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Polarforschung : Was schrecken uns Eis und Finsternis?

  • -Aktualisiert am

Für den Kaiser in die Kälte: Die Anfänge der deutschen und österreichischen Polarforschung liegen im frühen 19. Jahrhundert.

          2 Min.

          Natürlich gab es Vorläufer: So unternahm Barto von Löwenigh aus Burtscheid bei Aachen 1825 eine Reise nach Spitzbergen und der Bäreninsel und hinterließ umfangreiche geographisch-physikalische Aufzeichnungen. Auch der Gutsbesitzer Georg Berna aus Büdesheim bei Frankfurt sei nicht vergessen, finanzierte er doch 1861 eine Frankfurt-Schweizerische Expedition, auf der die Insel Jan Mayen erstmals wissenschaftlich erforscht wurde. Doch die eigentliche Geburtsstunde der deutschen Polarforschung schlug erst mit der „Ersten Versammlung Deutscher Meister und Freunde der Erdkunde“ am 23. und 24. Juli 1865 in Frankfurt am Main, zu der 72 Geographen aus den deutschsprachigen Ländern Mitteleuropas erschienen waren. Der Geograph und Kartograph August Petermann (1822-1878) gab mit seinem Vortrag das Tagungsthema vor: „Die Erforschung der arktischen Central-Region durch eine deutsche Nordfahrt“. Er glaubte an ein - dank dem Golfstrom - frei schiffbares Meer bis zum Nordpol. Seine Pläne zu dessen Erforschung wurden in Deutschland und Österreich mit großer Aufmerksamkeit registriert.

          Der Hessische Schiffsfähnrich in österreichischen Diensten, Karl Weyprecht (1838-1881) schlug Petermann 1866 vor, selbst eine fünfmonatige Vorexpedition zu unternehmen - der Krieg von 1866 ließ diesen Plan vorerst scheitern. Die erste Deutsche Nordpol-Expedition wurde dagegen zwei Jahre später unter Leitung von Karl Koldeway unternommen. Seine Segeljacht blieb vor der Eisbarriere an der Ostküste Grönlands hängen, und er versuchte dann, im Norden von Spitzbergen zum Pol vorzudringen. Die Expedition kam bis ans Packeis am 81. Breitengrad, die „zweite Deutsche Nordpolar-Fahrt“ entdeckte dann im Juni 1869 bislang unbekannte Bereiche der Ostküste Grönlands, darunter den Franz-Joseph-Fjord.

          Große Expedition 1872/1874

          Einer der Mitreisenden, der Topograph Julius Payer, unternahm 1871 mit Weyprecht eine folgenreiche Vorexpedition ins Gebiet zwischen Nowaja Semlja und Spitzbergen. Sie erreichten 78 Grad 50 Minuten, und Weyprecht stellte fest, daß der warme Golfstrom noch bis hierher seine Auswirkungen hatte. Ein guter Dampfer könne an dieser Stelle weit höhere Breiten erreichen als anderswo. Dieses Ergebnis führte zur großen Expedition der Jahre 1872/1874. Die legendäre Österreich-Ungarische Nordpolarexpedition stand unter Leitung von Karl Weyprecht (Kommandant zu See) und Julius Payer (Kommandant zu Lande). Die „Admiral Tegetthoff“ verließ am 14. Juli 1872 Tromsö. Ende August fror das Schiff nördlich von Nowaja Semlja im Eis ein. Zwei Winter und einen Sommer verbrachten die Polarforscher im Packeis. Auf dieser Drift entdeckte die Expedition am 30. August 1873 ein neues Gebiet, das sie brav „Kaiser Franz-Joseph-Land“ nannte - die erste große Landentdeckung im europäischen Sektor der Arktis seit 277 Jahren. Im Mai 1874 verließen die Männer mit Proviant für drei Monate das Schiff im Packeis und wurden am 24. August von russischen Walfängern gerettet.

          Es war dann auch Karl Weyprecht, der den endgültigen Wandel der Polarforschung vom Abenteuer zur Wissenschaft bewirkte. Auf der Versammlung Deutscher Naturforscher 1875 in Graz propagierte er einen Ring von Forschungsstationen um die Arktis. Elf Nationen errichteten 14 Stationen, beispielsweise Österreich-Ungarn auf Jan Mayen und das Deutsche Reich unter anderem in der Royal Bay auf Südgeorgien. Denn die deutsche Polarforschung wandte sich vornehmlich der Antarktis zu. Eduard Dallmann kartierte 1873/74 die Küste von Grahamland, und als 1901-1903 die „Erste Deutsche Südpolexpedition“ unter Führung des Geographen Erich Dagobert von Drygalski mit dem Forschungsschiff „Gauß“ durchgeführt wurde, taufte man das nach Passierung der Kergeulen im Februar 1902 gesichtete antarktische Gebiet „Kaiser Wilhelm II. Land“. Der Expeditionsbericht umfaßt 22 Bände.

          Weltkrieg stoppt die Forschung

          Die Zweite Deutsche Südpolexpedition mit dem Schiff „Deutschland“ führte 1911-1912 Wilhelm Filchner durch. Ziel der Expedition war die Überquerung des Kontinents. Doch das im Februar 1912 errichtete Wintercamp schwamm vollständig auf einer Scholle davon. Kurz darauf fror die „Deutschland“ ein und driftete neun Monate nach Norden davon, bis sie Ende des Jahres Südgeorgien wieder erreichte. Als wenig später der Erste Weltkrieg ausbrach, war es mit der deutschen und österreichischen Polarforschung erst einmal vorbei.

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