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Polymerchemie : Leben mit Plastik

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Polyethylen-High Density (PE-HD) wird gerne zu Verpackungen für Reinigungsmittel verarbeitet. Es hat einen Anteil von zwölf Prozent an der europäischen Kunststoffproduktion. Bild: ddp Images

Kunststoffe sind überall: in Auto, Küche, Kinderzimmer - aber eben auch im Meer. Wenn wir die Segnungen der Polymerchemie ohne Reue nutzen wollen, müssen wir uns dringend etwas einfallen lassen.

          Leben ohne Plastik! So titelte das Unimagazin des Spiegels erst kürzlich. Die Story: Student lebt mit Frau und Kind ein plastikfreies Leben. Zitronensaft ersetzt das Deo, Natron und Waschsoda das Putzmittel. Auch der Wäschekorb aus Polypropylen soll bald einem aus Weidengeflecht weichen. Das klingt konsequent, umweltbewusst und sehr nachhaltig. Doch eines wird beim Thema Plastik oft vergessen: Ohne die Erfindung vollsynthetischer Werkstoffe und deren großindustrielle Herstellung sähe es in Technik, Medizin, Wohnkomfort und in vielen anderen Sektoren der modernen Zivilisation ganz anders aus.

          Dabei ist „Kunststoff“ hier der gegenüber „Plastik“ präzisere Begriff. Tatsächlich handelt es sich um künstlich hergestellte Materialien, heute meist auf Erdölbasis. Durch chemische Veränderungen und Beimischungen lassen sich ihre Eigenschaften steuern und Formbarkeit, Elastizität, Bruchfestigkeit oder Temperaturbeständigkeit gezielt variieren. Seit im Jahr 1907 mit dem Bakelit das erste vollsynthetische Material erfunden wurde, kam etwa alle fünf bis zehn Jahre ein neuer Kunststoff auf den Markt. Produkte daraus haben viele Vorteile: Sie wiegen vergleichsweise wenig, sind günstig herzustellen, beständig, elektrisch isolierend oder steril. Die Vielfalt der Sorten und ihre Einsatzgebiete sind schier unüberschaubar geworden.

          Ein Leben ohne Kunststoffe ist heute auch kaum noch möglich. Wir leben mit Schaumstoffmatratzen, Elektrogeräten und Dämmmaterialien. Im medizinischen Bereich machen moderne Hygienestandards Einwegprodukte aus Kunststoff unabdingbar. Wie unrealistisch ein Totalverzicht ist, haben nicht zuletzt all die Dokumentarfilme und Experimente gezeigt, in denen Familien für kurze Zeit versuchen, Kunststoffe aus ihrem Leben zu verbannen.

          Ein Bärendienst für den Klimaschutz

          Überraschender ist vielleicht, dass eine Verbannung der Kunststoffe auch dem Klimaschutz einen Bärendienst erweisen würde. Eine Studie der Wiener Umweltberatungsfirma „denkstatt“ kam 2010 zu dem Ergebnis, dass der Ersatz sämtlicher Kunststoffverpackungen durch alternative Materialien in Europa zu einem mehr als verdoppelten jährlichen Energieverbrauch und zu einer fast verdreifachten Emission von Treibhausgasen führen würde. Die Wiener Experten hatten sich den gesamten Lebenszyklus einer Kunststoffverpackung von der Herstellung bis zum Recycling angesehen und mit dem entsprechender Verpackungen aus Metall, Glas, Holz oder Papier verglichen. Und siehe da: Die höhere Masse der alternativen Verpackungsmaterialien treibt den Energieverbrauch beim Transport in die Höhe. Außerdem verbessern Kunststoffverpackungen die Haltbarkeit der Nahrungsmittel, was das Aufkommen von Lebensmittelabfällen reduziert.

          Auch zu der Plastiktütendiskussion, die durch den Beschluss des Europaparlaments im letzten Monat neu befeuert wurde, beziehen die Mitarbeiter von „denkstatt“ Stellung. Dass durch eine Reduktion des Plastiktütenverbrauchs Ressourcen geschont und Müll vermieden werden kann, heben auch sie hervor. Aber zur Ökobilanz merken sie an, dass jede verfahrene Tankfüllung dem CO2-Fußabdruck von 3000 Plastiktüten entspricht. Das wäre der durchschnittliche Tüten-Jahresverbrauch von 40 Deutschen. Einsparungen sollten deshalb nur da gemacht werden, wo sie wirklich sinnvoll sind. Allerdings ist es sehr viel einfacher, auf Tüten zu verzichten als auf andere Kunststoffverpackungen. Daher konzentriert sich die gesellschaftliche Debatte auch auf die Tüten, wie etwa in der Facebook-Veranstaltung „Weihnachtszeit: Lehnt Plastiktüten ab!“ mit mittlerweile über 84000 Teilnehmern.

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