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Nuklearmedizin : Mangel an medizinisch verwendbaren Isotopen

  • -Aktualisiert am

Skelettszintigrafie mit Technetium-99m, die Knochenmetastasen eines Karzinoms sichtbar macht Bild: Uniklinikum München

Szintigraphien fallen aus, für Februar droht der Notstand: Überalterte Kernreaktoren kommen nicht nach mit der Produktion von Technetium. Das facht auch die Debatte um andere Untersuchungsverfahren an.

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          Überall in Europa und damit auch in Deutschland gibt es seit Wochen Engpässe bei der nuklearmedizinischen Versorgung. Das wichtigste Radioisotop, Technetium-99m, ist knapp geworden. Der Kernreaktor im holländischen Petten, der weite Teile Europas mit diesem Radionuklid versorgt, ist nach einem Leck im Kühlsystem noch nicht wieder in Betrieb genommen worden. Zeitweilig waren auch die beiden anderen europäischen Forschungsreaktoren in Belgien und Frankreich, die Isotope für die Medizin produzieren, wegen regulärer Wartungsarbeiten außer Betrieb.

          Der kurzzeitige Zusammenbruch des gesamten Nachschubs hatte vor einigen Wochen zu einem dramatischen Engpass bei der Versorgung mit Technetium-99m geführt, der zwar durch kluge Zuteilung und Planung gemildert werden konnte, aber wegen der fehlenden Lieferungen aus Petten immer noch nicht behoben ist (siehe F.A.Z. vom 9. September 2008). Die nuklearmedizinischen Zentren in Deutschland erhalten zurzeit nur zwei Drittel der üblichen Zuteilung, sagte Andreas Bockisch vom Universitätsklinikum in Essen, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Nuklearmedizin, dieser Zeitung. Im Februar und Mai sei zudem wegen erneuter Wartungsarbeiten wieder mit einer Verschärfung der Situation zu rechnen, falls nicht zwischenzeitlich Notlösungen gefunden werden.

          Weltweit nur fünf Anlagen

          Die Krise um die Versorgung mit Technetium-99m hat gezeigt, dass dringend neue Reaktorkapazitäten zur Produktion von Molybdän-99 gebraucht werden. Technetium-99m ist ein Zerfallsprodukt des bei der Spaltung von Uran anfallenden Molybdän-99. Die Gammastrahlung, die das in den Körper eingeschleuste Technetium-99m aussendet, kann gemessen werden und gibt dann Hinweise auf die Durchblutung von Organen oder auf Entzündungsherde und Tumoren.

          Es gibt weltweit nur fünf Anlagen, die für die Erzeugung von Molybdän-99 für die Medizin ausgelegt und lizenziert sind. Die europäischen Anlagen sind überaltert, ihre Laufzeiten nähern sich dem Ende. Das Leck im Kühlsystem in Petten hat vermutlich mit der Abnutzung zu tun. Zwei kanadische Reaktoren – Maple I und Maple II –, die extra für die Radionuklid-Produktion gebaut worden sind, haben wegen technischer Schwierigkeiten keine Betriebsgenehmigung erhalten. Der Forschungsreaktor in Jülich, der Molybdän-99 produzieren konnte, wurde 2006 abgeschaltet.

          In den kommenden Jahren wird es immer wieder zu parallelen Stilllegungen aller oder fast aller Reaktoren kommen, was zu Versorgungsengpässen in der ganzen Welt führen dürfte. Bockisch hält es deshalb für unumgänglich, dass die alten Reaktorkapazitäten dringend durch neue ersetzt werden. Wünschenswert sei, so der Nuklearmediziner, eine so hohe räumliche Dichte an Reaktoren, dass ein Produktionsausfall von fünfzig Prozent ohne Probleme für die Patientenversorgung verkraftet werden könne.

          Forschungsneutronenquelle in Garching als Lösung

          Der aktuelle Notstand in der Nuklearmedizin – viele Szintigraphien fallen ganz aus oder werden verschoben – hat auch die Politik alarmiert. Die Gesundheitsminister der EU-Länder haben ihr Beratergremium für Krisensituationen einberufen. Auch in den deutschen Bundesministerien für Gesundheit und Umwelt besteht Einigkeit darüber, dass eine verlässliche Lösung gefunden werden muss. Die derzeit beste Option ist vermutlich die Nutzung der Forschungsneutronenquelle in Garching. Betreiber ist die Technische Universität München, Eigentümer das Land Bayern. Winfried Petry, wissenschaftlicher Direktor in Garching, sagte im Gespräch, die Forschungsneutronenquelle sei eine moderne Anlage, die bereits andere Isotope für medizinische Zwecke produziere. Der Reaktor müsse nur um eine Einheit zur Erzeugung von Molybdän-99 ergänzt werden. Dann könne Europa zu großen Teilen von Garching aus versorgt werden.

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