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Nanotechnologie : Wenn es keine Risiken gibt, brauchen wir auch keine Warnschilder

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Ein erfahrener Hai-Lobbyist: Jochen Flasbarth, Staatssekretär im Bundesumweltministerium Bild: dpa

Nano ist das neue Mikro: Ein Gespräch mit Jochen Flasbarth, Präsident des deutschen Umweltbundesamtes, über die Nanotechnologie.

          Der Dioxinskandal erschüttert den Verbraucherschutz schwer. Nachdem Sie Präsident des Umweltbundesamtes geworden waren, hatte es den Anschein, dass Ihre Behörde die eigentlichen Umwelt- und Gesundheitsgefahren in der Nanotechnik sieht. Kleinste Partikel in Produkten, die Organe und Blut vergiften, die für die meisten Menschen aber noch völlig unbekannt sind. Wie groß ist die Gefahr?

          Zuerst einmal halte ich nichts von einer Schwarzweißmalerei. Die Debatte um die Nanotechnik hat durchaus noch das Potential, stimulierend zu wirken. Steckt doch in zahlreichen nanotechnischen Anwendungen eine echte Chance für eine nachhaltige Entwicklung. Schauen Sie allein auf die Möglichkeiten mit denen Nanomaterialien zur Ressourcenschonung beitragen könnten. Hier liegen die Vorzüge auf der Hand. Natürlich dürfen wir dabei die Risiken nicht aus den Augen verlieren. Aber ich bin davon überzeugt, dass es gelingen kann, diese Risiken zu benennen, zu bewerten und zu reduzieren, ohne in eine emotionalisierte Debatte abzudriften und eine technologische Entwicklung insgesamt zu diskreditieren.

          Eine erstaunliche Entwicklung. Die Bundesregierung will mit ihrem neuen, mit 400 Millionen Euro jährlich ausgestatteten Aktionsplan die Nanotechnologie massiv fördern. In Kürze wird die vor fünf Jahren von der Regierung und den wichtigsten, auch kritischen Gesellschaftsgruppen gegründete nationale Nanokommission ihren Abschlussbericht zur Nanotechnik vorlegen. Wird sie die Gefahreneinschätzung auch so positiv sehen?

          Wir sind in den Themengruppen der Nanokommission zwar vertreten, aber ich will dem Abschlussbericht nicht vorgreifen. Ich glaube jedenfalls schon, dass es wichtig ist, den Einsatz von Nanomaterialien künftig noch sehr viel transparenter zu machen. Alles, was unternommen wird, etwa von Seiten der Industrie, um Informationen über Risiken oder auch die Vorteile für die Umwelt zurückzuhalten, ist für die Zukunft dieser Technologie schlecht.

          Werden relevante Informationen zurückgehalten?

          Ja, durchaus. Das ist ein Problem. Wenn man sich die Studien der verschiedenen damit befassten Bundesbehörden ansieht, findet man ganz oft die Anmerkung, dass zu diesem oder jenem Thema oder Produkt nicht genügend Informationen vorliegen. Dass die Industrie in vielen Bereichen nicht genügend Informationen bereitstellt, erfüllt mich wirklich mit Sorge. Vielleicht ist das der Reflex auf die Entwicklung in der Gentechnik. Man ist besorgt, dass alles gegen die Technik gerichtet wird. Das sind alte Reflexe. Wir brauchen jetzt aber mehr Offenheit.

          Welche Informationen vermissen Sie zum Beispiel?

          Uns fehlen zum Beispiel oft Daten darüber, in welcher Menge Nanopartikel in die Umwelt gelangen oder vom Menschen aufgenommen werden können. Aber auch Bewertungen zu den krebsauslösenden Eigenschaften oder dazu, wie Nanopartikel sich auf die Umwelt auswirken, sind nur im Einzelfall möglich und noch mit vielen Unsicherheiten behaftet.

          Kann man die Transparenz nicht regeln, indem man zum Beispiel das seit einiger Zeit diskutierte Nanoregister einrichtet mit allen gewünschten Informationen?

          Ich bin unbedingt für ein öffentlich zugängliches Nanoproduktregister, das zeigt, welche Produkte welche Nanomaterialen enthalten. So ein Register sollte möglichst auf europäischer Ebene etabliert werden. Darüber hinaus brauchen die Behörden Zugang zu allen relevanten Informationen für die Risikobewertung.

          Was halten Sie von einer Kennzeichnungspflicht wie in der Gentechnik?

          Nichts. Jedenfalls dann nicht, wenn wir ein Nanoregister bekommen. Selbst ein bloßer Hinweis auf Nanoteilchen kann bei Verbrauchern den Eindruck erwecken, dass das Produkt die Gesundheit schädigen könnte. Unser Anspruch muss aber sein, dass die Materialien, die in Umlauf kommen, so sorgfältig geprüft sind, dass Gesundheitsgefahren erst überhaupt nicht entstehen können. Dafür ist es notwendig, dass Behörden die Materialien jederzeit überprüfen können. Wenn nach der Risikoabschätzung keine Gründe für eine Warnung bestehen, brauchen wir auch keine Warnschilder oder -symbole. Das erfordert aber, dass die zur Risikobewertung notwendigen Informationen für unsere Fachleute leicht zugänglich sind.

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