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Zeitungsarchive : Alles ist relativ, selbst der Walzer

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Diesen Mann werden sie vermutlich kennen. Vor hundert Jahren stand ihm der Starruhm freilich noch bevor Bild: AP

1919 begann Albert Einsteins Aufstieg zum internationalen Star - und ein Gegner der Relativitätstheorie begann damit, die Belege dieses Ruhms zu sammeln. Seine Sammlung von Zeitungsartikeln ist eine Fundgrube für die Wissenschaftsgeschichte.

          Nach der Beobachtung der Lichtablenkung am Sonnenrand bei der Sonnenfinsternis im Jahr 1919 galt die allgemeine Relativitätstheorie als bestätigt und Einstein wurde von der Presse als „eine neue Größe der Weltgeschichte“ auf die Titelseiten gehoben. In den Jahren nach 1919 erschienen Tausende von Zeitungsartikeln, die sich mit der Person Einstein und seiner Theorie befassten.

          Säuberlich in Mappen geklebt und thematisch geordnet, wurde die Presseberichterstattung von Einsteins Zeitgenossen, dem Experimentalphysiker Ernst Gehrcke (1878–1960), dokumentiert. In seinem Nachlass befindet sich die wohl größte Sammlung von Zeitungsartikeln über Albert Einstein und die Relativitätstheorie. Die dichte, tagesaktuelle Berichterstattung fasziniert: Der bekennende Demokrat, Internationalist und Jude Einstein im Kreuzfeuer reaktionärer Kritik? Die Relativitätstheorie diskutiert in ihrer Bedeutung für die Weltanschauung? Leserbriefe, die debattieren, ob der leere Raum physikalische Eigenschaften haben kann? Aber auch leichtere Kost findet sich: Wie tanzt man Walzer nach den Gesetzen der Relativitätstheorie? Und was hält Einstein eigentlich von den amerikanischen Frauen? Die Antworten darauf sind in der Tagespresse der 1920er Jahre nachzulesen.

          Ein Gegner sammelt Belege

          Doch warum sammelte Gehrcke so systematisch die Artikel über seinen Physikerkollegen Einstein? Gehrckes Motivation war eine ungewöhnliche, aber starke: Er war zeit seines Lebens ein überzeugter Gegner der Relativitätstheorie und hatte bereits vor Einsteins großem öffentlichen Ruhm mehrfach wissenschaftliche Artikel publiziert, in denen er versuchte, die Relativitätstheorie als unhaltbar nachzuweisen.

          Als er sich mit dieser Ansicht nicht durchsetzen konnte, führte er das nicht auf die Schwäche seiner Argumente zurück, sondern darauf, dass die Relativitätstheorie eine durch das Massenmedium Zeitung ausgelöste Massensuggestion sei. Die aber, so Gehrcke weiter, mache eine seriöse wissenschaftliche Debatte unmöglich. Als Beleg für diese These sammelte er Fakten, nämlich die Zeitungsartikel, die später das Material für seine 1924 erschienene Broschüre „Die Relativitätstheorie, eine wissenschaftliche Massensuggestion“ darstellten.

          Relativitätstheorie überall

          Ursprünglich bestand die Sammlung aus 5000 Zeitungsartikeln aus den Jahren 1920 bis 1924, von denen heute noch 2700 erhalten sind. Die Sammlung ist repräsentativ, da sie zum allergrößten Teil von professionellen Ausschnittsdiensten bestückt worden ist, welche die nationale und teilweise auch die internationale Presse nach den von Gehrcke festgelegten Stichworten, wahrscheinlich „Einstein“ und „Relativität“, durchsah. Heute stellt die Sammlung, ganz unabhängig von den Intentionen des Sammlers, eine unschätzbare Quelle für die wissenschaftliche Forschung dar.

          Eigenständige Zeitungsrecherchen eines Wissenschaftlers beschränken sich zwangsläufig auf wenige Zeitungen und meistens auf die großen und bekannten Blätter. Gehrckes Konvolut hingegen umfasst Zeitungsartikel kleiner, heute teilweise nicht mehr erhaltener Zeitungen. Durch die systematische Erfassung aller Artikel, in denen die Relativitätstheorie vorkam, zeigt sich die breite Diffusion der Relativitätstheorie in Teile der öffentlichen Diskussion, wo man sie heute weder erwarten noch suchen würde. In den frühen 1920er Jahren war die Relativitätstheorie so populär, dass sie in Kochrezepten auftauchte und gar als Vergleich für das neue Tarifrecht herhalten musste – das nach Ansicht des Verfassers des Artikels ungleich schwerer zu verstehen war.

          Relativität im Film

          Vor allem aber bietet die Sammlung der Einstein-Forschung Material zu Ereignissen, die bislang wenig oder überhaupt nicht bekannt waren. In einer Mappe finden sich zum Beispiel 70 Berichte über einen frühen Lehrfilm zur Relativitätstheorie, den „Einstein-Film“ aus dem Jahr 1922, der heute als verschollen gilt. Die zeitgenössischen Artikel geben nicht nur Aufschluss über den Inhalt des damals epochemachenden zweistündigen Trickfilms, sondern auch über die heftige Debatte um „die verfilmte Relativität“, die von einer Diskussion über Grenzen und Möglichkeiten der Wissenschaftspopularisierung bis hin zu politischer Polemik gegen den „Film des physikalischen Nihilismus“ reichte.

          „Einstein auf der Mordliste?“ Solche Überschriften springen in einer anderen Mappe dem Leser entgegen, und es ist beklemmend zu lesen, dass Einstein nach der Ermordung des Außenministers Walther Rathenau im Jahr 1922 offenbar ebenfalls mit Morddrohungen aus nationalistischen Kreisen konfrontiert worden ist. In der Presse gab es Andeutungen, Einstein würde Deutschland wegen der „reaktionären Hetze“ verlassen.

          Die Mappen mit den Zeitungsartikeln sind mit der Zeit brüchig geworden. Heute befinden sie sich im Archiv des Max-Planck-Instituts für Wissenschaftsgeschichte und werden nur noch selten hervorgeholt. Dafür wurde die Sammlung im Rahmen des ECHO-Projekts komplett digitalisiert und ist nun online unter http://echo.mpiwg-berlin.mpg.de/content/space/space/gehrcke zugänglich.

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