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Schwierige Umweltbilanz : Plastik reduzieren – Klima schützen?

  • -Aktualisiert am

Weggeworfene Plastiktüte. Bild: dpa

Nützt der Verzicht auf Plastiktüten dem Klima? Oder sind Kunststoffe bloß an der Naturverschmutzung beteiligt und helfen am Ende dem Umweltschutz? Das Streitpotential ist enorm, einfache Antworten gibt es nicht.

          4 Min.

          Eine Umfrage der internationalen Unternehmensberatung A.T. Kearney unter 1500 Deutschen ergab: Fast ein Viertel von ihnen glaubt, durch den vollständigen Verzicht auf Plastiktüten lasse sich der persönliche Kohlendioxid (CO2)-Fußabdruck maßgeblich verkleinern. Tatsächlich stelle diese Maßnahme aber nur einen bedeutungslosen Hebel des individuellen Klimaschutzes dar, so die Autoren der Untersuchung. Man reduziere damit seinen jährlichen CO2-Ausstoß um lediglich drei Kilogramm. Zum Vergleich: Ein Flug aus Deutschland auf eine Mittelmeerinsel wie Mallorca produziert pro Kopf rund 700 Kilogramm CO2.

          Man müsste also mehr als zweihundert Jahre auf Plastiktüten verzichten, um diese Menge einzusparen, rechnet der Initiator der Studie in einem Interview vor. Flugreisen sind also viel relevanter für den Klimaschutz als Kunststofftaschen. Ähnliches gilt für moderne Heiz- und Wärmedämmung: Auch damit ließe sich pro Jahr und Kopf  770 Kilogramm des Treibhausgases vermeiden, so die Berechnungen der Unternehmensberatung.

          Die Umfrage entfachte in den sozialen Medien eine Debatte. Für viele ist klar, dass man unterscheiden sollte zwischen Umwelt- und Klimaschutz. Der Verzicht auf Plastiktüten sei sinnvoll, um etwa die Naturverschmutzung einzudämmen und dadurch Ökosysteme zu schützen. Gegen die menschengemachte Erderwärmung sei er jedoch keine effiziente Maßnahme. Entsprechend den Zahlen der Untersuchung ist dieser Standpunkt richtig – auch wenn sich natürlich über das Ausmaß der Umweltverschmutzung durch deutsche Plastiktüten streiten lässt. Der überwiegende Anteil des Kunststoffschrotts in den Ozeanen stammt beispielsweise aus Flüssen in Asien, wie in „Nature Communications“ nachzulesen ist. Nichtsdestoweniger ist sich die Netzcommunity einig: Der Umwelt und den Tieren zuliebe sollte man Plastiktüten meiden – auch wenn das Klima nicht wirklich profitiert.

          Ist Plastik klimaschädlich?

          Nun stellt sich die Frage, ob Plastikverbrauch generell keinen großen Einfluss auf die menschengemachte Erderwärmung hat. In Bezug auf die Umfrage ist hier zunächst festzuhalten: Plastiktüten machen lediglich einen sehr kleinen Anteil der gesamten Kunststoffproduktion aus – deutlich unter einem Prozent. Die Initiatoren der Umfrage spezifizieren nicht, ob als Grundlage für ihre Berechnungen tatsächlich nur Plastiktüten dienten oder noch weitere Kunststoffverpackungen. Es wäre denkbar, dass etliche Teilnehmer der Umfrage die bereits vorformulierten Hebel zur persönlichen CO2-Reduktion falsch ausgelegt haben. Will heißen: „Verzicht auf Plastiktüten“ interpretierten sie als „Verzicht auf Plastik“. Dafür spricht auch folgendes Ergebnis: Wurden keine Maßnahmen vorgegeben, antworteten angeblich acht Prozent der Teilnehmer mit „Weniger Plastik benutzen“.

          Und tatsächlich klingt diese Maßnahme ziemlich plausibel, wenn man den durch Kunststoff verursachten globalen CO2-Ausstoß betrachtet: Im Jahr 2015 betrug dieser laut dem Plastikatlas der Heinrich-Böll-Stiftung rund 1,8 Milliarden Tonnen – die Beiträge aus Herstellung, Verarbeitung und Entsorgung zusammengerechnet. Insgesamt sind das etwa fünf Prozent der weltweit ausgestoßenen CO2-Gesamtmenge im selben Jahr. Experten schätzen, dass sich dieser Anteil bis ins Jahr 2050 auf bis zu 15 Prozent erhöhen könnte. Das liegt vor allem daran, dass die Herstellung der Kunststoffe sehr energieintensiv ist und die Nachfrage nach den Materialien permanent wächst. In den letzten zwanzig Jahren hat sich die Produktionsmenge verdoppelt – und alles deutet darauf hin, dass diese Entwicklung künftig so weitergeht.

