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Relativitätstheorie : Die Schwere des Lichts

Diese Aufnahmen einer Sonneneruption gelang Arthur Stanley Eddington am 29. Mai 1919 in Principe vor Westafrika. Er hätte sie hoffnungslos überbelichtet, wäre es zum Zeitpunkt der Finsternis nicht so bewölkt gewesen. Sterne nahe der Sonnenscheibe, um die es eigentlich ging, sind hier daher nicht zu sehen. Bild: ESO/Landessternwarte Heidelberg-

Eine Sonnenfinsternis machte Albert Einstein vor hundert Jahren über Nacht zum Popstar der Physik. Dahinter steckt die vielleicht größte Einzelleistung eines Wissenschaftlers und ein erkenntnistheoretischer Krimi.

          8 Min.

          Lichter ganz schief am Himmel“, brüllte die Überschrift. „Sterne sind nicht dort, wo sie zu sein schienen (...). Aber niemand muss sich Sorgen machen.“ So titelte die New York Times am 10. November 1919 zwar nicht auf der Titelseite – dort ging es an jenem Montag vor allem um Streiks und Kommunisten –, sondern erst auf Seite 17. Dennoch, nun kannten viele amerikanische Normalbürger plötzlich einen Mann, der noch eine Woche zuvor auch in Europa nur einigen Physikern ein Begriff gewesen war: den gebürtigen Ulmer Albert Einstein. Und als dieser zwei Jahre später zum ersten Mal Amerika besuchte, wurde er von jubelnden Menschenmengen empfangen.

          Ulf von Rauchhaupt

          Verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Der Hype war am 6. November 1919 in London ausgebrochen. Auf einer gemeinsamen Sitzung der Royal Society und der Royal Astronomical Society hatten Sir Frank Watson Dyson, seines Zeichens Königlicher Hofastronom und Direktor des Royal Greenwich Observatory, sowie sein Fachkollege Arthur Stanley Eddington aus Cambridge Auswertungen von Messungen vorgestellt. Diese waren fünf Monate zuvor in den Tropen vorgenommen worden, um die Vorhersage einer damals erst vier Jahre alten Theorie Einsteins zu überprüfen. Nun erklärten die beiden prominenten Forscher, die Daten gäben Einstein recht.

          Albert Einstein Superstar: Als „eine neue Größe der Weltgeschichte“ betitelte ihn im Dezember 1919 diese Wochenzeitschrift.

          Die Folge war aber nicht nur der Aufstieg Einsteins zur Pop-Ikone, sondern später auch ein jahrzehntelanger Verdacht gegen Eddington. Noch 1993 suggerierten die britischen Wissenschaftssoziologen Harry Collins und Trevor Pinch in ihrem vielbeachteten Buch „The Golem. What everyone should know about science“, Eddington habe die eigentlich unzulänglichen Messdaten zumindest unbewusst zu Einsteins Gunsten ausgelegt. Damit hielten Collins und Pinch einen Vorgang für dekonstruiert, der oft als Ideal und Paradebeispiel der empirischen Überprüfung einer wissenschaftlichen Theorie angeführt wird: nämlich einer, die auch negativ hätte ausfallen können. Dass eine Theorie überhaupt nur wissenschaftlich genannt werden dürfe, die in dieser Weise falsifizierbar sei, ist eine bis heute einflussreiche Position des Philosophen Karl Popper (1902 bis 1994), der später über den 6. November 1919 schrieb: „Das war eine großartige Erfahrung für uns und eine, die einen bleibenden Einfluss auf meine intellektuelle Entwicklung hatte.“

          Nun ging es hier nicht um irgendeine Theorie. Was Einstein da Ende 1915 nach Jahren mühevoller Arbeit veröffentlicht hatte, war die Verallgemeinerung einer für sich schon bahnbrechenden Erkenntnis aus dem Jahr 1905. Damals hatte Einstein festgestellt, dass eine stimmige Physik die Phänomene Raum und Zeit anders auffassen muss, als Philosophie und Alltagsverstand sie bis dahin verstanden hatten: Für Strecken und Zeitintervalle eines beobachteten Vorganges könnten demnach keine absoluten Werte gemessen werden, sondern nur welche, die von der Geschwindigkeit des Beobachters relativ zum Beobachteten abhängen. Zehn Jahre später konnte Einstein diese sogenannte spezielle Relativitätstheorie auf Bewegungen in Gravitationsfeldern verallgemeinern, indem er die Schwerkraft mathematisch als Krümmung von Raum und Zeit beschrieb. Damit stieß Einstein nichts weniger als Isaac Newtons ehrwürdige Theorie der Schwerkraft vom Thron, mit dem dieser 1687 die moderne mathematische Physik, wenn nicht überhaupt die strenge quantitative Naturwissenschaft begründet hatte.

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