techniken als auch Stilrichtungen gewandelt haben. Das Pferdedoppel links ist in einer frühen, dem Gravettien zugeordneten Phase entstanden. Die Umrisse wurden wie mit Hammer und Meißel mit speziellen Steinwerkzeugen in die Felsoberfläche graviert.

Aus einem Museumsschrank holt Aubry eines der frühen Steinwerkzeuge hervor, zwischen 28.000 und 31.000 Jahre alt. Es wurde ähnlich einem Meißel eingesetzt und liegt überraschend gut in der Hand. „Die Spitze ist dreikantig, symmetrisch, das ganze Stück ist perfekt geformt, um etwa in eine Schieferwand zu meißeln“, erklärt er das archaische Zeicheninstrument, das an einem Jagdplatz gefunden wurde. Schließlich holt der Archäologe gewölbte Platten hervor, die von einer erst kürzlich entdeckten Feuerstelle stammen. Pfannen oder Teller? Vielleicht, Thierry Aubry lacht. Aber dann aßen schon Neandertaler daraus, denn diese Platten lagen in sehr alten Sedimentschichten. Und falls es unter ihnen schon Steinmetze gegeben haben sollte, hofft Aubry, ihre Werke im Côa-Tal zu finden. „Wenn, dann hier.“ Bisher fehlen allerdings Belege für eine solche Kunstfertigkeit der Neandertaler. Mehr Skelettfunde würde sich Aubry ebenfalls wünschen, doch in dem sauren Boden erhalten sich Knochen schlecht.

Durch eine Tür gelangen wir in die öffentlichen Museumshallen. Es herrscht angenehme Kühle und Dunkelheit. An den Wänden leuchten Fotos, Karten und Grafiken, markante Figuren aus den Wimmelbildern tanzen über die Flure. Vitrinen stellen jede Menge Schaber, Klingen und andere Werkzeuge aus. Auch Kiesel und Schiefertäfelchen liegen in einem Raum bereit, allesamt Kunstobjekte, wie sich unter der Lupe zeigt. Nur wenige Besucher haben sich heute hierher verirrt. Obwohl Vila Nova de Foz Côa zum „Alto Douro“ gehört, der berühmten Weinbauregion mit Unesco-Siegel, und vom Tourismusboom im Land profitieren könnte, ist es ruhig im Städtchen, das seine Straßen stolz mit der Steinzeitkunst schmückt. Die Massen kommen meist nur bis Peso da Régua oder Pinhão, um Kulturerbe in Form von Wein und Portwein zu genießen. Oder sie drängen sich in Portos historischer Altstadt, die Graffiti deshalb schon für tot erklären: „Porto. Morto.“

Auch das ist Kunst, und sie begleitet einen dreieinhalb Stunden lang, wenn man vom Côa zurück an den Atlantik reist - im bemalten Waggon, die Fenster bunt gerahmt. Keine Tierskizzen oder Figuren wie auf „Rocha 24“, nur ein Schriftbild, und durch den vollbesetzten Zug tanzen junge Männer.

Bilder: Parque Arqueológico do Vale do Côa, Sonja Kastilian

Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 27.08.2018 14:49 Uhr