          Der Großteil des produzierten Plastiks basiert auf fossilen Rohstoffen. Und natürlich entstehen bei deren Exploration, der Förderung, beim Transport und der Raffinierung von Öl, Gas und Kohle jede Menge Treibhausgase. Abhilfe kann auch die vermehrte Verwendung von Bioplastik, das aus nachwachsenden Rohstoffen wie Mais oder Zuckerrohr hergestellt wird, nicht schaffen. Das liegt daran, dass sich dadurch die Landnutzung ändern würde. Waldflächen würden vermehrt zu Ackerland umgewandelt werden. Landwirtschaftlich genutzte Felder binden aber erheblich weniger Kohlendioxid als Wälder.

          Weitere Forschung notwendig

          Daneben können sich Mikroplastikteilchen in den Ozeanen negativ auf das Klima auswirken. Denn die winzigen Partikel stören biologische Prozesse, mit deren Hilfe Plankton an der Meeresoberfläche Kohlendioxid bindet und anschließend in der Tiefsee ablagert. Fachleute sprechen von der sogenannten biologischen Kohlenstoffpumpe. Sie trägt wesentlich zur Regulation des Klimas bei, da sie die Kohlendioxidaufnahme der Ozeane aus der Atmosphäre antreibt. Wie genau Mikroplastik diesen Prozess stört, ist allerdings noch nicht ausreichend verstanden und Gegenstand der Forschung, unter anderem am Geomar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel.  

          Wissenschaftler der Universität Hawaii fanden bei Untersuchungen der Methanemission von Meerwasser eher zufällig, dass auch aus Plastik selbst Treibhausgase entweichen. Als besonders emissionsfreudig erwies sich Polyethylen. Feines Plastikpulver produziert dabei deutlich mehr Methan als größere Plastikteilchen derselben Menge. Die Forscher resümieren, dass offenbar beim Zerfall von Plastikmüll nicht unerhebliche Mengen an Treibhausgasen entstehen. Gleichwohl ist noch unklar, welchen Beitrag diese zur Erderwärmung leisten.

          Offenkundig ist aus der Zusammensetzung der Kunststoffe hingegen, dass bei der Entsorgung von Plastik große Mengen an CO2 und anderen Treibhausgasen entstehen. Der Plastikatlas nennt für die Kunststoffverbrennung eine globale Ausstoßmenge von fast 100 Millionen Tonnen jährlich. Allerdings betont das Umweltbundesamt, dass die Müllverbrennung eigentlich einen Beitrag zum Klimaschutz leistet. Es werde damit Strom produziert, woraus eine Nettoentlastung resultiere. Diese Rechnung geht allerdings nur auf, wenn man davon ausgeht, dass sich dadurch Kohle, Gas oder Erdöl als Quelle für die Verstromung ersetzen lassen. Für die Erzeugung der gleichen Strommenge würde nämlich im Schnitt fast doppelt so viel CO2 frei, würde man statt Müll fossile Energieträger verwenden.

          Dass Plastik dem Klimaschutz insgesamt sogar zuträglich sein kann, machen weitere Beispiele deutlich: Ingenieure setzen etwa häufig innovative Kunststoffe ein, um Gewicht zu reduzieren. Bei Fortbewegungsmitteln spart das Treibstoff, Windräder macht es effizienter. Das reduziert wiederum CO2 -Emissionen. Gleiches gilt auch für Kunststoffverpackungen, in denen Lebensmittel länger haltbar bleiben, was Energie einspart.

          Gleichwohl bestehen sowohl für die Industrie als auch für Privatpersonen gewiss zahlreiche Möglichkeiten und Anreize (Ressourcenschonung, Umweltverschmutzung), den Kunststoffverbrauch einzuschränken. Mehr als ein Drittel der global produzierten Kunststoffe werden als Verpackungen eingesetzt. Auf die Plastiktüte zu verzichten, sollte daher nur der Anfang sein. Und ob das nun dem Klima oder eher den Ökosystemen nutzt, ist letztlich völlig egal. Beide hängen ohnehin maßgeblich voneinander ab.

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