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Klimaschutz: die Utopie : Das Jahr der neuen Sonne

Europas größte Baustelle im Oktober. Umringt von Baukränen sind in Morgennebel die fertige Montagehalle zu erkennen, in der die Bauteile des Tokamaks zusammengefügt werden, und die Baustelle des Fusionsreaktors selbst. Bild: ITER Organisation, EJF Riche

Der Sonnenreaktor als Hoffnungsanker für ein stabiles Klima: Wird am Ende vielleicht die Kernfusion den Energiehunger der Menschheit stillen?

          4 Min.

          Dreißig Kilometer nordöstlich von Aix-en-Provence, am Rande des Nationalparks Luberon liegt Europas größte Baustelle. Sie ist so groß wie sechzig Fußballfelder und befindet sich auf dem Gelände des südfranzösischen Forschungszentrums Cadarache. Seit zwölf Jahren wird dort an einem der größten Experimente gearbeitet, die  je von Menschenhand geschaffen wurden: dem internationalen Fusionsreaktor Iter.

          Manfred Lindinger

          Redakteur im Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Mit der gewaltigen Maschine, die zwanzig Stockwerke überragen wird, will man jenen Prozess simulieren, der im Inneren der Sonne abläuft und unser Gestirn seit mehr als vier Milliarden Jahren am Brennen hält. Gelingt das Experiment, ginge nicht nur ein sechzig Jahre alter Traum der Fusionsforschung in Erfüllung. Durch die kontrollierte Verschmelzung von Wasserstoffkernen zu Heliumkernen könnte der Menschheit auch eine theoretisch unerschöpfliche Energiequelle erschlossen werden – mit im Vergleich zur Kernenergie phantastischen Konditionen.

          Schon ein Gramm des Brennstoffs – die Wasserstoffisotope Deuterium und Tritium – würde in einem künftigen Fusionsreaktor so viel Energie liefern, wie bei der Verbrennung von elf Tonnen Kohle entsteht, ohne dabei das Klima durch den Ausstoß von Kohlendioxid zu belasten. Auch über eine Verknappung des Brennmaterials müsste man sich keine großen Sorgen machen. Deuterium kann aus Wasser und Tritium über eine Kernreaktion aus Lithium gewonnen werden. Weil keine langlebigen radioaktiven Abfälle entstünden, entfiele auch das Problem der Endlagerung. Auch ein Unfall wie bei einem Kernkraftwerk wäre bei einem Fusionskraftwerk nicht zu befürchten. Ist die Kernfusion also die ideale Energiequelle, um den ungebremsten Energiehunger der Welt langfristig zu stillen und das Weltklima vor dem Kollaps zu bewahren?

          Auch die Chinesen setzen auf Fusionsstrom

          Sylvia Kotting-Uhl, Vorsitzende des Umweltausschusses und in der Grünen-Bundestagsfraktion zuständig für Kernfusion, ist skeptisch. Bezüglich der entscheidenden Klimaschutzmarke 2050 ist für sie klar: „Die Kernfusion käme zu spät.“ Aufgrund fundamentaler physikalischer Probleme sei ohnehin fraglich, ob es überhaupt je Fusionskraftwerke geben wird. Die Milliarden, die bislang in die Fusionsforschung geflossen sind, fehlten ihrer Meinung nach dringend bei der notwendigen Forschung zu Energieeffizienz oder Speicherung.

          Rund 2000 Menschen arbeiten in Cadarache am Fusionsreaktor Iter, der hier im Vordergrund erreichtet wird. Dahinter ist die Montagehalle zu sehen, in der die Bauteile für den Reaktor zusammengefügt werden.

          Und in der Tat: Sollte das Fusionsfeuer in Cadarache wie derzeit geplant bis 2035 zünden, wird es wahrscheinlich noch bis Ende des Jahrhunderts dauern, dass die Kernfusion einen nennenswerten Beitrag zur CO₂-freien Stromerzeugung liefern wird. Denn Iter soll nur die Machbarkeit zeigen, aber selbst keinen Strom erzeugen. Das wird erst dessen Nachfolger „Demo“ tun, der frühestens 2050 in Betrieb gehen könnte – vorausgesetzt, Iter wird ein Erfolg. Danach erst wäre der Weg frei für die ersten kommerziellen Kraftwerke, zumindest aus europäischer Sicht.

          Eiliger hat es China. Das Reich der Mitte ist zwar wie Europa, Japan, Russland, Südkorea, Indien und die Vereinigten Staaten an Iter beteiligt und liefert wie seine Partner viele Bauteile nach Südfrankreich. Es will aber einen eigenen Testreaktor bauen. Dieser soll anders als Iter bereits Fusionsstrom erzeugen und das für die Fusionsreaktion benötigte Tritium aus Lithium selbst erbrüten. Im kommenden Jahr sollen in China die Bauarbeiten beginnen. Geplante Fertigstellung des Kraftwerks: 2030.

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