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Recycling : Der Siegeszug des Altpapiers

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Gut fürs Gewissen - Schuhe aus recyceltem Zeitungspapier Bild: AP

Recyclingpapier wird immer beliebter. Doch wie wird das eigentlich hergestellt? Und ist die Methode wirklich umweltfreundlich?

          Es ist grau und meist nicht so glatt. Für Archivierungen eignet es sich nicht, da es nicht lange hält. Und Papierstau im Drucker verursacht es auch noch. Gegen Recyclingpapier gibt es viele Vorurteile. Das Umweltbundesamt hat nun den ersten Recyclingpapier-Report herausgegeben. Dort räumt es mit den falschen Vorverurteilungen auf. Anlass ist das 15-jährige Bestehen der Initiative Pro Recyclingpapier (IPR), ein Zusammenschluss verschiedenster Unternehmen.

          Pro Kopf verbrauchen wir in einem Jahr 247 Kilogramm Papier. Das sind rund 100 Packen Druckerpapier, ganze 50.000 Seiten. Doch natürlich nutzen wir Papier nicht nur, um darauf Briefe auszudrucken. Knapp die Hälfte des verwendeten Papiers in Deutschland wird für Verpackungen verwendet. Dennoch ist unser Pro-Kopf-Verbrauch enorm angestiegen, im Jahr 1900 lag er noch bei 13 Kilogramm, einem Neunzehntel des heutigen Bedarfs.

          Doch wer denkt, dass es zu dieser Zeit noch kein Recyclingpapier gab, liegt falsch. Es gibt es schon seit gut 650 Jahren. Im Jahr 1366 veranlasste der Rat zu Venedig, altes Papier zur Papiermühle von Treviso zurückzubringen, um es dort wiederzuverwenden. Die Qualität des Papiers war allerdings so schlecht, dass es sich nur zur Herstellung von Pappe eignete. Etwa 400 Jahre später, im Jahr 1774, entwickelte der studierte Rechtswissenschaftler Justus Claproth ein Verfahren, mit dem er das alte Papier mit Terpentinöl und Wascherde von der Druckerschwärze befreien konnte – das erste sogenannte De-Inking Verfahren. Aber erst gegen Mitte des 20. Jahrhunderts war die Methode so weit verfeinert, dass recyceltes Papier auch als Schreibpapier genutzt werden konnte. Der Siegeszug des Altpapiers hatte begonnen.

          Zwar ist das gräuliche Recyclingprodukt heute so beliebt wie nie zuvor, von den 22,4 Millionen Tonnen, die wir jährlich verbrauchen, sind 16,2 Millionen Tonnen recycelt. Dennoch liegt beispielsweise in Büros der Anteil an wiederverwendetem Altpapier nur bei 14 Prozent. Ein positives Beispiel kommt da aus Berlin: Mit ihrem „Maßnahmenprogramm Nachhaltigkeit“ sieht die Regierung vor, dass bis 2015 alle Bundesbehörden für mindestens 90 Prozent ihres Papierverbrauchs recyceltes Altpapier verwenden.

          Ressourcenschonende Kreislaufwirtschaft

          Kreislaufwirtschaft ist das Zauberwort gegen die Ressourcenausbeutung im 21. Jahrhundert. Und was bei PET-Flaschen gründlich in die Hose ging, funktioniert beim Papier tatsächlich: Rund drei Viertel des Altpapiers werden wieder in den Verbrauchskreislauf zurückgeführt, werden re-cycelt. Doch wie funktioniert das eigentlich?

          Generell erfolgt die Herstellung von Recyclingpapier in vier Schritten. Dabei steht am Anfang die Wiederaufschlämmung, förmlicher Re-Suspension genannt. Das Altpapier wird in Wasser aufgeweicht, sodass es sich in seine einzelnen Fasern zersetzt. Ein dünnflüssiger Brei entsteht.
          Dieser Brei wird im zweiten Vorgang gereinigt, Fremdkörper werden entfernt. Dazu werden, auch bei Recyclingpapier, oftmals diverse Chemikalien eingesetzt. Je nach verwendeter Chemikalie kann der Vorgang damit effektiver aber auch umweltschädlicher werden.

          In einem dritten Schritt, dem De-Inking, wird die Druckerschwärze entfernt. Auch hier kommen Chemikalien zum Einsatz. Die Partikel der Druckerschwärze lösen sich und binden an aufsteigende Luftblasen. Da sich jedoch nicht alle Farbpartikel vom Papier trennen, ist Recyclingpapier in der Regel leicht greulich. Soll das Papier dennoch  strahlend weiß werden, folgt ein zusätzlicher Bleichvorgang mit Peroxiden oder Nathriumdithionit.

          Im vierten Schritt kann der Brei noch mit frischen Papierfasern vermischt werden. Dadurch steigt zwar die Papierqualität, die Nachhaltigkeit verringert sich jedoch. Anschließend wird gesiebt, gepresst, getrocknet und geschnitten, bis das Papier wiederverwendet werden kann.
          Wird bei der Wiederaufbereitung auf De-Inking, Bleiche und frische Papierfasern verzichtet, spricht man von Umweltpapier. Das ist dann zwar dunkler, dafür aber das umweltfreundlichste aller Recyclingpapiere.

          Nicht jeder kriegt den Blauen Engel

          Die Herstellung zeigt, dass es Recyclingpapiere aller Art geben kann. Um zu wissen, welches tatsächlich umweltschonend ist und welches lediglich den Namen beansprucht, gibt es Gütesiegel. Das strengste dieser ist der Blaue Engel. Um die Zertifizierung zu erhalten müssen unter anderem 100 Prozent des verwendeten Papiers Altpapier sein. Weiterhin dürfen gewisse Chemikalien wie Chlor nicht verwendet werden. Andere Chemikalien jedoch schon, der Blaue Engel schließt diese nicht grundsätzlich aus. Zwar werden auch bei der Gewinnung von Recyclingpapier Chemikalien verwendet, jedoch weitaus weniger als bei der konventionellen Herstellung. Recyceltes Papier reduziert Umweltschäden somit nicht gänzlich, es mindert sie aber.

          Zusätzlich zum verringerten Einsatz von Chemikalien verbraucht die Aufbereitung von Altpapier weniger Ressourcen. Bereits bei der Produktion von drei Blatt Recyclingpapier wird im Vergleich zur Produktion von frischem Papier genug Energie gespart, um eine Kanne Kaffee zu kochen. Nach sechs Blatt Recyclingpapier hat man einen Liter Wasser weniger verbraucht. Und mit einer Tonne recyceltem Papier spart man bei der Produktion die Menge an CO2 ein, die ein durchschnittliches Auto bei 1000 Kilometer Fahrt verbraucht.

          Die Initiative Pro Recyclingpapier wirbt nun seit 15 Jahren für wiederverwendetes Papier. Dennoch weiß auch sie, dass selbst nachhaltige Nutzung nicht der optimale Weg ist. „Wenn Papier, dann Recyclingpapier“ steht auf ihrer Prioritätenliste nur auf Platz zwei – an erster Stelle steht die „sparsame Nutzung“.

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