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Kunststoffchemie : Bevor es Plastik gab

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Bakelit in seiner heute noch bekanntesten Form: als erstes Fernsprechgerät der Deutschen Bundespost in der Nachkriegszeit ... Bild: Dieter Rüchel

Die Geburt der Kunststoffe aus dem bürgerlichen Streben nach Luxus: Was zunächst Ebenholz, Jade oder Elfenbein imitieren sollte, kam schließlich der Technik zugute.

          Das Rezept klingt wie die Anleitung für ein Wunder: „Nimm einen Ziegenkäse und lass ihn einen ganzen Tag lang sieden“, schreibt Pater Wolfgang Seidel im Jahr 1530. Der Benediktinermönch aus Augsburg begeistert sich für die Alchemie seiner Zeit und berichtet von der Herstellung eines durchsichtigen Materials. „Schön wie Horn“ sei es und dabei ganz stabil: „Man kann damit Tischplatten, Trinkgeschirr und Medaillons gießen, also alles, was man will.“

          Werkstoffe, die dem Menschen ganz zu Willen sind: ein ewiger Traum. Seit dem Altertum wird nach Materialien geforscht, die leicht zu bearbeiten und trotzdem robust sind oder besonders edel wirken - so wie der Käse, der zum Schmuckstück wird.

          Kunststoffe müssen nicht aus Erdöl sein

          Seidels Notiz gilt als das älteste deutsche Rezept für die Herstellung eines Kunststoffs. Jedenfalls dann, wenn man nur das Kunststoff nennt, was die moderne Chemie gemeinhin darunter versteht: synthetische Substanzen aus langkettigen Molekülen, insbesondere auf der Basis von Kohlenwasserstoffen. Solche Polymere sind oft durch Druck oder Hitze formbar, also plastisch, daher die Bezeichnung Plastik.

          Allerdings lässt der Wortsinn des Ausdrucks Kunststoff - den es so übrigens nur im Deutschen gibt - Raum für eine weiter gefasste Gruppe von Materialien. Tatsächlich zählen Werkstoffkundler zum Beispiel auch Leim aus Gelatine oder gegerbtes Leder zu den Kunststoffen. Diese haben zwar natürlichen Ursprung, entstehen aber als solche erst durch Menschenhand, sind also künstliche Stoffe und nahmen einst im Alltag jene Plätze und Funktionen ein, für die uns heute die petrochemischen Polymere so unentbehrlich geworden sind (siehe „Inka in Gummistiefeln“).

          Ohne Polymere keine Elektrifizierung

          Auch Pater Wolfgangs Kunsthorn, später Kasein genannt, ist heute weitgehend verschwunden. Nur vereinzelt findet man ihn noch, bei Herstellern von Stricknadeln oder Füllfederhaltern etwa ist das spätmittelalterliche Material dank seiner feinen Marmorierung beliebt. Doch zwischen den modernen Plastiksorten führt das Kunstharz aus Milchproteinen nur ein Nischendasein. Dasselbe gilt für die anderen Vorgänger der heutigen Plastikprodukte: das Ebonit und den Schellack, das Zelluloid und die Vulkanfiber. Dabei waren sie es, die dem heutigen Plastikzeitalter den Weg ebneten. Die frühen Kunststoffe haben den Aufstieg des Bürgertums begleitet und die Industrialisierung überhaupt erst möglich gemacht. Ohne künstliches Isoliermaterial keine Elektrifizierung, ohne Gummireifen kein Autoverkehr, ohne Dachpappe keine Arbeiterhütten in den Vororten der wachsenden Großstädte.

          „Unsere Kunststoffe haben nicht nur eine Technikgeschichte, sondern auch eine Sozialgeschichte“, sagt Uta Scholten, Kuratorin am Deutschen Kunststoffmuseum in Düsseldorf. Rund 15 000 Objekte umfasst ihre Sammlung, angefangen vom Trabi mit seinen Karosserieteilen aus Phenolharz und Baumwollabfällen bis hin zum Hightech-Sportschuh, von der gemeinen Einkaufstüte aus Polyethylen bis zum Plastikfahrrad. Daneben finden sich, in lichtdichten Schränken verborgen und sorgfältig in Papier eingeschlagen, ihre Urahnen: Handspiegel aus Schellack, Döschen aus Kongokopal, Abendtäschchen aus Zelluloid.

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