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Leonardos Maltechnik : Die Geheimnisse der Lasur

Viel Zeit und viele Lasuren für ein Lächeln, das als rätselhaft gilt: Leonardos Bild im Louvre
          3 Min.

          Gesichter und Landschaften sind in ein nebelhaftes Licht getaucht, Hell-Dunkel-Übergänge verschwimmen ineinander wie Rauch, kein Pinselstrich, keine Linie ist zu sehen - nur wenige Künstler der Renaissance beherrschten die Sfumato-Technik so perfekt wie Leonardo da Vinci. Mit optischen Messungen, detaillierten Beobachtungen und Rekonstruktionen haben Fachleute versucht, einen Einblick in die einzigartige Maltechnik zu gewinnen. Doch noch immer ist man sich uneins darüber, wie Leonardo da Vinci den Sfumato-Effekt in solch einer Vollendung hervorrufen konnte, wie er etwa auf seinem Gemälde „Mona Lisa“ zum Ausdruck kommt.

          Manfred Lindinger
          Redakteur im Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Proben von der Farbschicht würden schnell Antworten liefern. Doch wäre damit unweigerlich eine Beschädigung des wertvollen Bildes verbunden - ein unverzeihliches Vergehen. Nun sind französische Wissenschaftler des Louvre in Paris und von der Europäischen Synchrotron-Strahlungsquelle (ESRF) in Grenoble Leonardos unverwechselbarer Maltechnik auf den Grund gegangen, ohne dabei ein einziges der kostbaren Gemälde anzutasten.

          Abtasten mit Röntgenlicht

          Philippe Walter und seine Kollegen bedienten sich dazu eines bei Werkstoffforschern bewährten Analyseverfahrens: der Röntgenfluoreszenz-Technik. Hierbei wird das Gemälde in 2,5 Zentimeter Abstand mit Röntgenlicht Stück für Stück bestrahlt, woraufhin jeder darin enthaltene anorganische Stoff ein charakteristisches Fluoreszenzlicht aussendet, anhand dessen er sich identifizieren lässt. Die Methode ist so ausgereift, dass man die Dicke und die Zusammensetzung übereinanderliegender Farbschichten gleichzeitig analysieren kann.

          Leonardas „Mona Lisa” unter dem Röntgenfluoreszenzspektrometer
          Leonardas „Mona Lisa” unter dem Röntgenfluoreszenzspektrometer : Bild: V. Armando Solé /ESRF

          Die Forscher haben außer dem Bildnis der „Mona Lisa“ noch sechs weitere Gemälde untersucht, die derzeit im Louvre ausgestellt sind und mehr als vierzig Jahre von Leonardos OEuvre umfassen: „Verkündigung“, die erste Fassung der „Madonna in der Felsgrotte“, „La belle Ferronnière“, „Heilige Anna selbdritt“, „Johannes der Täufer“ und „Bacchus“. Sie konzentrierten sich auf die Gesichter in den Gemälden, da sich dort die Entwicklung des Sfumato besonders zeigt. Am stärksten ausgeprägt ist der Effekt im Antlitz der „Mona Lisa“. Aus früheren Untersuchungen ist bekannt, dass Leonardo für die natürliche Hauttönung vier verschiedene Farbschichten übereinander aufgetragen hatte: Über die Grundierung aus Bleiweiß, malte er eine Farbschicht gemischt aus Bleiweiß, Zinnoberrot und Erde, die er dann mit einer transparenten organischen Lasur mit dunklen Pigmenten überzog. Den Abschluss bildet ein Klarlack.

          Bis zu dreißig Lasurschichten

          Rätselhaft sind vor allem die Zusammensetzung und die Mächtigkeit der Lasurschicht geblieben, die schon flämische Maler benutzt haben sollen, um gezielt eine verschwommene Schatten zu erzeugen. Walter und seine Kollegen fanden nun heraus, dass Leonardo die Dicke der pigmenthaltigen Lasur bewusst variiert hatte. So hatte er sie an den dunklen Bereichen des Antlitzes der „Mona Lisa“ dicker aufgetragen als in den helleren Passagen. An den dicksten Stellen betrug sie rund fünfzig Mikrometer, an den dünnsten nur wenige Mikrometer. Das Erstaunliche dabei: Die dunkelsten Schatten im Gesicht der Mona Lisa bestehen aus bis zu dreißig einzelne transparente Lagen aus Lasur - jede einzelne nur zwei Mikrometer dick, berichten Walter und seine Kollegen in der Zeitschrift „Angewandte Chemie“.

          Die dunklen Pigmente in der Lasur identifizierten Walter und seine Kollegen als Manganoxid und Eisenoxid in Konzentrationen von 1,4 Prozent beziehungsweise einem Prozent. Etwa doppelt so hoch ist der Gehalt an beiden Pigmenten in der Lasur des Gemäldes „Johannes der Täufer“, das mehr als zehn Jahre später entstand als „Mona Lisa“. Bei früheren Gemälden wie der „Madonna in der Felsengrotte“, um 1483, hatte Leonardo statt Manganoxid eine Kupferverbindung als Pigment benutzt, allerdings seinen quantitative Aussagen aufgrund des Zustands der Farbschichten hier nur schwer möglich, so die Forscher. Eindeutig ist der Befund bei Leonardos Frühwerken „Verkündigung“, um 1475, und „La belle Ferronnière“, um 1490. Bei beiden habe Leonardo noch keine durchscheinende Lasurschicht verwendet. Die Schattenwirkung wird allein durch eine deckende Schicht aus Ölfarbe mit dunklen Pigmenten hervorgerufen, wie man es von der klassischen Öltechnik her kennt.

          „Der Meister hat seine Maltechnik im Laufe seiner Schaffenszeit immer weiter perfektioniert“, resümiert Walter. Die einzelnen Lasurschichten mussten bisweilen Wochen und Monate trockenen, bevor Leonardo weitermalen konnte. Das erkläre, warum der Künstler an der Mona Lisa vier Jahre lang gearbeitet hat - um sie schließlich unvollendet zu lassen, wie es der Architekt und Biograph Leonardo da Vincis, Giorgio Vasari, im Jahr 1568 berichtete.

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