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Relativitätstheorie : Die Schwere des Lichts

Überhaupt der Krieg. Hätte er nur ein wenig länger gedauert, hätte man die Finsternis verpasst. Die Fahrt der RMS „Anselm“, auf der man sich Anfang März 1919 in Liverpool einschiffte, war die erste Linienfahrt von England nach Brasilien seit Kriegsende. Reisen in den Golf von Guinea ließen sich damals überhaupt nicht buchen. Eddington und Cottingham verließen die „Anselm“ in Madeira, wo sie drei Wochen damit verbrachten, ein Schiff nach Principe zu finden.

Wolken über Principe

Vor Ort lief dann auch nicht alles glatt. In Sobral produzierte das eine der beiden Teleskope wenig zufriedenstellende Aufnahmen. In Principe spielte das Wetter nicht mit. Nur ganz am Ende der Verfinsterung riss die Wolkendecke so weit auf, dass Eddington gerade noch ein paar Photoplatten belichten konnte, auf der einige Sterne zu sehen waren.

Eddington begann die Aufnahme noch vor Ort zu analysieren, um zu sehen, ob es eine Lichtablenkung gab, und wenn ja, ob sie eher mit dem halben „Newtonschen“ Wert oder dem vollen der allgemeinen Relativitätstheorie vereinbar war. „Und was, wenn wir sogar eine doppelte Ablenkung messen?“, soll Cottingham Dyson vor der Abreise gefragt haben. „In diesem Fall“, so Dyson. „wird Eddington verrückt werden und Sie alleine nach Hause fahren.“ Nach einem ersten Blick auf die Aufnahmen konnte Eddington seinen Assistenten beruhigen: „Cottingham, Sie müssen nicht alleine zurück.“

Die Beobachtungsstation in Sobral, Brasilien. Bewegliche Spiegel lenkten das Licht in die waagrecht liegenden Teleskope. Mit dem Spiegel des linken Tubus gab es ein folgenschweres Problem
Die Beobachtungsstation in Sobral, Brasilien. Bewegliche Spiegel lenkten das Licht in die waagrecht liegenden Teleskope. Mit dem Spiegel des linken Tubus gab es ein folgenschweres Problem : Bild: Science Photo Library

Diese Anekdote rührt bereits an die spätere Kontroverse darüber, inwieweit und ob überhaupt die Messungen von 1919 eine Bestätigung der Einsteinschen Theorie darstellten. Die Zweifel daran stützen sich auf drei Umstände: Erstens war Eddington als Quäker überzeugter Pazifist und wäre um ein Haar wegen Kriegsdienstverweigerung im Gefängnis gelandet, hätte Dyson nicht seinen Einfluss geltend gemacht, um die Finsternis-Expedition nach Principe bei den Behörden als Dienst an König und Vaterland zu deklarieren. Dass das Unternehmen die Theorie eines Deutschen (Einstein hatte damals die deutsche Staatsbürgerschaft) bestätigen und damit die des Engländers Newton deklassieren könnte, verschwieg Dyson natürlich.

Eddingtons Pazifismus ist hier deswegen wichtig, weil auch Einstein entschiedener Kriegsgegner gewesen war und es plausibel erscheint, dass Eddington hier die Chance sah, der wissenschaftliche Triumph eines pazifistischen Deutschen könnte dazu beitragen, die tiefen Risse zu heilen, die nach dem Krieg auch durch die internationale Wissenschaftlergemeinde gingen.

Hat Eddington die passenden Daten herausgepickt?

Zweitens aber war Eddington von der allgemeinen Relativitätstheorie zutiefst überzeugt. Er war damals einer der wenigen Astronomen mit den nötigen mathematischen Kenntnissen, um Einsteins Formeln zu verstehen. Aber wichtiger: Eddington verstand, dass Newtons Gravitationstheorie durch die spezielle Relativitätstheorie von 1905 inkonsistent geworden war. Daniel Kennefick von der University of Arkansas, der jüngst eine umfassende Darstellung der Sonnenfinsternis-Expeditionen von 1919 vorgelegt hat, hält diese wissenschaftliche Sympathie Eddingtons für die entscheidende. „Es ist richtig, dass Einstein und Eddington pazifistische Ideale und internationalistische Ansichten teilten“, schreibt er. „Aber es war ihr gemeinsames wissenschaftliches Interesse, das sie zusammenbrachte.“ Dass Eddington von Einstein eingenommen und damit voreingenommen war, leugnet Kennefick indes nicht.

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