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Vernetzung 2.0 : Was war noch mal dieses Internet?

  • -Aktualisiert am

In der Martys Zukunft kannte auch noch kein Smartphone

Eine Diskrepanz zwischen Film und Wirklichkeit zeigt besonders deutlich der Umgang mit mobilen Mediengeräten. Der Zeitmaschinen-Erfinder Doc Brown, der mit Marty in die Zukunft reist, nutzt mehrfach eine flache Kamera ohne sichtbares Objektiv, die in ihrem elektronischen Sucher Zusatzinformationen zum Bild einblendet. In einer anderen Szene taucht er dann als alter Mann des Jahres 2015 auf, der mit einem Handheld-Computer Spenden für den Erhalt der Turmuhr des Rathauses sammelt. Gebucht werden diese Spenden über einen Fingerprint-Sensor. Beide Geräte mit ihren Funktionen erinnern von fern an ein modernes Smartphone - aber es fehlt der Schritt, diese Fähigkeiten in nur einem Gerät zu vereinen und weitere Anwendungen wie E-Mail, Videotelefonie und ein kaum überschaubares Angebot an Apps dazu zu denken.

Dass „Zurück in die Zukunft 2“ diesen letzten Schritt nicht unternimmt und keinen digitalen Alleskönner imaginiert, liegt womöglich auch daran, dass seine Autoren das innovative Potential von Unternehmen und ihren Marken falsch einschätzten. So machen sie sich über einen „Computer der Vergangenheit“ im Schaufenster eines Antiquariates lustig - ausgerechnet einen frühen Macintosh von Apple, ein Gerät also, das am Anfang einer Entwicklung steht, die unseren heutigen, intuitiven Zugang zur Informationstechnologie vorbereiten sollte.

Abfall löst die Energiefrage 

Auch in Fragen der individuellen Mobilität weicht der Film von unserer Realität ab. „Zurück in die Zukunft 2“ zeigt fliegende Personenwagen als weit verbreitetes Verkehrsmittel, das derzeit heiß diskutierte autonome Fahren wird nicht thematisiert. Allzu lange scheinen die Autos im Film den Erdboden auch noch nicht verlassen zu haben, denn Videowerbung im öffentlichen Raum propagiert die Umrüstung herkömmlicher Pkw für eine fünfstellige Summe zu flugfähigen Vehikeln. Die dabei verwendete Antriebstechnik wird zwar nicht genauer erklärt, zur Energieversorgung dienen im Film aber klassische Tankstellen für erdölbasierte Treibstoffe, wenn auch mit Robotern als Tankwarten. Ein Nebeneinander verschiedener alternativer Fahrzeugantriebe wird dagegen nicht thematisiert: Während im derzeitigen Automobilmarkt diverse Hybridisierungen, batterieelektrische Lösungen und der Brennstoffzellenantrieb eine Rolle spielen, bleibt das Thema Energieeffizienz auf die Verwendung von Siedlungsabfällen als Treibstoff für stationäre Fusionsreaktoren beschränkt, die dezentral im Straßenbild aufgestellt sind. Nur die Zeitmaschine von Doc Brown ist mit einem Reaktor des Herstellers „Mr Fusion“ ausgestattet.

Aber kann eine Voraussage der technischen und wissenschaftlichen Zukunft überhaupt genauer sein, als es „Zurück in die Zukunft 2“ gelingt? Der kalifornische Anglizist und Science-Fiction-Experte Gary Westfahl führt in seinem Buch „Science Fiction and the Predicition of the Future“ das Scheitern künstlerischer Technikutopien auch auf verbreitete Fehleinschätzungen zurück. Zu diesen gehört unter anderem die Vorstellung, dass Innovationen umgehend bestehende Techniken ablösen, dass neue Technologie grundsätzlich in technische Anwendungen des Alltags überführt wird, dass sich bestehende Trends linear weiterentwickeln und dass neue Technik analog zu bestehenden Geräten bedient wird. Ein Beispiel dafür sind die Nike-Turnschuhe, die im Film mit motorisch angetriebenen Verschlüssen ausgestattet sind. An ihrer Stelle setzten sich in der Realität Bänder aus Silikonsträngen durch, die in herkömmliche Ösen passen, aber nicht geschnürt werden müssen.

Schließlich scheint es im Jahr 1989 ganz klar, dass Marty McFly 2015 für einen weltweit agierenden japanischen Technologiekonzern arbeitet. Auch wenn China nicht genannt wird, sagt der Film mit dieser Szene die wachsende wirtschaftliche Bedeutung Asiens richtig voraus. Dass aber mit den - zum Großteil in den Vereinigten Staaten angesiedelten - Internetunternehmen eine neue Branche das Feld der innovativen Technik gänzlich neu ordnen würde, lag jenseits der Vorstellungen der Autoren. Wer hätte derlei vor 26 Jahren auch vorausgesehen?

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