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Wissenschaftsgeschichte : Als Gott die Planeten fallen ließ

  • -Aktualisiert am

Mit seinen Fernrohrbeobachtungen vor 400 Jahren öffnete Galilei ein neues Fenster zum Himmel. Und zweifellos gelangen dem Florentiner wichtige Schritte auf dem Weg zur modernen Physik. Aber gegen Irrtümer, die er mit Verve verteidigte, war er deshalb nicht gefeit.

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          Das Manuskriptbündel aus der Florentiner Nationalbibliothek trägt die Bezeichnung Ms. Gal. 72. Es enthält Skizzen, Tabellen und Berechnungen Galileo Galileis. Der Wissenschaftshistoriker Jochen Büttner ist mit der Handschrift bestens vertraut. Er weiß genau, wann und wo der italienische Forscher welche Tinte und welches Papier benutzte. Die Blätter, aus denen der Berliner Forscher vom Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte nun einzelne vergrößerte Ausschnitte auf dem Monitor vor sich sieht, geben Einblick in eine lange verborgene Gedankenwelt: Galileis Vorstellungen von Gottes Schöpfungsakt.

          Die Aufzeichnungen stammen aus den Jahren zwischen 1597 und 1603. Damals war Galilei Mitte bis Ende dreißig und Mathematikprofessor in Padua. Soeben hatte er eine Liaison mit der Venezianerin Marina Gamba begonnen und in seinem zweigeschossigen Palazzo in der Via dei Vignali eine Werkstatt eingerichtet. In diesem Labor baute er Instrumente und führte Experimente zum freien Fall durch. Nun dehnte er seine mechanischen Betrachtungen auf das ganze Universum aus.

          Den Ursprung der Welt stellte sich Galilei so vor: Am Anfang schuf Gott die Sonne. Dann ließ er die Planeten einen nach dem anderen von ein und demselben Punkt aus in den Kosmos fallen. Schneller und schneller bewegten sie sich auf die Sonne zu und bogen schließlich in ewige Kreisbahnen um das Gestirn ein. Galilei meinte, damit eine Erklärung dafür gefunden zu haben, warum Venus und Merkur so viel schneller um die Sonne laufen als die anderen Planeten: Sie sind der Sonne näher und damit weiter vom Anfangspunkt der Schöpfung entfernt, wurden also - gemäß dem von Galilei gefundenen Fallgesetz - über eine längere Fallstrecke hinweg beschleunigt.

          Es brauchte eine ruhige Hand und Zutrauen in die Optik: Galileis Fernrohre

          Abschauen bei Kepler

          Diese These ist mehr als nur eine Randnotiz. Aus Angst, das Manuskript könnte der Inquisition in die Hände fallen, vertraute es Galilei 1633 seinem Freund Niccolò Aggiunti an. Noch als 70-Jähriger behauptete der Wissenschaftler, er hätte den gemeinsamen Ursprung der Planeten anhand von astronomischen Beobachtungen ermittelt und eine gute Übereinstimmung der Daten gefunden. Wo der Ursprung liegt, behielt er für sich. Vergeblich versuchten Newton und so mancher Physiker nach ihm, die These zu verifizieren.

          Jochen Büttner weiß, warum. Er und andere Historiker haben Galileis Rechnungen inzwischen aufgespürt: in jenem Ms. Gal. 72. Darin sind die Abstände der Planeten von der Sonne und ihre Umlaufgeschwindigkeiten aufgelistet. "Die Daten, die Galilei dafür benutzt hat, sind Keplers ,Weltgeheimnis' entnommen", sagt Büttner.

          Johannes Kepler aus Graz hatte Galilei 1597 sein erstes Buch zukommen lassen: "Das Weltgeheimnis". Im Anschluss daran versuchte der kaiserliche Mathematiker vergeblich, den Italiener dazu zu bewegen, sich offen zum kopernikanischen Weltbild zu bekennen. "Seid guten Mutes, Galilei, und tretet hervor." Doch vorerst hatte Galilei Angst, sich mit einem solchen Bekenntnis in der Fachwelt zu blamieren. Er brach den Kontakt ab und meldete sich erst dreizehn Jahre später, nach dem Bau des Fernrohrs, wieder bei seinem deutschen Kollegen.

          Die Daten mussten sich fügen

          Unterdessen las Galilei das "Weltgeheimnis" aufmerksam. Der mathematisch hochbegabte Kepler spekulierte in seinem Buch über einen geometrischen Schöpfungsplan Gottes. Der Physiker Galilei dagegen hatte andere Vorstellungen: Am Anfang war Gottes Fallexperiment.

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