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Krise der Physik : Verführte Physiker

Er sah das Higgs-Boson - und danach nichts mehr Neues: Der gewaltige „CMS“-Detektor am Large Hadron Collider des Forschungszentrums Cern bei Genf. Bild: Science Photo Library

Die theoretische Physik tritt seit Jahrzehnten auf der Stelle. Sabine Hossenfelder forscht über Quantengravitation und hat einen überraschenden Grund für die Krise ausgemacht.

          9 Min.

          Frau Hossenfelder, eines der erfolgreichsten populären Sachbücher über Physik stammt von dem amerikanischen Theoretiker Brian Greene und trägt den Titel „Das elegante Universum“. Nun haben Sie soeben ein Buch veröffentlicht, das im September auf Deutsch unter dem Titel „Das hässliche Universum“ erscheint. Dort gehen Sie mit der Meinung, die Physik müsse auf der Ebene der fundamentalen Naturgesetze schön und symmetrisch sein, hart ins Gericht. Wie kommen Sie darauf?

          Ulf von Rauchhaupt
          Verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Ursprünglich sollte das Buch vor allem davon handeln, wie die Gruppendynamik in der wissenschaftlichen Community die Forschungsinteressen der einzelnen Wissenschaftler beeinflusst. Aber dann ist mir als Beispiel dieses Problem mit der Schönheit eingefallen. Es hat in letzter Zeit enorm an Aktualität gewonnen, nachdem am Large Hadron Collider (LHC), dem großen Beschleuniger in Genf, die neuen Elementarteilchen ausgeblieben sind, die man aufgrund der Supersymmetrie erwartet hatte, einer als besonders schön geltenden Theorie-Idee.

          Soziale Phänomene in der theoretischen Physik gehören in Ihrem Buch trotzdem zum Thema. Nun sind Sie nicht die Erste, die darauf hinweist. Da gab es 2006 bereits Peter Woit mit „Not even wrong“ oder im gleichen Jahr Lee Smolins „The Trouble with Physics“. Schon diese Autoren prangern an, dass die Stringtheorie im Übermaß Ressourcen abgreift, nicht weil sie irgendwelche Beobachtungen besser erkläre als alternative Ansätze, sondern weil sie die größte Lobby hat.

          Ja, die Stringtheorie. Mir ging es aber darum, klarzumachen, dass das wirklich ein allgemeines Problem ist. Ich beschränke mich in dem Buch auf die Grundlagen der Physik, weil ich dort selbst arbeite und mich am besten auskenne. Aber ich habe keinen Grund zu der Annahme, dass es in anderen Bereichen der Wissenschaft anders ist. In den Grundlagen der Physik aber liegt das Problem wie unter einem Vergrößerungsglas, weil wir dort eben die Daten nicht haben, die Theoretiker daher korrektivlos vor sich hin spekulieren können.

          Dabei, sagen Sie, würden sich die Wissenschaftler allzu sehr vom Kriterium der Schönheit einer Theorie leiten lassen. Gemeint ist mathematische Schönheit, insbesondere Symmetrien. Solche ästhetische Beurteilung von theoretischen Ansätzen hätten überhandgenommen, seit das letzte Elementarteilchen des Standardmodells entdeckt ist und man vergeblich darauf wartet, dass in Experimenten Hinweise auf „neue Physik“ aufgetauchen. Aber waren mathematische Einfachheit und Symmetrie nicht vorher schon – zu Zeiten Albert Einsteins, Werner Heisenbergs und Paul Diracs – eine wichtige Richtschnur der theoretischen Physik? Und hatte man seinerzeit damit nicht großen Erfolg gehabt?

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