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Physik der Gemälde : Kann man Kunstgeschichte berechnen?

Das historische Verständnis der Malerei mag kompliziert erscheinen. Dabei kann man als Physiker die gesamte Kunstgeschichte anhand von nur zwei Zahlen verstehen. Eine Glosse.

          Dass Naturwissenschaftler unter einem Ordnungstick leiden, kann als Antrieb für den wissenschaftlichen Fortschritt gelten. Denn obgleich die Welt uns oft als schreckliches Chaos erscheint, fügt sie sich doch glücklicherweise mit etwas Mühe in die geregelten Bahnen mathematisch beschreibbarer, allgemeiner Zusammenhänge. Ein bisschen Sortierarbeit, ein bisschen Interpretation, dann wird sich schon schnell offenbaren, welche tieferen Prinzipien sich hinter der vermeintlichen Unordnung verstecken! Der unerschütterliche Glaube an den Erfolg der Methode scheint heute stärker denn je und macht auch nicht vor Gebieten halt, die naturwissenschaftlichen Betrachtungsweisen bislang eher fremd waren: In digitalisierter Form kann man schließlich auch Dinge sortieren, die sich bislang quantitativen Methoden zu entziehen suchten.

          Kunstwerke zum Beispiel. Die Physiker Higor Sigaki, Matjaž Perc und Haroldo Ribeiro haben sich in einer aktuellen „PNAS“-Studie 140 000 Gemälde von mehr als 2300 Künstlern aus dem Zeitraum zwischen 1031 und 2016 vorgenommen, diese jeweils in kleine Gruppen von Pixeln zerlegt und dann deren Entropie und Komplexität bestimmt. Erstere beschreibt den Ordnungsgrad des Bildes: Ein Wert nahe 1 beschreibt eine zufällige Verteilung der Pixel, ein Wert bei null markiert wiederkehrende Muster. Letztere bezeichnet das Vorliegen von Strukturen: Sowohl völlige Ordnung als auch völlige Unordnung entsprechen einer geringen Komplexität des Bildes. Wenn man der Methode der Naturwissenschaftler folgt, wird demnach jedes Gemälde auf zwei Zahlenwerte reduziert und kann bequem mit anderen Gemälden verglichen werden.

          Nicht nur das: Die gesamte Kunstgeschichte wird dadurch als ebene Linie interpretierbar. Gemäß dieser Linie ist die Kunst bis zum 17. Jahrhundert im Durchschnitt sehr viel geordneter als die nachfolgende moderne Kunst bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts. Ab 1950 wenden sich die Künstler der Gegenwartskunst dann aber wieder der Ordnung zu und übertreffen damit sogar ihre Vorgänger der Renaissance, des Neoklassizismus oder der Romantik. Auch in Hinsicht auf Komplexität ist in der Gegenwartskunst, die vor klaren Kanten nicht zurückschreckt, deutlich mehr zu holen als etwa in den verwaschenen Bildern des Impressionismus. „Jede Kunstperiode ist durch einen bestimmten Grad von Entropie und Komplexität ausgezeichnet“, so das Fazit der Wissenschaftler. Da freut sich jeder Zahlenfreund.

          Noch glücklicher wäre man jedoch, wenn sich auch noch ein allgemeines Gesetz fände, das uns die historische Entwicklung der Kunststile erklären kann. Den Autoren des Papers schwebt etwas vor, wie es qualitativ bereits vor rund hundert Jahren vom Schweizer Kunsthistoriker Heinrich Wölfflin formuliert wurde: die Kunstgeschichte als zyklische Bewegung zwischen linearen und malerischen Darstellungsperioden. Die vorgestellte Entropie-Komplexitäts-Kurve könne solch eine Entwicklung projiziert abbilden, so die Autoren. Wenn man sich die Kurve anschaut, muss man allerdings feststellen: Schön ist sie nicht. Zyklisch auch nicht. Als Naturwissenschaftler hat man da eigentlich höhere Standards. Und muss wohl eingestehen: Kunst ist und bleibt im Kern unordentlich.

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